Soziale Systeme

Ob sie nicht noch was Bess’res findet?

Von Gerald Wagner
 - 15:00

Urlaub ist gefährlich. Bedenkt man, was beim Verreisen alles schiefgehen kann, wundert man sich, dass nicht mehr Menschen zu Hause bleiben. Abgesehen davon, dass der eigentliche Zweck der meisten Urlaube – Entspannung und Erholung – ohnehin nicht erreicht wird, drohen Erkrankungen, Gepäckverlust, Diebstahl, Hitzewellen, schlechtes Wetter und vieles mehr. Hat man den Urlaub dennoch relativ unbeschadet überstanden, drohen zu Hause weitere soziale Folgeschäden der angeblich schönsten Zeit des Jahres. So weisen Zahlen aus Amerika darauf hin, dass es im Jahresverlauf nie mehr Scheidungsanträge gibt als direkt nach den Urlaubswochen. Man kann das für Deutschland nicht überprüfen, weil die Statistik hierzulande solche Häufigkeiten nicht erfasst. Dass der Urlaub mit seiner geballten Dauer-Zweisamkeit mit dem Partner belastend sein kann, wird man dennoch nicht bestreiten können. Das wirft einmal mehr die Frage auf, wie es denn um die Ehe eigentlich steht. Ist sie ein auslaufendes Modell?

Mitnichten. Nicht nur die Vehemenz, mit der um ihre Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare gestritten wurde, spricht für die ungebrochene Attraktivität der gesetzlichen Bindung durch die Eheschließung. Auch die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen das: In Deutschland wird wieder mehr geheiratet, allerdings auch mehr geschieden. Man könnte sagen, der Wunsch, es zu schaffen, ist ungebrochen, doch die Einsicht, diesem Wunsch nicht zu genügen, ist mitgewachsen. Dabei ist zu beobachten, dass sich zwei Trends fortsetzen: Ehen werden später geschieden, und die Geschiedenen werden immer älter.

Heute liegt das Durchschnittsalter der Ehen bei einer Scheidung bei 15 Jahren, wobei etwa jede sechste Scheidung sogar erst nach mehr als 25 gemeinsamen Jahren erfolgte. 1991 waren Ehen dagegen nach durchschnittlich nur 11 Jahren und 9 Monaten geschieden worden, so das Bundesamt. Ein Grund dafür war der niedrigere Anteil der geschiedenen Langzeitehen: Nur etwa jede elfte Ehe (gut 9 Prozent) war damals nach mehr als 25 Jahren Ehedauer beendet worden, und das Durchschnittsalter der Geschiedenen hatte 1991 noch um über 7 Jahre niedriger gelegen. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass damals noch in jüngeren Jahren geheiratet wurde.

Die Frauen haben die bessere Karten

Dennoch sprechen diese Zahlen für das Phänomen der reifen Scheidung. Schon jetzt betrage die Scheidungsrate für die im Jahr 1991 geschlossenen Ehen – also nach 25 Jahren Ehedauer – knapp vierzig Prozent. Der endgültige Anteil an Scheidungen für einen Eheschließungsjahrgang könne aber erst nach Ablauf einer sehr langen Zeitspanne bestimmt werden. Setzt sich der Trend zur späten Scheidung fort, dürften schließlich auch in Zukunft noch Ehen dieser Kohorte geschieden werden. Die Scheidungsrate kann also durchaus noch weiter über die bereits erreichte Schwelle von knapp vierzig Prozent steigen.

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Die soziologische Forschung hat für den Trend zur späten Scheidung vor allem die Frauen verantwortlich gemacht. Die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen habe diese auch zunehmend emanzipiert von der Funktion der Ehe als Versorgungsgarant im Alter. Frauen, die über ein sicheres Erwerbseinkommen und damit auch eine eigene Rente verfügen, brauchten den Ehepartner, ökonomisch gesehen, nicht mehr. Dazu komme häufig ein jüngeres Alter der Frau im Vergleich zu ihrem Ehemann, also auch noch höhere Chancen auf dem Partnermarkt nach der Scheidung. Die Frauen haben in diesem Alter buchstäblich die besseren Karten, weil der Preis einer Scheidung mit der Dauer der Ehe für Frauen schneller sinkt als für deren Männer. Hinzu kommt, dass nach 25 Jahren und mehr auch die größten Nesthocker unter den eigenen Kindern so langsam das Elternhaus verlassen haben dürften. Was also hält dann die Ehe noch zusammen?

Um es nach so langer Zeit zu einer Scheidung kommen zu lassen, muss man wohl von einer doppelten Akkumulation ausgehen: einerseits jene der ökonomischen Unabhängigkeit, andererseits aber auch die des Überdrusses am Partner. Schließlich reicht es nicht, dass man gehen kann, man muss es auch wollen. Der Wille, eine so alte Ehe zu beenden, mag das Urteil enthalten, dass jetzt nicht mehr auszuhalten ist, was man zuvor 25 Jahre eben doch ausgehalten hat. Vielleicht aber liegt es auch gar nicht an der Ehe selbst, dass einer plötzlich aus ihr raus will, sondern an Ereignissen oder Veränderungen außerhalb der Ehe, die nur einer der beiden Partner erlebt oder wahrnehmen möchte. Das könnte auch ein Alterseffekt sein: Der ökonomische Vorteil, den das höhere Alter des Mannes zum Zeitpunkt der Eheschließung einmal für beide Eheleute bedeutete, kehrt sich so im Laufe der Zeit in seinen Nachteil um, wenn die Frau bemerkt, dass ihr in die Jahre gekommener Gatte ein alter Langweiler geworden ist. Was könnte den Männern dagegen helfen? Gleich eine ältere Frau heiraten? Es würde wohl schon reichen, insgesamt wieder früher zu heiraten und dafür eine gleichaltrige Partnerin zu wählen.

Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes Nr. 237 vom 11. Juli 2017

Quelle: F.A.S.
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