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Schriftlichkeit

Die Wiederkehr der Hieroglyphen?

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 16:17
Piktogramme für „Frau“ in altägyptischen Hieroglyphen, minoischem Linear B, klassischem Maya und modernem Chinesisch. Bild: F.A.Z. Grafik Heumann, F.A.S.

In jeder Sprache lässt sich alles sagen, befand einmal der Münchner Philosoph Albert Keller, nur nicht alles in allen Sprachen gleich leicht. Kehrt man die These um, dann wäre eine Sprache ein Zeichensystem, mit dem man alles sagen kann, was überhaupt sagbar ist. Oder anders: Womit man nicht im Prinzip alles sagen kann (notfalls unter Einführung zusätzlichen Vokabulars), das ist auch keine Sprache.

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Mit Emojis lassen sich auch ohne jede Einbettung in alphanumerischen Text Mitteilungen formulieren – auch und gerade solche über Gefühlsregungen –, und die Zahl der Bildzeichen ist theoretisch unbegrenzt erweiterbar. Das scheint Emoji-Folgen ein ähnliches Potential für die menschliche Kommunikation zu verleihen, wie es Sätzen in auf Lautfolgen basierender Sprache eigen ist. Und wenn heute der Kroate mit der Koreanerin per Emoji-Folge kommunizieren kann, ganz ohne Englischkenntnisse bemühen zu müssen, wäre da nicht ein geeigneter Ausbau des Prinzips Emoji ein Weg zur Völkerverständigung ohne die Zumutung des Fremdsprachenerwerbs?

Am Anfang war das Piktogramm

Immerhin hat das Schreiben einst mit dem Zeichnen begonnen. Ist man in der Terminologie hinreichend großzügig, dann ist bereits in manchen Höhlenmalereien der Altsteinzeit eine Art Protoschriftlichkeit zu sehen. Die Zeichnungen von Mammuts oder Wildpferden dürften ja zumindest teilweise nicht nur konkrete Tiere dargestellt haben, etwa solche, mit denen man ein bestimmtes Jagderlebnis hatte, sondern Mammuts und Wildpferde an sich.

Zeichen, die das bezeichnen, was sie bildlich darstellen, heißen Piktogramme. In den allerersten Schriftsystemen, die sich im späten vierten Jahrtausend vor Christus im mesopotamischen Sumer und vielleicht sogar noch etwas früher in Ägypten herausbildeten, spielten Piktogramme am Anfang eine große Rolle. Bei der ägyptischen Hieroglyphenschrift ist das augenfällig, aber auch die Keilschriftzeichen der Sumerer gehen auf zeichnerische Abbildungen zurück. In anderen antiken Schriftsystemen begegnet man ebenfalls Piktogrammen.

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Texte voller Vögel

Doch nicht alle gegenständlich anmutenden Schriftzeichen sind echte Piktogramme, andernfalls müsste es in altägyptischen Texten vor allem um Vögel gehen. Von den etwas über 700 Hieroglyphen des klassischen Ägyptisch sind mehr als 50 Bilder von Federvieh, während Zeichen in Form anderer Tiere, darunter der wichtigen Nutztiere, weit seltener sind. Zudem gibt es viele Begriffe, die sich nicht so ohne weiteres bildlich darstellen lassen, man denke an „laufen“, „schön“ oder „Gerechtigkeit“. Für diese gibt es die Möglichkeit, sogenannte Ideogramme einzuführen.

Im Gegensatz zu den Piktogrammen müssen Ideogramme das Bezeichnete nicht abbilden, sondern nur noch irgendwie symbolisieren: etwa eine Reihe aus drei Strichen die Zahl drei. Ideogramme sind also eine allgemeinere Form von Piktogrammen. Sie lassen sich jedoch nicht notwendig unmittelbar erfassen, sondern müssen zumeist erlernt werden, wie ein Fahrschüler eben lernen muss, was ein rot umrandeter Kreis bedeutet, oder der Chemielaborant, was der Totenkopf mit den gekreuzten Knochen soll. Das sind alles Beispiele für Ideogramme, ebenso wie „%“ oder „$“, mathematische Symbole oder eben Emojis.

