Kreativität und Dunkelheit

Freier Gedanken nie fliegen

Von Bente Lubahn
 - 19:57

Siebzehn Milliarden. Das ist die Zahl der Lichter, die Schätzungen zufolge in dieser Adventszeit die deutschen Straßen schmücken. Sie machen der Dunkelheit auch jetzt, an den kürzesten Tagen des Jahres, den Garaus. Die naturgegebenen Grenzen von Tag und Nacht, Sommer und Winter schwinden immer mehr. Heller denn je leuchtet die Erde. Denn die Dunkelheit ist zwar geheimnisvoll und mystisch, für viele aber vor allem unheimlich und einschränkend.

„Um zu verstehen, warum wir die Dunkelheit so fürchten, muss man in die Geschichte schauen“, sagt die Volkskundlerin Dagmar Hänel vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn. Sie beschäftigt sich von Berufs wegen mit der kulturellen Wahrnehmung dieses Phänomens. „Über Jahrhunderte lebten die Menschen in existentieller Abhängigkeit vom Licht. Die Dunkelheit schränkte ihr Leben in Zeiten, in denen Kerzen das einzige Leuchtmittel und extrem teuer waren, sehr ein“, sagt Hänel. Der Winter war für die Menschen oft lebensbedrohlich, verbunden mit Hunger und Kälte. Erst mit dem Frühling kam die Sonne wieder und versprach neue Fruchtbarkeit.

Dunkelheit mit Tod und Unheil assoziiert

Da damals naturwissenschaftliche Zusammenhänge, wie etwa die Photosynthese der Pflanzen, noch nicht entschlüsselt waren, wurde vieles in Symbolik übertragen. An Weihnachten feierten Christen beispielsweise auch, dass mit Jesus das Licht in die Welt gekommen ist. Als ein Symbol Gottes war es extrem positiv besetzt und in seiner Dichotomie zur Dunkelheit von universeller Gültigkeit. Längst nicht nur das Christentum verband das Licht mit Sicherheit und Wärme, kurz dem Leben. Die Dunkelheit hingegen wurde mit Tod und Unheil assoziiert.

„Es ist für den Menschen beängstigend, wenn er eine Situation nicht überblicken kann“, sagt Hänel. Andererseits bringt die Dunkelheit auch ein starkes Gefühl von Freiheit mit sich. „Wir sehen uns dann selbst weniger Beobachtung ausgesetzt“, sagt Anna Steidle. Die Ludwigsburger Psychologin erforscht, wie die Beleuchtung von Innenräumen unser Wohlbefinden beeinflusst. „In jeder neuen Situation führt unser Gehirn eine Art Schnellscan durch. Wir bewerten die vorherrschende Atmosphäre und leiten daraus ab, wie wir uns selbst am besten verhalten sollten“, beschreibt sie den psychologischen Mechanismus, der einsetzt, wenn wir ein mehr oder weniger gut beleuchtetes Zimmer betreten. Erwartet uns dort vielleicht ein formelles Setting, das Anpassung und Selbstkontrolle erfordert? Oder eher ein gemütliches, informelles, das zu Entspannung einlädt? Steidles Forschung zeigt, dass sich Menschen in der Verborgenheit des Dunklen anonymer und freier von sozialen Normen fühlen. Dann überwinden sie leichter mentale Grenzen, sind offener und denken globaler.

Ganz banal kann das erklären, warum in der Adventszeit alle Jahre wieder kreatives Backen oder Basteln Konjunktur hat. Dunkle Stunden bieten allgemein einen Nährboden für neue Ideen. „Unsere Aufmerksamkeit ist weiter gefächert als sonst, so dass man auch Gedanken, die zunächst nicht in einen Kontext zu passen scheinen oder gar absurd wirken, eher zulässt und weiterverfolgt“, sagt Anna Steidle. Kreativität zeige sich daher nicht nur im Schaffen, sie helfe auch, Alltagsprobleme zu lösen. In einer ihrer Studien bekamen die Teilnehmer eine Schachtel Streichhölzer und Reißzwecken, um eine Kerze an der Wand zu befestigen. Auf die Idee, die Schachtel zu entleeren, um sie mit der Zwecke an die Wand zu pinnen und sie so als Kerzenständer zu nutzen, muss man freilich erst einmal kommen. Kreatives Schaffen war jedoch ebenso gefragt. Steidle und ihre Kollegen schickten die Teilnehmer auf einen Flug durch die Galaxis. Sie sollten sich dabei die Landung auf einem anderen Planeten und die dortigen Bewohner ausmalen. Bei der Beurteilung ging es darum, wie sehr sich das Aussehen der gezeichneten Aliens von typisch menschlichen Charakteristika unterschied. Hatten sie vielleicht Beine am Kopf?

