F.A.Z. Woche

„Die Ängstlichen sind das Rückgrat der Wirtschaft“

Von Daniel Mohr
 - 09:00

Herr Professor Bandelow, die Deutschen werden lieber Beamte als Unternehmer. Was läuft hier schief?

Den Ängstlichen verdanken wir unseren Reichtum.

Wieso das denn?

Weil sie ihr Hab und Gut besser zusammenhalten. Da steckt eine 200.000 Jahre alte Angst dahinter. Damals waren unsere Breitengrade eine unwirtliche Gegend, in der nur die Hälfte des Jahres etwas wuchs. Wer nicht verhungern wollte, der musste sorgsam bevorraten und langfristig vorausplanen. Darin waren die Ängstlichen besser. Die Unbekümmerten sind gestorben.

Aber heute muss hier doch niemand mehr Angst vor dem Verhungern haben.

Diese heute überholte Urangst hat sich vererbt wie die Angst vor Spinnen, die weit verbreitet ist, obwohl hier die gefährlichen Spinnen ausgestorben sind. Das Bedenkenträgertum hat aber auch Vorteile. Noch heute denken wir nachhaltiger, sorgen besser für die Zukunft vor. Rund um den Äquator, wo das ganze Jahr etwas wächst, hat man diese Denke nicht. Da wird ein ganzes Jahresgehalt für eine Hochzeit oder eine Beerdigung ausgegeben.

Nur mit Bedenkenträgern lässt sich aber doch kein Staat machen.

Das ist richtig. Die Zocker, die Mutigen, die muss es auch geben, sonst geht nichts voran. Das Rückgrat der Wirtschaft, das sind aber die Ängstlichen.

Das müssen Sie erklären.

Sozialängstliche Leute versuchen immer, ihre Leistung zu verbessern. Die wollen jeden Anlass zu Kritik vermeiden. So werden sie immer besser, übererfüllen ihre Ziele und trauen sich meist noch nicht einmal, eine Gehaltserhöhung zu fordern. 60 Prozent der Deutschen sind schüchtern und sozial zurückhaltend. Ein Glücksfall für die Wirtschaft.

Aber auch ein Glück für die Betroffenen?

Es geht hier nicht um krankhaft sozialängstliche Menschen wie meine Patienten. Es geht um ganz normale Leute, die sich oft unnötige Sorgen machen, aber in ihrem vorausschauenden und bedachten Leben nicht unglücklich sein müssen.

Geht es den Mutigen besser?

Nein, so einfach ist das nicht. In den Slums von Jakarta sehe ich viel mehr glückliche Gesichter als wenn ich hier in Frankfurt am Flughafen lande und in die Gesichter sicherlich nicht unerfolgreicher und mutiger Banker blicke.

Was kann man da tun?

Glück lässt sich jedenfalls nicht in Euro messen. Wir sind in Europa reicher geworden als weite Teile der Welt, aber nicht glücklicher.

Schließen sich Reichtum und Glück aus?

Nein. Zum Beispiel können an der Börse sehr erfolgreiche Händler sehr glücklich sein. Steigt der Kurs, werden Endorphine, also Glückshormone, ausgeschüttet. Das funktioniert aber nur, wenn die Kurse auch mal fallen. Man hat das mal an Affen getestet. Wenn sie jeden Tag ein Stück Apfel bekamen, wurde ihnen das langweilig, und sie empfanden kein Glück mehr. Aber wenn man ihnen drei Tage keinen Apfel gab, und dann gab es wieder ein Stück und nach einer Stunde später noch eins, also ganz unregelmäßig, da war die Endorphinausschüttung viel größer.

Die meisten Deutschen empfinden an der Börse kein Glück, sondern haben Angst vor Verlusten und lassen vor lauter Ängstlichkeit ihr Geld zinslos versauern.

Angst ist kein guter Statistiker. Viele gehen aus Angst vor Terror nicht auf den Weihnachtsmarkt, zu einem Fußballspiel oder zu einem Musikkonzert. Dabei ist der Skiurlaub viel gefährlicher.

In Schweden wird den Beschäftigten automatisch ein Teil ihres Gehaltes in Aktien für die Altersvorsorge angelegt. Wäre das nicht auch ein Modell für Deutschland?

Wenn einem Ängstlichen eine Entscheidung abgenommen wird, macht ihm das die Sache leichter.

Aber umerziehen können wir ihn nicht?

Nein, das muss auch gar nicht sein. Es gibt unter den Menschen ein natürliches Verhältnis von Zockern und Zauderern, das folgt einer Normalverteilung. Beide werden in der Wirtschaft gebraucht.

Aber täte der Wirtschaft nicht mehr Mut, mehr Gier nach Erfolg gut?

Ängstliche können auch gierig sein. Wenn ihre Aktien immer weiter steigen, finden sie nicht den Absprung, sie zu verkaufen. Die wollen auch ihr Geld vermehren. Das führt aber meist zu Unbedachtheit. Angst ist dann kein guter Ratgeber.

Das Gespräch führte Daniel Mohr.

Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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Quelle: F.A.Z. Woche
Daniel Mohr
Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.
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