Schneekristalle

Weißröckchen

Von Sonja Kastilan
 - 10:14

Backen ist Liebe. So steht es vielleicht in Weiß auf eine rote Schürze gestickt, die man irgendwann einmal geschenkt bekam. Selbst kaufen würde sich die wohl niemand, umbinden schon eher. Wer dann seine Winterleidenschaft mittels Keksen ausdrücken will, braucht allerdings mehr als ein feines Gefühl für Mürbeteig oder Eischnee. Er braucht die richtige Form.

Fünf, acht oder lieber gleich zehn Strahlen? Überall findet sich jetzt weihnachtlicher Klimbim, sei es Geschenkpapier, Stempel, Keksausstecher oder Baumschmuck, dessen Dekor mit echten Schneeflocken so viel gemeinsam hat wie rotbackige, Efeublättern nachempfundene Herzen mit unserem Organ: nur ein Symbol. Für die Liebe oder eben im aktuellen Fall für Schnee, Eis, Kälte, Frost – den Winterzauber schlechthin. Sogar auf Autoreifen muss von Januar 2018 an eine Flocke im gezackten Bergpiktogramm prangen, wenn sie denn wintertauglich sind. Deren Struktur weist sechs Arme auf, wie man sie tatsächlich in der Natur finden würde. Jede Schneeflocke folgt einer hexagonalen Symmetrie, selbst die zwölfstrahligen, nie einer anderen. Das Molekül des Wassers mit zwei an Sauerstoff gebundenen Wasserstoffatomen gibt im festen Zustand diesen Aufbau vor.

Gefroren werden daraus sechseckige Kristalle, fragile Strukturen, die in den Vereinigten Staaten neuerdings wieder dem Spott dienen. Dort sind „Snowflakes“ schnell beleidigt – überempfindliche Schwächlinge, nur vermeintlich besonders. Im fiktiven Fight Club von Chuck Palahniuk aus dem Jahr 1996 wurden daraus dann echte Kerle. Heute schmähen Konservative so Liberale, Linke und Journalisten, was davor auch schon den weinerlichen Millennials und damit einer verzogenen, jungen Generation galt.

Kleinoden, Ordenssterne, Brillantagraffen

Wenn es jedoch draußen, fern von Politik oder Dekowahn, einfach nur schneit, so entstehen, wie Thomas Mann im Zauberberg schreibt: „Zierlichst genaue kleine Kostbarkeiten ... Kleinodien, Ordenssterne, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier sie nicht reicher und minuziöser hätte darstellen können.“ Und weil nicht eines dem anderen gleicht, huldigt er einer endlosen „Erfindungslust in der Abwandlung und allerfeinsten Ausgestaltung eines und immer desselben Grundschemas, des gleichseitig-gleichwinkligen Sechsecks“. Schneesterne also, denen Johannes Kepler bereits im Jahr 1611 seine kurze Abhandlung „Strena seu de nive sexangula“ widmete. Verfasst als Neujahrsgabe für seinen Freund und Gönner, Reichshofrat Johann Matthäus Wacker von Wackenfels, den Kepler in Latein mit „Nix“ (Schnee) beglücken wollte. Die Idee dazu kam dem Armseligen beim Queren der Prager Karlsbrücke. Während er sich den Kopf über ein adäquates Geschenk zerbrach, „verdichtete sich durch heftige Kälte der Wasserdampf“, und Flocken mit gefiederten Strahlen fielen auf seinen Rock.

Ein Eiskristall von einem Millimeter Durchmesser enthält rund 100 Trillionen Wassermoleküle, das macht die Existenz identischer Flocken unwahrscheinlich. Wie deren Formenreichtum unter dem Mikroskop aussieht, dokumentierte der Amerikaner Wilson Bentley (1865–1931) akribisch mit Tausenden Fotos. Während Eis aber durchsichtig ist, gibt es keine andere natürliche Oberfläche, die mehr Licht reflektiert als frisch gefallener Schnee, und weil alle Farben des Sonnenlichts ähnlich stark absorbiert werden, erscheint er weiß. Allerdings verändert sich das mit dem Alter des sich verdichtenden Schnees, er macht eine Metamorphose durch, abhängig von Druck und Temperatur. Kristalle verwachsen, es bildet sich eine Art Schwamm. Aus ursprünglich sternförmigen Strukturen entstehen abgerundete. Die Verwandlungen untersuchen Wissenschaftler wie etwa Martin Schneebeli am Schweizer WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. Kältelabor, naturidentische Kunstflocken und Computertomographie helfen Schneebeli zu ergründen, was draußen im natürlichen Gerüst vor sich geht. Wenn der Physiker dann über Schneedecken spricht, spielen Dampfdruck, basale und axiale Ebenen, Makkaronistrukturen, Scherung, Schwachschichten sowie Firn eine Rolle. Sogar die Ausrichtung der Kristallachsen. Welche, ist noch unklar.

