Wahrnehmung von Gesichtern

Die hundert Arten des Lächelns

Von Jörg Albrecht
 - 13:28

Wenn man wissen möchte, was einem alles zustoßen kann im Leben, ist man bei Antonio Damasio an der richtigen Adresse. Der Mann ist Neurologe, arbeitet an der University of Iowa und hat eine beeindruckende Sammlung von Schicksalsschlägen zusammengetragen, bei denen die Betroffenen mit schweren Hirnverletzungen davonkamen. Schlaganfälle sind darunter, Operationen nach Hirntumoren und natürlich auch der berühmte Fall des Eisenbahnarbeiters Phineas Gage, dem sich am 13. September 1848 nach einer Sprengung eine 1,10 Meter lange und drei Zentimeter dicke Eisenstange durch den Schädel gebohrt hatte.

Gage überlebte den Unfall bei vollem Bewusstsein. Nach wenigen Wochen war er körperlich wieder auf dem Damm. Auch seine intellektuellen Fähigkeiten waren intakt geblieben. Nur seine Persönlichkeit hatte sich komplett verändert. Folgt man den Schilderungen seines behandelnden Arztes, war aus dem freundlichen und ausgeglichenen Mann ein chronisch gereizter Mensch geworden, der sein Leben nicht mehr in den Griff bekam.

Phineas Gages Schädel wanderte auf Umwegen ins Museum. 1994 legte ihn Damasios Ehefrau Hanna in den Scanner und vollzog anhand des Weges, den die Eisenstange genommen hatte, nach, welche Hirnareale damals zerstört worden waren. Soweit sich das feststellen ließ, handelte es sich um den sogenannten ventromedialen präfrontalen Cortex, einen Teil des Stirnlappens, der eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung spielt. Seine Aufgabe ist es, zwischen Emotion und Verstand zu vermitteln. Menschen mit Schäden in diesem Bereich des Gehirns sind durchaus imstande, logisch zu denken. Es fehlt ihnen aber die Instanz, die ihnen sagen könnte, was daraus folgt.

Intuition gehört immer dazu

Was Phineas Gages betrifft, lässt sich im Nachhinein nicht jedes Detail verlässlich rekonstruieren. Es gab keine Autopsie, und die Berichte seines Arztes lassen Zweifel zu, ob die Folgen der Läsion wirklich so waren, wie er sie ausgemalt hat. Doch es gibt andere Fallberichte, die den Befund stützen. In seinem Buch „Descartes’ Irrtum“ erzählt Damasio von einem Patienten, dem er zwei verschiedene Termine vorgeschlagen hatte, an dem sie sich treffen könnten. Der Mann nahm seinen Kalender heraus und zählte eine halbe Stunde lang das Für und Wider auf – eine ermüdende Kosten-Nutzen-Analyse, die zu nichts und wieder nichts führte. Er konnte sich nicht einmal entscheiden, ob er zur Niederschrift seiner Überlegungen einen schwarzen oder einen blauen Stift benutzen sollte. An Ratio mangelte es dem Patienten keineswegs. Nur das Bauchgefühl hatte ihn verlassen und damit offenbar auch die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Mit kühlem Kopf allein sind wir nicht imstande zu handeln. Intuition gehört immer dazu. Wir greifen dabei auf Erfahrungen zurück, die tief in uns schlummern. Psychologen sprechen vom impliziten Gedächtnis, das im Gegensatz zum expliziten Gedächtnis verborgen bleibt und nicht in Worte gefasst werden kann. Selbst Amnesie-Patienten, denen das bewusste Erinnern abhandengekommen ist, sind noch in der Lage, zuvor Erlebtes, Gehörtes oder Gesehenes abzurufen, ohne dass sie sagen könnten, woher sie dieses Wissen nehmen.

Den allergrößten Teil der Sinnesreize, die unablässig auf uns einströmen, nehmen wir so oder so nur unterschwellig wahr. Das Gehirn könnte diesen Overkill an Informationen gar nicht bewusst verarbeiten. Doch unsere Stimmung wird davon beeinflusst und damit die Art und Weise, wie wir ein Urteil fällen. Wir müssen nicht lange darüber grübeln, ob wir einen Menschen sympathisch finden oder ihn im Gegenteil für einen Kotzbrocken halten. Noch bevor er ein Wort gesprochen hat, schätzen wir ihn anhand der Körpersprache und des Gesichtsaudrucks ein. Dafür reicht, wie der Psychologe Alexander Todorov von der Princeton University herausgefunden hat, schon ein flüchtiger Augenblick. Er hatte Probanden Fotos von Unbekannten vorgelegt und sie dazu aufgefordert, die Attraktivität, Glaubwürdigkeit oder Aggressivität der jeweiligen Person zu bewerten. Die Urteile der Versuchsteilnehmer fielen innerhalb einer Zehntelsekunde und veränderten sich auch dann nicht mehr, wenn ihnen dafür unbegrenzt Zeit eingeräumt wurde.

Was seine Artgenossen betrifft, ist der Mensch ein Blitzmerker. Er verfügt zu diesem Zweck eigens über eine bestimmte Gehirnwindung im Schädellappen, den Gyrus fusiformis, der darauf spezialisiert ist, bekannte Gesichter wiederzuerkennen. Von ihm führt ein direkter Draht zum sogenannten Mandelkern, der darüber entscheidet, wie wir die Mimik des Gegenübers deuten. Macht er Anzeichen, auf uns loszugehen? Oder ist er wie angefasst? Überrascht ihn unser Anblick? Oder freut er sich wie Bolle, uns zu sehen? Solche Fragen sind eminent wichtig im sozialen Zusammenleben, deshalb müssen sie auch im Handumdrehen beantwortet werden.

Ein falsches Lächeln durchschauen wir sofort

Angst im Antlitz eines anderen erkennen wir sofort. Ebenso Angriffslust. Aber auch ein Lächeln. Wir bemerken sogar, ob es ehrlich oder bloß vorgetäuscht ist. Der französische Physiologe Guillaume Duchenne konnte im 19. Jahrhundert zeigen, worin der Unterschied liegt. Er traktierte die Insassen einer psychiatrischen Klinik, indem er ihnen Elektroden im Gesicht befestigte und mit Stromstößen verschiedene Muskelpartien reizte. Dabei stellte er fest, dass an einem spontanen Lächeln zwei Gesichtsmuskeln beteiligt sind, nämlich der Große Jochbeinmuskel, der den Mundwinkel hebt, und der Augenringmuskel, der die Haut an den Augenwinkeln kräuselt. Dieses „echte“ Lächeln unterscheidet sich grundlegend vom falschen, aufgesetzten, bei dem nur der Jochbeinmuskel zum Einsatz kommt. Eine unfreiwillige Spielart ist das sogenannte Botox-Lächeln, das nach einer Schönheitsbehandlung zurückbleiben kann, wenn die Augenmuskulatur zum Zwecke der Faltenbeseitigung mit Bakteriengift gelähmt wird.

Duchennes Hauptwerk, der „Mechanismus der menschlichen Physiognomie“, erschien 1863 und hatte großen Einfluss auf Charles Darwin. Dessen letztes Buch war ebenfalls dem Ausdruck des Gemüts gewidmet; die erste Ausgabe verkaufte sich noch hervorragend, doch nach Darwins Tod geriet es nahezu vollkommen in Vergessenheit.

Die Idee, dass es eine begrenzte Anzahl von Gesichtsausdrücken gibt, die allen Menschen gemeinsam sind und von allen gleichermaßen interpretiert werden, hat Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der amerikanische Psychologe Paul Ekman wiederbelebt. Geschult in der Tradition Sigmund Freuds, war er gleichwohl unzufrieden mit der Methode der Psychoanalyse, die sich allein auf Worte stützt. Also begann er damit, auf das nonverbale Verhalten der Patienten zu achten. Bald konzentrierte er sich auf die Mimik. Ließ sich darin nicht besser ablesen, was sie fühlten und dachten?

Ekman ließ Fotos von Schauspielern anfertigen, die mal verärgert, mal angeekelt, mal überrascht oder freudestrahlend in die Kamera blickten. Er zeigte diese Aufnahmen herum und wollte von den Betrachtern wissen, welche Gefühlsregung sie darauf erkennen würden. Die allermeisten stimmten in ihren Urteilen überein. Das bestätigte sich, als Ekman seine Studien auf Chile, Brasilien, Argentinien und Japan ausdehnte. Schließlich war er überzeugt, die Grundbausteine des menschlichen Gesichtsausdrucks samt deren universaler Wahrnehmung quer durch alle Kulturen hinweg gefunden zu haben.

Die Fachkollegen freilich winkten ab und beanstandeten einen systematischen Fehler in der Methode: Die Fotos, die Ekman benutzt hatte, zeigten weiße Amerikaner, und wie die sich mimisch äußern, konnte jeder wissen, der schon einmal einen Hollywoodwestern mit John Wayne oder James Stewart gesehen hatte. Um die Einwände zu widerlegen, war Ekman gezwungen, nach Menschen Ausschau zu halten, die praktisch noch nie mit der amerikanisch geprägten Kultur des Westens in Berührung gekommen waren.

Davon gab es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr viele. Ekman fand sie schließlich bei den Fore, einem Stamm im Hochland von Neuguinea, der wegen seiner archaischen Bräuche das Interesse von Anthropologen geweckt hatte. 1967 verbrachte Ekman mehrere Monate damit, den Ureinwohnern Geschichten zu erzählen, denen sie anschließend den passenden Gesichtsausdruck zuordnen sollten. Und siehe da: Auch die Fore sahen Zorn, Freude, Trauer und Abscheu mit denselben Augen wie ein weißer Amerikaner. Nur Angst und Überraschung konnten sie nicht so gut auseinanderhalten.

Bis zu 43 Muskelgruppen sind beteiligt

Nun ist die menschliche Mimik sehr viel subtiler, als dass man sie auf ein paar Grundemotionen reduzieren könnte. Allein beim Ausdruck von Freude reicht die Skala vom einfachen Lächeln, das man bereits aus hundert Metern Entfernung erkennt, über das gedämpfte Lächeln, das wir absichtlich kontrollieren, um unsere Stimmung nicht allzu offensichtlich werden zu lassen, bis zum sardonischen Lächeln, das der Schauspieler Larry Hagman in seiner Rolle als schurkischer Ölbaron perfektioniert hat.

Es gibt ein klägliches Lächeln, mit dem wir eigenes und fremdes Leid kaschieren, ein ängstliches, verächtliches, einschränkendes, trauriges, unterwürfiges, grausames, kokettes oder genießerisches Lächeln und obendrein noch Kombinationen aus einem oder mehreren davon. Wir können damit genussvolle Wut oder triumphierende Verachtung ausdrücken. Wir können einschränkend lächeln, um die Schärfe aus einer Kritik herauszunehmen, oder verlegen, wenn es darum geht, dem Blick des anderen auszuweichen. Charlie Chaplin beherrschte ein Lächeln, das bei Bedarf ziemlich arrogant daherkam und zu einem seiner Markenzeichen wurde.

Man sieht an dieser Aufzählung nicht zuletzt, dass ein Großteil menschlicher Mimik der Täuschung dient. Paul Ekman hat sich im Laufe seiner Karriere immer mehr auf die Lüge kapriziert. Zusammen mit seinem Kollegen Wallace Friesen hat er 43 Muskelgruppen identifiziert, die am Gesichtsausdruck beteiligt sein können. Miteinander kombiniert, machen diese sogenannten „Action Units“ an die zehntausend verschiedene Gesichtsbewegungen möglich, von denen Ekman zufolge rund dreitausend eine emotionale Bedeutung besitzen.

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Nach sieben Jahren anatomischer Fleißarbeit stellten die beiden Psychologen ihr „Facial Action Coding System“ 1978 der Öffentlichkeit vor. Trauer ist demnach ein vergleichsweise simpler Ausdruck, der durch die beiden Action Units 1 (Heben der inneren Augenbraue), 4 (Zusammenziehen der Augenbrauen und 15 (Herabziehen der Mundwinkel) zustande kommt. Furcht ist deutlich komplizierter und erfordert das Zusammenspiel der Action Units 1+2+4+5+7+20+26. Ekman hat sein System in der Folgezeit immer weiter verfeinert und behauptet, dass sich auch die flüchtigsten Gesichtsausdrücke erfassen lassen, selbst wenn sie nur Bruchteile von Sekunden dauern.

Diese sogenannten Mikroexpressionen sollen die wahren Gefühle eines Menschen verraten, mag er sich noch so viel Mühe geben, sie zu verbergen. In Verbindung mit anderen nonverbalen Äußerungen könne man so zu einer präzisen Einschätzung seiner Glaubwürdigkeit gelangen. Dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton beispielsweise hätte nicht einmal eine Pinocchio-Nase wachsen müssen, um ihm nachzuweisen, dass er in der Lewinsky-Affäre die Unwahrheit sagte; immer dann, wenn die Sprache auf seine sexuellen Beziehungen zu einer Praktikantin im Weißen Haus kam, rieb er sich unwillkürlich sein Riechorgan, begleitet von einem gespielten treuherzig-unschuldigen Gesichtsausdruck, der nach Ekman allein schon genügt hätte, ihn der Flunkerei zu überführen.

