Soziale Systeme

Diktatorspiel im Krankenhaus

Von Gerald Wagner
 - 23:19

Unterscheiden sich soziale Statusgruppen hinsichtlich prosozialen Handelns? Beeinflussen also sozioökonomische Unterschiede die soziale Ordnung? Lässt man einmal den wissenschaftlichen Jargon weg, verrät sich rasch die Brisanz der Frage: Sind die Wohlhabenden die besseren Gesellschaftsmitglieder als die Ärmeren? Wer ist also egoistischer – die Besserverdienenden oder die Niedriglöhner? In der soziologischen Forschung wird darüber seit langem gestritten, denn die zahlreichen Befunde sind wieder einmal eher widersprüchlich.

Einige Studien belegen nämlich, dass sozialer Status und Egoismus „positiv korrelieren“ – soll heißen: Je mehr Vermögen jemand hat, desto egoistischer verhält er sich auch. Doch es gibt eben auch Studien, die genau das Gegenteil herausgefunden haben wollen. Gute theoretische Begründungen finden sich für beide Ergebnisse. Dabei erweisen sich Befragungen als in diesem Fall unbrauchbare Methoden, denn wer würde schon von sich selbst als einem Egoisten sprechen? Könnte eine andere Studie durch eine andere Methode hier vielleicht doch noch für Eindeutigkeit sorgen?

Studie mit „Diktatorspiel“

Man hat es jetzt mit einem Experiment versucht: Die Soziologen Ulf Liebe, Elias Naumann und Andreas Tutic haben dazu unter den Mitarbeitern zweier deutscher Krankenhäuser sogenannte „Diktatorspiele“ durchführen lassen. Das ist ein im Grunde ganz einfaches Spiel, mit dem man die Großzügigkeit eines Teilnehmers testen kann. Eine Testperson, genannt der Diktator, erhält vom Studienleiter 10 Euro. Der Diktator bekommt dazu die Erläuterung, er müsse dieses Geld zwischen sich und einem (nicht anwesenden) Empfänger aufteilen. Wie er das macht, stehe ihm dabei völlig frei – darum seine Etikettierung als „Diktator“. Er könne die ganzen 10 Euro für sich behalten, sie komplett dem Empfänger schenken oder das Geld zwischen ihnen aufteilen.

Die rund 160 teilnehmenden Beschäftigten der Krankenhäuser wurden dabei nach den Statusgruppen Ärzte, Pflegepersonal und Pflegeschüler unterschieden. Jeder absolvierte drei Runden des Spiels, hatte also einen maximal möglichen „Gewinn“ von 30 Euro, der ihm anschließend auch ausgezahlt wurde. Und man teilte ihnen bei den Experimenten auch nur mit, welcher dieser drei Gruppen der Empfänger angehörte. Es ließ sich hier also nicht nur testen, ob sich etwa ein Arzt egoistischer verhielt als eine Krankenschwester, sondern auch, ob sich sein Verhalten je nach dem Status des Empfängers änderte. Vielleicht sind Ärzte ja egoistisch nur im Umgang mit Ihresgleichen, während sie in einem Spiel mit jemandem, der deutlich weniger als sie verdient, eher dem Altruismus zuneigen?

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Pflegeschüler erhielten am meisten

Die Ergebnisse des Experiments fallen überraschend eindeutig aus: In fast 24 Prozent der Spiele gingen die Empfänger gänzlich leer aus. Im Durchschnitt behielten die Diktatoren 6,38 Euro für sich. Und nur in 9,6 Prozent der Spiele wurden überhaupt einmal mehr als 5 Euro dem Empfänger zugeteilt. Das spricht nicht gerade für einen weitverbreiteten Altruismus unter den Teilnehmern. Aber es gibt eben doch deutliche Unterschiede: Die Aufteilungsentscheidungen, so die Autoren der Studie, seien ganz klar durch den Status von Geber und Empfänger bestimmt: Pflegeschüler gaben am wenigsten ab, erhielten aber am meisten.

Bei den Ärzten war es genau umgekehrt: Sie gaben am meisten, erhielten aber am wenigsten. Interessant war auch die Erwartung eines „in-group bias“ der Ergebnisse: Die Autoren gingen davon aus, dass die Diktatoren in ihren Entscheidungen die eigene Statusgruppe bevorzugten. Man wäre dann also unter seinesgleichen altruistischer als gegenüber anderen. Die Vermutung bewahrheitete sich, aber nur sehr eingeschränkt: Besagter Bias galt nur für die einkommensschwächeren Teilnehmer der Studie – Pflegeschüler etwa gaben anderen Schülern mehr als zum Beispiel den Ärzten, Ärzte jedoch gaben anderen Ärzten weniger als etwa einer Krankenschwester.

Studie in anderen Branchen wiederholen

Wie immer in solchen Studien muss natürlich gefragt werden, ob die beobachteten Zusammenhänge nicht ganz andere Gründe haben als die hier unterstellten. So gilt etwa, dass ältere Menschen in der Regel altruistischer sind als jüngere. Und in der Tat ist die Berufsgruppe der Ärzte in dieser Studie natürlich im Durchschnitt älter als die der Berufsanfänger im Pflegepersonal. Die festgestellte höhere Abgabe unter den Ärzten läge dann also eher an ihrem Alter und nicht an dem mit ihrem Beruf einhergehenden höheren Einkommen. Doch die Autoren können nachweisen, dass die beobachteten Statuseffekte stärker sind als solche eher allgemeinen Erklärungsvariablen, wozu etwa auch die Beobachtung gehört, dass Frauen tendenziell altruistischer sind als Männer.

Andere Einwände gegen ein solch artifizielles Experiment zur Klärung einer ganz alltäglichen Frage – warum sind manche Menschen hilfsbereiter und selbstloser als andere – wiegen da schon schwerer. Etwa der Einwand, dass Ärzte vielleicht einfach als Angehörige eines sozialen Berufes grundsätzlich altruistischer eingestellt sind als andere Professionen. Vielleicht sollten die Autoren ihre Studie mal in einer Bank wiederholen.

Quelle: F.A.S.
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