Steidle und ihre Kollegen dunkelten die Räume bei ihren Versuchen ab, allerdings nicht völlig. „Aufgaben wie Zeichnen wäre dann ja gar nicht möglich gewesen. Andererseits wollten wir uns auch nicht allzu weit von der realen Welt entfernen – ganz im Dunkeln arbeitet ja praktisch niemand“, sagt Steidle. In der dunkelsten Beleuchtung dimmten die Forscher das Licht auf 150 Lux, was in etwa der Atmosphäre in einem düsteren Restaurant entspricht. Aber ob es nun stockduster oder etwas schummrig zuging – die Teilnehmer hatten deutlich mehr kreative Einfälle als bei normaler Bürobeleuchtung von 500 Lux, wie die entsprechende DIN-Norm sie empfiehlt. Dieser Effekt zeigte sich sogar, wenn die Probanden sich nur an eine Situation erinnerten, die sie einmal im Dunklen erlebt hatten. Oder ein Gitterrätsel lösten, dass Worte wie „Nacht“ und „schwarz“ enthielt. „Bei diesen Aufgaben konnten wir sicherstellen, dass auf kognitiver Ebene allein die Beleuchtung Veränderungen hervorrief und die Probanden nicht etwa besser arbeiten konnten, weil sie weniger geblendet waren“, sagt Steidle. Helles Licht wirkte sich dagegen gar nicht – und auch nicht hinderlich – auf die Kreativität aus. „Das belegt für uns noch mal ausdrücklich, dass es die besondere Atmosphäre der Dunkelheit ist, die uns freier denken lässt“, sagt Steidle.

Das kommt auch der Harmonie unterm Weihnachtsbaum entgegen. Der gedämpfte Kerzenschein vermag auch so manche überraschende Anwandlung von Sanftmut unter der Tanne zu erklären. „Ob an Weihnachten alte Familienfehden ausarten, hängt hauptsächlich davon ab, ob die Konfliktpartner um jeden Preis ihre eigene Position durchsetzen wollten oder vielmehr Kompromissbereitschaft zeigten. Ihr Selbstkonzept beeinflusst Menschen in dieser Hinsicht stark“, sagt Steidle. Einige fokussieren sich von Natur aus auf ihre sozialen Rollen und Beziehungen, andere stellen genau das Gegenteil ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit, nämlich ihre ganz besonderen Persönlichkeitseigenschaften, die sie von anderen unterscheiden. Wer sich dann besonders individualistisch zeigt, geht auch in Konflikten weniger auf andere ein.

Das durchs Dunkel oder durch gedimmtes Licht getriggerte Freiheitsgefühl führe nun dazu, dass Menschen einander offener und ungehemmter gegenübertreten. Sie fühlen sich den anderen näher und verbundener. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich selbst völlig Fremde bei vollkommener Dunkelheit umarmten und eher private Informationen von sich preisgaben.

Das „Wir-Gefühl“ verbessern

Anna Steidle hat ihre Probanden zum Zanken ins Dämmerlicht geschickt. Sie sollten freilich keinen handfesten Streit anzetteln, sondern sich stattdessen in das fiktive Szenario eines Interessenkonflikts einlesen. Dabei ging es beispielsweise darum, einen Gebrauchtwagen zu verkaufen oder Bedingungen in einem Handelsabkommen auszuarbeiten. Ein Fragebogen erfasste zudem die verschiedenen Konfliktlösestrategien der Teilnehmer, um herauszufinden, ob sie einen Konflikt eher vermeiden und sich unterordnen würden, ob sie einen fairen Kompromiss suchen oder ob das Verhandlungsergebnis voraussichtlich von ihrer eigenen Position dominiert werden würde.

Für Teilnehmer, die sich normalerweise als sehr unabhängig und eigenständig bezeichnen, veränderte das Schummerlicht ihre Sicht auf sich selbst, ihre Rolle innerhalb der Gruppe rückte mehr in den Fokus. Das verbesserte „Wir-Gefühl“ ließ in strittigen Fragen eher einen Kompromiss zu. „Aber auch nur bei denen, denen ihre soziale Stellung innerhalb der Gruppe wichtig ist“, sagt Steidle. Teilnehmer, die Harmonie von vornherein sehr schätzten, und solche, denen soziale Hierarchien gar nicht wichtig sind, vermochte auch das schummrige Licht nicht zu mehr Kooperation zu verleiten.

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Rein intuitiv würde man an dieser Stelle einwenden, dass Dunkelheit ja nicht immer Vertrauen fördert. Die Reaktion darauf ist quasi konditioniert durch die Situation, in der sie erlebt wird. Ähnlich wie Pawlows Hunde beim Klang einer Glocke Speichel absonderten, nehmen Menschen Dunkelheit nur dann als befreiend wahr, wenn sie in einer sicheren Umgebung sind. Wenn das Wohnzimmer in gemütlichem Licht erstrahlt, signalisiert das ein friedliches Beisammensein. Draußen auf der Straße sieht das schon ganz anders aus. „Wer durch eine finstere Gasse spaziert, wittert eher Gefahr und wird besser nicht kreativ und kooperativ, sondern effizient handeln“, sagt Steidle. Wie sich die im Dunklen wahrgenommene Freiheit auswirkt, hängt also stark vom Kontext ab. Studien haben unter anderem bewiesen, dass Menschen dann unter Umständen eher zu ihrem eigenen Vorteil betrügen oder anonyme Lernende im Falle von Fehlern härter bestraften.

Ob alle Welt Dunkelheit als befreiend empfindet, ist ohnehin fraglich. Steidle stimmt mit der Volkskundlerin Hänel darin überein, dass dunkle Straßen wahrscheinlich in den meisten Kulturen als unbehaglich wahrgenommen werden und Menschen darauf eher mit Wachsamkeit als mit Kreativität reagieren. Dass Menschen auch in anderen Ländern das Licht bewusst dimmen, um sich zu entspannen, sei gar nicht mal erwiesen, meint Hänel. Zu kulturellen Differenzen in der Wahrnehmung von Dunkelheit gebe es zwar noch keine ausführlichen Befunde, aber man wisse zum Beispiel, dass rotes Licht in Deutschland als Stoppsignal funktioniert. Chinesen dagegen assoziieren mit Rot vor allem Glück.

Warmweißes Licht fördert Entspannung

Die Übertragbarkeit von streng kontrollierten Laborbefunden auf das Alltagsleben ist ohnehin schwierig. Denn neben der Beleuchtung beeinflussten noch viele andere Faktoren die Wahrnehmung der Atmosphäre. Auch Kaffeegeruch kann Gemütlichkeit signalisieren und befreites Denken fördern. Dennoch setzten einige Unternehmen und Schulen die Hinweise aus der Forschung bereits in die Praxis um. Es gibt interaktive Beleuchtungssysteme, die es ermöglichen, das Licht bei kreativen Aufgaben oder Teamtreffen zu dimmen und in ein warmes Lichtspektrum zu wechseln. „Wir wissen inzwischen, dass auch die Lichtfarbe einen Einfluss hat. Warmweißes Licht fördert Entspannung“, sagt Steidle. Für analytische Aufgaben dagegen würden diese Systeme auf helles, kaltweißes Licht im blauen Spektrum umschalten: „Das signalisiert im Gegenzug eine formelle Atmosphäre und konzentriertes Arbeiten.“ Ob solche interaktiven, nutzerzentrierten Beleuchtungskonzepte tatsächlich die Effektivität der Arbeit steigern, muss sich allerdings noch zeigen.

Wer seine eigene Kreativität vor Weihnachten noch einmal befeuern will, sei jedenfalls nicht auf ein derart komplexes Beleuchtungssystem angewiesen, meint Steidle. Denn der Prototyp gemütlicher Beleuchtung sind und bleiben Kerzen. Sie schaffen genau jene Atmosphäre, die es für eine ideenreiche, harmonische Weihnachtszeit braucht. Und wenn auch das nicht reicht, knipst man das Licht eben mal ganz aus.

Quelle: F.A.S.
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