Wissenschaftliches Schreiben

Lernen von den Profis

Von Sibylle Anderl
 - 09:00

Was waren das für paradiesische Zeiten, als man sich als Wissenschaftler noch herzlich wenig um Kommunikation zu scheren brauchte. Als bei wissenschaftlichen Publikationen das „Wie“ dem „Was“ noch nicht den Rang abgelaufen hatte. Heute hingegen teilen sich die Wissenschaftler die Sorgen mit all den anderen, die öffentlich kommunizieren: Wie erzeuge ich Aufmerksamkeit? Wie generiere ich Leser? Wie ziehe ich die Adressaten hinein in den – im Fall der Wissenschaft oft nicht unbedingt kurzweiligen – Haupttext?

Die Unternehmung steht und fällt, da gibt es keinen Zweifel, mit der gelungenen Titelwahl. „Sie sollten einen Titel wählen, der Interesse weckt, treffsicher den Inhalt beschreibt und zum Weiterlesen animiert“, so legt zumindest der Springer Verlag seinen Autoren die Quadratur des Kreises nahe. Doch damit nicht genug: „Artikel mit kürzeren Titeln werden häufiger zitiert“, vermeldete die Zeitschrift „Nature“ vor zwei Jahren. Auch wenn die Details der zugrundeliegenden bibliometrischen Analyse etwas umstritten blieben – die dahinter stehende Idee leuchtet ein. Schon William Shakespeare hatte die Kürze als Seele des Witzes identifiziert und sich selbst bei der Betitelung seiner Werke stets an diese Faustregel gehalten. Shakespeare, der Titelexperte – ein Narr, wer das Talent des Dichters nicht für sich zu nutzen wüsste.

Eine Auswertung der in der Datenbank Medline aufgeführten medizinischen Veröffentlichungen fand bereits im Jahr 2005 ganze 1400 Artikel mit Shakespeare-Anspielung, ein Drittel davon mit Variationen von „Sein oder Nichtsein“. Die Strategie der wissenschaftsfernen Titel-Referenz hat sich seitdem kaum abgeschwächt, im Gegenteil ist sie heute lebendiger denn je. Der kanadische Jura-Professor Timothy Caulfield hat sich zwischen den Jahren die Mühe gemacht, unter Mithilfe der Twitter-Community eine Liste der schrecklichsten und doch überwältigend weit verbreiteten Titelreferenzen des Jahres 2017 zusammenzustellen, darunter „Lost in translation“, „The Good, the Bad, and the X“ sowie „Size matters“. Das kann dann so poetisch klingen wie beispielsweise „Lost in translation? Micro RNAs at the rough ER“ oder „Dietary Fat: The Good, the Bad, and the Ugly“.

Man kann heute allerdings schon absehen, dass den Klassikern bald der Rang als Inspirationsspender für wissenschaftliche Publikationstitel abgelaufen wird, denn das vergangene Jahr hat unbezweifelbar einen neuen Kurztextkönig gekürt: Kaum jemand versteht es so gut, in knappen Worten Aufmerksamkeit zu erzeugen, wie Wissenschaftsgegner Donald Trump. „Make dopamine neurons great again“ oder „Endocrine Covfefe“ sind nicht die einzigen Artikel, die von Trumps wachsendem Titel-Einfluss zeugen. Aber funktioniert der Trick? Die Studie von 2005 bleibt skeptisch: „Ob Anspielungen mehr Leser anziehen oder Zitationsraten erhöhen ist unbekannt.“

Quelle: F.A.Z.
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite