Soziale Ungleichheit

Dem Boss seine Boni

Von Gerald Wagner
 - 18:00

Soziale Ungleichheiten sind in der modernen Gesellschaft nicht nur unvermeidbar, sondern durchaus gewollt. Nur zu groß sollten sie nicht sein. Einkommensunterschiede sollten einen irgendwie noch nachvollziehbaren Bezug zu realen Unterschieden an Leistung oder Wertschöpfung haben. Bei den Einkünften geschäftsführender Manager von großen Unternehmen sind hier längst Zweifel angebracht. Seit 1987 sind die Vorstandsvergütungen der Dax-Unternehmen um gut 600 Prozent gestiegen, den Durchschnittslohn überschreiten sie heute im Mittel um das 50-Fache. Ungerechtigkeitsvorwürfe gegenüber solchen Gehältern und ihren Beziehern enthalten soziale Sprengkraft, weil sie Anlass bieten zu einer Infragestellung der gesellschaftlichen Gerechtigkeit insgesamt. Die Frage, wodurch Gerechtigkeitsurteile von Erwerbstätigen beeinflusst werden, ist insofern keine rein akademische Frage. Da nicht davon auszugehen ist, dass die Wirtschaft in Zukunft auf die Ausschüttung von Boni, Beteiligungen und Vergütungen an ihr Spitzenpersonal verzichten wird, ist die Frage von großer Brisanz, ob und wie solche exorbitanten Einkünfte von den weniger Begünstigten als doch noch gerecht empfunden werden könnten.

Eine aktuelle Studie von Olaf Struck, Matthias Dütsch und Gesine Stephan konzentriert sich dazu auf Bonuszahlungen, da diese im höheren Management großer deutscher Unternehmen mit einem Anteil von etwa zwei Drittel die größte Einkommenskomponente darstelle. Die Autoren erwarteten in ihrer Untersuchung, dass Gerechtigkeit mit Leistung zusammenhänge. Auch immense Bonuszahlungen, so ihre Hypothese, würden von den Beschäftigten eines Unternehmens noch am ehesten als gerecht empfunden, wenn sich der Unternehmenserfolg irgendwie auf die Einzelleistung eines Angehörigen der Führungsebene zurückführen lasse. Eine solche Form von Verteilungsgerechtigkeit könne aber ohne eine gleichzeitige Verfahrensgerechtigkeit kaum funktionieren. Es sollte bei der Ausschüttung von solchen Boni relativ transparent zugehen, und die zugrundeliegenden Leistungskriterien müssten auch den einfachen Beschäftigten eines Unternehmens bekanntgemacht werden.

Informiertheit erhöht Akzeptanz

Die Studie führte 2012 Interviews mit 540 Beschäftigten von Betrieben durch, in denen es Bonuszahlungen an das verantwortliche Management gegeben hatte. Im Vergleich mit repräsentativen Daten aus der Bundesanstalt für Arbeit (BA) zeigte sich, dass auch 42 Prozent der Beschäftigten in Betrieben mit Bonuszahlungen diese generell als ungerecht empfanden – im Unterschied zu 61 Prozent aller Beschäftigten aus dem Sample der BA. Das deute schon an, dass persönliche Informiertheit über Bonuszahlungen im eigenen Betrieb deren Akzeptanz erhöhe, so die Autoren der Studie. Auch glaubhaft gemachte Informationen über Kompetenzen, Leistungen und Belastungen von Bonusempfängern erhöhten die Zustimmung zu Boni unter denen, die ihre Leistungsbereitschaft auch ohne solche Zuwendungen aufrechterhalten müssen.

Allerdings hängt diese Akzeptanz klar mit dem Bildungsstand der Befragten zusammen. Ungelernte und angelernte Arbeiter bewerteten Bonuszahlungen generell eher als ungerecht – was wiederum für die Bedeutung der informatorischen Gerechtigkeit spreche, so die Autoren. Soll heißen: Transparenzangebote von Organisationsführungen können zur Legitimität von Ungleichheiten eben nur beitragen, wenn sie von den Betroffenen auch nachvollzogen werden können. Wenn die Kriterien von Bonuszahlungen dann auch noch gesellschaftlich akzeptierten Normen wie Leistungs- und Beitragsprinzipien entsprächen, steige auch deren Akzeptanz.

Gesellschaft der Leistungslegitimität?

Aber wenn man diese Erkenntnis einmal berücksichtigt – was besagt sie eigentlich? Dass wir in einer Gesellschaft der Leistungslegitimität leben? Das hieße, dass sich alle Ansprüche auf Leistung begründen müssten. Oder umgekehrt: dass man als Leistungsfähiger die Ansprüche der Nichtleistungsfähigen guten Gewissens ablehnen könne? Aber ließen sich denn alle gesellschaftlichen Fragen mit Verteilungswirkungen nach dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit beantworten?

Nun beruht die Legitimität der sozialstaatlichen Umverteilung aber gerade darauf, dass es viele Menschen gibt, die den Leistungserwartungen der Gesellschaft aus vielfältigen Gründen eben nicht entsprechen können, und dennoch Anteile am gesellschaftlichen Reichtum bekommen. Der Sozialstaat, auch das eine häufig unberücksichtigte Erkenntnis soziologischer Forschung, kann den Gerechtigkeitsnormen der Wirtschaft nicht nur nicht entsprechen, er muss sie sogar bewusst verletzen. Man sollte bei der festgestellten Akzeptanz exorbitanter Bonuszahlungen daher auch berücksichtigen, dass sie im Kontext der ausgleichenden Gerechtigkeit des steuerfinanzierten Sozialstaates stattfindet. Auch das Grundwissen über die Auswirkungen der Steuerprogression auf solche Aspekte von Verteilungswirkungen dürfte zur Steigerung der informatorischen Gerechtigkeit unserer Wirtschaftsordnung einen erheblichen Beitrag leisten.

Olaf Struck, Matthias Dütsch, Gesine Stephan: „Bonuszahlungen an Geschäftsführungen: Wodurch werden Gerechtigkeitsurteile von Erwerbstätigen beeinflusst?“, Kölner Z. f. Soziologie u. Sozialpsychologie (2017) 69.

Quelle: F.A.S.
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