Soziale Systeme

Dem Verbrechen auf der Datenspur

Von Boris Holzer
 - 09:23

In der Kurzgeschichte „Minority Report“ hat der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick eine Zukunft skizziert, in der Verbrechen nicht mehr vorkommen: Mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattete „Precogs“ versetzen die Precrime-Units in die Lage, auf der Grundlage ihrer Vorhersagen die Kriminellen, die zu diesem Zeitpunkt noch gar keine sind, aus dem Verkehr zu ziehen. Die Geschichte und der gleichnamige Hollywood-Film möchten nicht die Vorzüge eines solchen Systems, sondern vor allem dessen Gefahren vor Augen führen – nicht zuletzt die Möglichkeit, dass ein Verdacht zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird, wenn der Beschuldigte nur an sie glaubt.

Als die Geschichte vor mehr als sechzig Jahren veröffentlicht wurde, war noch nicht absehbar, ob und wie schnell die Wirklichkeit sich diesem Szenario annähern würde. Immer öfter hört man von den Versprechen und den Erfolgen „prädiktiver“ Polizeiarbeit (predictive policing), die mit Hilfe von Computern und Algorithmen versucht, Verbrechensrisiken zu prognostizieren. So können zum Beispiel aktuelle Informationen über Einbrüche Aufschluss über künftige Diebstähle geben, weil die Taten oft in einem zusammenhängenden Gebiet begangen werden. Auch für andere Arten von Delikten gibt es mittlerweile spezialisierte Software, die dem Verbrechen nicht nur auf der Spur, sondern einen Schritt voraus sein soll.

Über den tatsächlichen Einsatz derartiger Systeme und wie dieser die Polizeiarbeit verändert, ist bislang jedoch wenig bekannt. In einer aktuellen Veröffentlichung informiert die amerikanische Soziologin Sarah Brayne über eine Studie, die sie beim „Los Angeles Police Department“ (LAPD) durchgeführt hat – einer der größten Polizeidienststellen der Vereinigten Staaten, die seit einigen Jahren in die elektronische Unterstützung ihrer Arbeit investiert. Zwei Entwicklungen haben dieses Feld zuletzt geprägt: einerseits die Ausweitung von Überwachungstechnologien, andererseits die zunehmende Nutzung sogenannter Big-Data-Ressourcen, also die Analyse der großen Datenmengen, die im Zuge der Nutzung computerisierter Systeme anfallen. Wer mit der Karte bezahlt, ein Auto ausleiht oder eine Mautstelle passiert, hinterlässt elektronische Spuren, die ausgewertet werden können.

Die Polizei genießt dabei nicht eine derart privilegierte Position wie Google, Amazon und Co., denen die Nutzer freiwillig ihre Daten anvertrauen. Aber auch die Polizei hat einerseits Zugriff auf persönliche Informationen und andererseits eine Vielzahl von Umweltkontakten, die sich dokumentieren und analysieren lassen. Eine Schlüsselrolle für das Datensystem des LAPD spielen die Field-Interview-Karten, auf denen Streifenpolizisten jeden „Kundenkontakt“ protokollieren. Diese werden gespeichert und mit anderen Datenquellen kombiniert. In der entsprechenden Datenbank können Individuen Punkte sammeln – allerdings keine Bonus-, sondern Maluspunkte: Für Gewaltverbrechen, Gangmitgliedschaft und Bewährungsstrafen gibt es beispielsweise fünf Punkte und schon allein für jeden Kontakt mit einem Polizeibeamten einen Punkt. Ein hoher Score ist Anlass für besondere Aufmerksamkeit, die es wahrscheinlicher macht, dass weitere Punkte hinzukommen. Man mag darin eine leicht durchschaubare Pfadabhängigkeit erkennen – neu ist diese aber nicht, da die Polizei bereits lange vor der Nutzung elektronischer Systeme ihre Kunden kategorisiert hat.

Algorithmen für Streifenpolizisten

Andere Systeme gehen einen Schritt weiter. Eine Software der Firma PredPol wird genutzt, um Streifenpolizisten dorthin zu schicken, wo ein Algorithmus es aufgrund vorhandener Daten für wahrscheinlich hält, dass sich ein Verbrechen ereignen könnte. Ein anderes Softwaresystem identifiziert Merkmale und Muster, in denen sich Verbrechensereignisse an unterschiedlichen Orten und Zeiten ähneln, und macht die Beamten darauf aufmerksam. Wenn sie in der Datenbank nach einem Namen suchen, den vielleicht bereits ein Polizist in San Francisco eingegeben hat, werden sie alarmiert. Das aber bedeutet, dass sich die Anfragen bereits in Daten verwandeln und von den Polizisten als quantifizierte Anhaltspunkte für einen Verdacht behandelt werden. Dadurch erweitert sich das Netz polizeilicher Beobachtung beträchtlich. Der Grundsatz, dass ein Anfangsverdacht vorliegen muss, um polizeiliche Ermittlungen zu begründen, verliert an Bedeutung, insofern immer neue Datenquellen angezapft und mit den polizeilichen Daten verknüpft werden. Alle Individuen führen, so Brayne, tendenziell „incriminating lives“, da ihre gesammelten Daten auch retrospektiv genutzt werden können.

Das wissen natürlich auch die Polizisten. Eine Funktion der PredPol-Software hat ihre Gewerkschaft deshalb gleich deaktivieren lassen: Die Positionen der Einsatzfahrzeuge werden nicht automatisch mit Hilfe der installierten GPS-Sender aufgezeichnet, sondern manuell eingegeben. Damit niemand auf die Idee kommt, hier eine neue Datenquelle für interne Ermittlungen zu sehen.

Quelle: F.A.S.
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