Soziale Systeme

Daher das Wort Telegrammstil

Von Boris Holzer
 - 17:00

Im Laufe der Entwicklung moderner Kommunikationstechnologien ist es immer mehr zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass wir mit allen Teilen der Welt in Kontakt treten können – und das nahezu ohne Verzögerung der Nachrichtenübermittlung. Die Grundlage dafür wurde im Jahr 1866 gelegt: ein Transatlantikkabel, das die Übermittlung telegraphischer Botschaften zwischen Europa und Amerika erlaubte. Während eine erste Verbindung ein paar Jahre vorher nur ein paar Tage funktionstüchtig gewesen war, wurde das Kabel von 1866 zum dauerhaften Fundament eines schnell wachsenden globalen Kommunikationsnetzes – eines „viktorianischen Internets“, so die auf den ersten Blick treffende Analogie des britischen Journalisten Tom Standage.

In ihrem pünktlich zum 150-jährigen Jubiläum des Transatlantikkabels erschienenen Buch „Wiring the World“ wirft die Münchner Historikerin Simone M. Müller einen genaueren Blick auf die Anfänge weltweiter Kommunikation. Wie bereits der Titel der Studie anzeigt, war die kommunikative Erschließung des Planeten bereits in den ersten Schritten vorgezeichnet. Die Revolution, die eine nahezu ohne Zeitverlust erfolgende Nachrichtenübermittlung über große Distanzen bedeutete, blieb den Zeitgenossen nicht verborgen. Das britische Satire-Magazin „Punch“ persiflierte die Aufregung über die neue Gleichzeitigkeit mit der Feststellung, eine telegraphische Nachricht erreiche Amerika nun fünf Stunden, bevor sie überhaupt aus England abgeschickt worden sei.

Dennoch erlangte das Telegraphennetz zu keinem Zeitpunkt eine mit dem Internet vergleichbare Bedeutung für die Alltagskommunikation. Zu klein war die Zahl der Nutzer, zu hoch waren die Kosten der vor allem auf ökonomische und politische Interessen ausgerichteten Technik. Selbst den Brief konnte die Telegraphie noch nicht ersetzen, wie die Nutzer schnell lernten: Eine mehr als 4000 Wörter umfassende Depesche der amerikanischen Regierung an ihren Botschafter in Paris kostete im Jahr 1866 mehr als 2000 Britische Pfund (nach heutiger Kaufkraft mindestens 200.000 Euro) und benötigte zehn Stunden zur Übermittlung. Zwar sanken die Preise recht schnell, doch die transatlantische Verbindung blieb eine „goldene Brücke“, die nur Wohlhabende benutzen konnten.

1870 bestehen ein Drittel der Telegramme aus fünf Wörtern

Wer sich Telegramme leisten konnte oder musste, versuchte, die in der Regel per Wort abgerechneten Kosten zu kontrollieren. Die Devise, sich kurz zu fassen, wurde dementsprechend ernst genommen: Ende der 1870er Jahre bestand fast ein Drittel der Deutschland verlassenden Telegramme aus fünf Wörtern oder weniger. Die durchschnittliche Länge einer transatlantischen Nachricht lag bei weniger als zwölf Wörtern. Dahinter steckten teilweise findige Methoden, durch Zusammenschreibung die Wörterzahl zu reduzieren oder fremdsprachige Wörter zu benutzen, wenn sie mehrere andere Wörter ersetzen konnten. Die derart komprimierten Botschaften hatten allerdings den Nachteil, dass sie oft miss- oder sogar unverständlich waren. Man behalf sich dann mit einer Erläuterung per Brief, die das Telegramm mit einiger Verspätung begleitete.

Trotz dieser Einschränkungen und Unzulänglichkeiten waren die Erwartungen an die gesellschaftlichen Folgen der Telegraphie unter den Zeitgenossen hoch. Mehr Kommunikation, so eine geläufige Annahme, bedeutet auch mehr Verständigung. Der „globalen elektrischen Union“ wurde folgerichtig eine friedensstiftende Wirkung zugesprochen. Auf die Erkenntnis, dass die Telegraphie wie jede Technik auch für weniger hehre Zwecke genutzt werden kann, reagierte man mit der Gründung internationaler Organisationen wie der „International Telegraph Union“ (ITU) und internationalen Verträgen, mit denen die politische Neutralität der technischen Infrastruktur gesichert werden sollte.

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Vor rund 150 Jahren startete mit dem Transatlantikkabel die Vernetzung der Welt in Echtzeit.

Im Vergleich zur internationalen Wirtschaft und Politik blieb der Einfluss eines breiteren Publikums begrenzt. Es gab durchaus Stimmen, die einer Nutzung für „soziale Nachrichten“ das Wort redeten und eine deutliche Reduzierung der Tarife forderten. Doch dies blieb eine von außen herangetragene Forderung, die bei den Entscheidern der Kabelgesellschaften auf wenig Gegenliebe stieß. Sie argumentierten, dass eine Senkung der Preise in einem Maße, dass diese für triviale Nachrichten attraktiv sein könnten, schlicht nicht möglich wäre – und dass umgekehrt die geltenden Preise für wichtige Nachrichten durchaus angemessen seien.

Ebenso abgelehnt wurde lange Zeit die Verknüpfung weiterer Erdteile durch zusätzliche Kabel. Einer Verbindung zwischen Südamerika und Grönland wurde zum Beispiel entgegengehalten, dass die Eskimos von den „merkwürdigen Einwohnern Feuerlands“ gar nichts wissen möchten – und sich ohnehin nicht mit ihnen verständigen könnten. Entsprechend absurd wäre damals wohl die Vorstellung erschienen, dass ein Jahrhundert später nicht Verständigung, sondern erratische Tweets und niedliche Katzenvideos die globale Kommunikation prägen könnten.

Kommunikation
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© afp, afp
Quelle: F.A.S.
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