Nach seiner Emeritierung von der University of California hat Paul Ekman 2004 ein Unternehmen gegründet, das Schulungsmaterial und Kurse anbietet, in denen man angeblich lernen kann, seine Mitmenschen wie ein offenes Buch zu lesen. Gegen eine Gebühr von umgerechnet siebentausend Euro können Interessierte beispielsweise ein Diplom in „Verhaltensanalyse und investigativer Interviewtechnik“ erwerben. Ekman gibt an, seine Methode der Gesichtserkennung funktioniere in mehr als zwei Dritteln aller Fälle. Hochmotivierte Beobachtungskünstler wie Spione oder Terrorfahnder, deren Leben davon abhängt, die Motive der Gegenseite korrekt einzuschätzen, könnten sogar eine Trefferquote von bis zu 96 Prozent erzielen.

CIA und FBI haben Mitarbeiter schulen lassen

Die CIA und das FBI haben Mitarbeiter entsprechend schulen lassen. An amerikanischen Flughäfen wurden Passagiere von speziell ausgebildetem Personal beobachtet, das argwöhnisch darüber wachte, ob eventuellen Verdächtigen unverhofft die Gesichtszüge entgleisen. Firmen wie Pepsi Cola oder Unilever haben Ekmans Erkennungssystem eingesetzt, um zu testen, wie ihre Werbung auf die Kundschaft wirkt. Paul Ekman hat als wissenschaftlicher Berater an der Fernsehserie „Lie to me“ mitgewirkt, in der ein Psychologe als menschlicher Lügendetektor auftritt und die verzwicktesten Fälle löst. Die Zeitschrift Time hat Ekman unter die hundert einflussreichsten Menschen der Welt eingereiht, die amerikanische Psychologenvereinigung zählt ihn zu den hundert wichtigsten Forschern auf ihrem Gebiet.

Längst gibt es Versuche, menschliche Mikroexpressionen durch Algorithmen zu erfassen. Am Massachusetts Institute of Technology haben Mitarbeiter des Media Lab eine intelligente Brille entwickelt, die imstande sein soll, die aktuellen Gefühle des Gegenübers einzublenden; denkbar wäre es, so ein System mit den Bildschirmkameras der Besucher des Internets zu koppeln. Einen Haken hat die Sache allerdings: Paul Ekmans Pionierarbeiten über den universalen Ausdruck des Menschen liegen mittlerweile ein halbes Jahrhundert zurück. Mehrere Studien sind seither zu anderen Ergebnissen gekommen. So gibt es deutliche Unterschiede zwischen der asiatischen und der westlichen Welt, wenn es um die Interpretation von Gesichtsausdrücken geht. Japaner und Chinesen achten viel stärker darauf, was sich im Auge des anderen abspielt. Das japanische Emoticon für Trauer beispielsweise, vertikal gelesen, betont die Augenpartie (;_;), und nicht etwa Nase und Mund, wie im horizontal gelesenen westlichen Zeichen :-(

Ein Buch mit sieben Siegeln

Ekmans System der Erkennung von Mikroexpressionen ist nie einer gründlichen, unabhängigen Prüfung unterzogen worden. Fast die gesamte Fachwelt ist sich einig darüber, dass es nach wie vor keine sicheren Kriterien gibt, einen Lügner zu entlarven. Seine eigene Forschungsarbeiten zu diesem Thema, die sich auf eine Handvoll von Genies und Mentalmagiern stützen, die angeblich dazu in der Lage seien, sind keinem in der Wissenschaft üblichen Peer-Review-Verfahren unterzogen worden. Ekman sagt, er wolle die Details nicht veröffentlichen, weil sie Schurkenstaaten in die Hände fallen könnten.

Eine Theorie klingt immer gut und schön, solange sie den endgültigen Test nicht bestehen muss. In der Praxis wursteln sich die meisten Menschen mal besser, mal schlechter durch, wenn es darum geht, anderen auf die Schliche zu kommen. Deshalb wird das Missverständnis auch in der Welt bleiben. Als Wissenschaftler der University of Minnesota vor einiger Zeit Studenten darum baten, zwei Dutzend gängige Emojis zu beurteilen, die in sozialen Netzen kursieren, kam ein buntes Durcheinander an Antworten heraus. Allein das übliche Symbol für ein erfreutes Grinsen („grinning face with smiling eyes“) bekam zu einem Viertel positive, zu einem Viertel neutrale und fast zur Hälfte negative Bedeutung zugeschrieben. Wie der Mitmensch fühlt, bleibt uns in vielen Fällen doch ein Buch mit sieben Siegeln.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Albrecht Jörg (echt)
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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