Fußballer-O-Beine erklärt

Kinder, Profiträume und der Littbarski-Effekt

Von Joachim Müller-Jung
 - 12:35

Es ist der Traum vom Profifußball, der sie antreibt. Ein Star werden, umworben von den größten und teuersten Clubs, und nichts muss man dafür tun, als das, was manchen vom ersten Schritt an am meisten Spaß zu machen scheint: Mit dem Fuß am Ball zaubern und die anderen schwindelig dribbeln. Viele von diesen Wunderknaben fallen schon im Grundschulalter auf. Eltern und Trainer suchen für sie Fußballschulen und wer es in einen der frühen Leistungskader schafft, kann es schon vor der ersten Französischstunde etwa zur jährlichen Europameisterschaft der Kleinen, den „Europoussins“, in die Bretagne, schaffen. Nichts stört die ersten Karriereschritte, nicht einmal die Pubertät. Die flinken Beine sind kurz und doch ein gewaltiges Startkapital. Der Haken dabei: Das Wachstum der Kleinen. Es macht sie anfällig für anatomische Fehlbildungen. Gerade dort, wo es Fußballern auch später am häufigsten wehtut: Am Knie.

Unterhalb des Knies, im Schienbein, liegt eine Wachstumsfuge, die den besonderen Anforderungen des Fußballspiels besonders ungünstig ausgesetzt sein kann. Und zwar so extrem bei manchen Kinderfußballern, dass in der Zeit des vorpubertären Wachstumsschubs die Grundlagen für krumme Beine gelegt werden: Das Risiko für O-Beine ist bei Jungen, die derart intensiv und leistungsorientiert Fußball trainieren, um mehr als 50 Prozent erhöht. „Genu varum“, so heißt die O-Bein-Stellung medizinisch, kann zum Markenzeichen werden, wie das beim ehemaligen Kölner Ex-Weltmeister und Ballschlenzer Pierre Littbarski der Fall war.

Langfristig gesehen aber kann sie auch zur Bürde werden. Mit Kniebeschwerden und später Kniegelenkarthrosen haben sie mehr zu tun als andere. Wie es zu den O-Beinen kommen kann, darüber berichten jetzt im „Deutschen Ärzteblatt“ Münchener Chirurgen um Peter Helmut Thaller und Julian Fürmetz von der Ludwig-Maximilians-Universität in ihrer Metaanalyse. 1344 Fußballspieler und fast ebenso viele Nichtfußballer waren in den kontrollierten Studien untersucht worden. Übrigens ausschließlich Jungen, nicht nur, weil immer noch mehr Jungen Fußball spielen, sondern auch, weil sich die Beine bei Mädchen anders entwickeln als bei Jungen. Gut 1,65 Millionen männlichen Fußballern im Wachstumsalter stehen 300.000 Fußballmädchen gegenüber.

Das sensible Knie der jungen Fußballer

Was die Kinderbeine anfällig macht für die O-Bein-Stellung ist dreierlei: Zum einen ist es das Dribbeln – die häufigen und extremen Richtungswechsel, die die mechanische Belastung im Kniebereich verstärken. Vor allem, wenn immer wieder bis zur Erschöpfung gespielt wird, destabilisiert das die Kniegelenke, was nicht nur die Verletzungsgefahr erhöht, sondern offenbar auch an der „weichen“ Wachstumsfuge im Kniebereich entsprechend starke Reize setzt, die zur Verschiebung der Beinachse führen. Es ist aber nicht nur die flinke, intensive Bewegung. Die Stollenschuhe, ein beliebtes und auf vielen Plätzen notwendiges Ausrüstungsdetail des Fußballs, kann die Fehlstellung zusätzlich fördern. Die Stollenschuhe schränken beim Stehen die natürliche Außenrotation des Beins ein. Beinfreiheit geht quasi verloren, die Füße zeigen mehr nach innen als nach außen. Auch die stark beanspruchte Adduktorenmuskulatur wird oft als Quelle des Übels genannt. Die Münchener Mediziner halten allerdings eine Muskeleinheit der Beine für sehr viel relevanter, die sogenannte Hamstring-Muskulatur, die das Kniegelenk übergreift und für die Fußballerbewegungen sehr viel wichtiger ist. Auch sie führt, stark beansprucht durch die intensive Dribbelarbeit der Kleinen, zur Überbeanspruchung der Knie. Und diese Überbeanspruchung trifft, was später und bei erwachsenen Fußballern keine Rolle mehr spielt, eben die Wachstumszonen in den Unterschenkelknochen.

Drei Ratschläge für den Nachwuchs

Für die Münchener Chirurgen ergeben sich aus alledem drei Ratschläge für die ambitionierten Nachwuchskicker: Weniger dribbeln, anderes Schuhmaterial und „angepasste Trainingsintensität“ – sprich: den Ball öfter liegen lassen. Bittere Pillen für die kleinen Superstars. Medizinisches Wissen kann so grausam sein – und für die reale Lebensführung gelegentlich auch nur von theoretischem Wert.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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