Als Tattoo-Motiv verpönt

Wie einst Kepler inspirierten Schneeflocken auch den Israeli Chaim Machlev. Aus Tel Aviv stammend, erlebte er auf einer Brücke in Berlin zum ersten Mal, wie es schneit. „Ich kannte Schnee, hatte aber bis zu diesem Moment vor sechs Jahren noch nie beobachtet, wie er fällt“, erzählt Machlev, der in seiner Heimat Psychologie und Computerwissenschaften studiert und als Projektmanager gearbeitet hatte. Heute zählt er unter dem Label „Dots to Lines“ zu den begehrtesten Tätowierern der Bundeshauptstadt und ist international gefragt; seine Kunden warten bereitwillig mehrere Jahre auf einen Termin.

Auf seinem Ärmel blieben damals ein paar Flocken liegen, die er trotz Kälte „lange fünf Minuten“ betrachtete: „Bis dahin dachte ich, die Darstellungen von Eiskristallen hätten Symbolcharakter wie ein Herz, zeigen also nicht die Wirklichkeit.“ Die natürliche Gestalt, ein Paradebeispiel an Symmetrie, überwältigte ihn. Mit ihren individuellen Mustern und repetitiven Elementen weckten die Eiskristalle dann sein Interesse, geometrische Strukturen künstlerisch umzusetzen – und mit dem Körper zu verbinden. Machlev erlernte daraufhin das Tattoo-Handwerk und entwickelte eine eigene Ornamentik. Eine Schneeflocke würde ihm nie jemand als Motiv vorschlagen, sagt Machlev, der Kundenwünsche auf sehr besondere Weise umsetzt, als Inspirationsquelle beeinflusse sie dennoch seine Entwürfe.

Die kleinste Einheit des Winters

Was ihr Sechseck wiederum als Marke auszeichnet, wissen die Experten der internationalen Design-Agentur Edenspiekermann. „Schneeflocken symbolisieren den Winter in seiner kleinsten Einheit“, erklärt Designdirektor Daniel Tibi. Ihre kristalline Struktur könne man mit dem bloßen Auge erkennen, und in unseren gemäßigten Breiten sei damit die kindliche Vorfreude auf den Winter, vielleicht die nächste Schneeballschlacht, verknüpft. „Es ist die einfachste und reduzierteste Form einer Jahreszeit, wie die Sonne für Sommer. Der Schneemann ist nur ein Produkt daraus, wenn auch ein schönes“, merkt Visual&Interaction-Designer Denis Speh an. Ein positives Symbol für alle Schneebegeisterten, Warnzeichen bei Frost und Glätte. Weil es in der Gestaltung nicht in erster Linie darum geht, ein reales Abbild zu erschaffen, sondern eine Stimmung vermittelt werden soll, sind Unter- und Übertreibungen üblich. Eine goldene Flocke in 10er-Symmetrie kann, so Tibi, als opulenterer Weihnachtsschmuck wahrgenommen werden, während weniger Äste minimalistisch wirken. „Der Kunst willen dürfen natürliche Formen auch mal aufgebrochen werden, um sie in einem Gesamteindruck besser wirken zu lassen“, sagt Speh. Der visuelle Kern sollte aber nicht verlassen werden.

Geradezu zu einer Ikone des Winters wird die Schneeflocke, „weil sie unerwartet geometrisch aufgebaut und ihre Konstruktion deshalb verständlich ist. Wir lieben Symmetrie, verwechseln sie aber oft mit Gleichförmigkeit. Perfekte Symmetrie ist langweilig, weder ein Bambusrohr noch irgendeine andere Form in der für uns sichtbaren Natur hat völlig gerade Linien. Die Flocke schon, sie sieht konstruiert aus, und das fasziniert uns“, erklärt Firmengründer Erik Spiekermann. Wir seien sehr durch Werbung geprägt, würden sie vor allem aus überhöhten Darstellungen kennen, nicht aus der Natur. Das Logo für einen Wintersportort würde Spiekermann damit nie gestalten: „Weil die Schneeflocke viel zu abgenutzt ist als Symbol – wenngleich wunderschön – und für jeden Ort der Welt stehen könnte.“ Für jeden mit Schnee zumindest.

Wenn es doch nur endlich schneien und die Welt im magischen Weiß versinken würde. Alles wäre still, wie verzaubert, und so wunderbar klar.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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