Esperanto in Bildern?

Insofern Ideogramme und Piktogramme oder Kombinationen davon für bedeutungstragende Elemente einer gesprochener Sprache stehen, etwa ein Paar Beine für „laufen“, heißen sie Logogramme, und solche sind tatsächlich zuhauf in historischen Schriftsystemen zu finden. Sollte es also nicht im Prinzip möglich sein, zu dieser Idee zurückzukehren und mittels Emojis eine universale Kommunikationsmöglichkeit ohne Bezug auf eine bestimmte Nationalsprache zu schaffen? Eine Art digitales Bilder-Esperanto?

Die Idee ist, vorsichtig ausgedrückt, unpraktikabel. Das legt bereits die Tatsache nahe, dass sich unter allen Schriftsystemen in Geschichte und Gegenwart kein einziges findet, das sich ganz von der gesprochenen Sprache emanzipiert hätte. Im Ägyptischen etwa ist ein gutes Drittel der Hieroglyphen auch Lautzeichen, sogenannte Phonogramme. In den Texten dienen sie überwiegend diesem Zweck und stehen dann jeweils für Folgen aus bis zu drei Konsonanten. Hieroglyphen bilden also die altägyptische Sprache ab, deren Vokabeln und Grammatik jeder büffeln muss, der sie lesen möchte. Es ist keine Bilderschrift.

Keine Schrift ohne Sprache

So ziemlich das Gleiche gilt für das Schriftsystem der Maya. Auch hier sind längst nicht alle Bildelemente der oft komplexen Logogramme als Bilder oder auch nur Ideogramme aufzufassen, sondern kodieren Laute des gesprochenen Maya, in diesem Fall Silben. Die Lautzeichen gehen wie bei den Ägyptern oft über einen Rebus (lateinisch „durch die Dinge“) ähnlich einem Bilderrätsel aus Symbolen hervor. So, wie wenn wir „U2“ schreiben und „You too“ lesen, das „U“ also nicht mehr für den Buchstaben steht, sondern für die Silbe, die wir hören, wenn wir ihn aussprechen. Auch die mykenischen Griechen der späten Bronzezeit bedienten sich eines Schriftsystems, des „Linear B“, dessen knapp zweihundert Symbole auch aussehen wie Bildzeichen. Nur etwa hundert sind wirklich Ideogramme, teilweise piktographischer Natur. Die übrigen stehen für Silben.

Alle diese Systeme wurden von Kulturbrüchen hinweggefegt oder von Alphabetschriften verdrängt, von ideographischen Einsprengseln wie Ziffern abgesehen. Einzig die chinesische Schrift ist von dem Lautbild der Sprache, die sie wiedergibt, weitgehend entkoppelt. Die chinesischen Logogramme – die allerwenigsten von ihnen sind noch Piktogramme – sind in den meisten Fällen bedeutungstragenden Einheiten zugeordnet, sogenannten Morphemen, die in der gesprochenen Sprache in unterschiedlichen Regionen Chinas mit zum Teil völlig anderen Silben wiedergegeben werden. Allerdings ist es nicht so, dass jemand aus Peking, der kein gesprochenes Kantonesisch versteht, ohne weiteres alles lesen kann, was ihm in Kanton an Texten begegnet. Vokabular und abweichende Zeichenstellung demonstrieren selbst hier, dass eine Schrift immer die Schrift einer Sprache bleibt, die vor dem Lesen erst einmal gelernt sein will.

Am Chinesischen ist auch zu besichtigen, welchen Preis man für eine Schrift zu zahlen hat, die so weitgehend unabhängig von den Lauten ist: den einer extremen Aufblähung des Zeichenvorrats. Wer eine chinesische Zeitung lesen möchte, dem müssen etwa 3000 Schriftzeichen geläufig sein. Mindestens so viele Emojis wären also zu memorieren, bevor damit eine halbwegs praktikable allgemeine Kommunikation möglich wäre. Die allermeisten wären dann aber notwendigerweise keine leicht erlernbaren Piktogramme mehr, sondern Ideogramme, zu deren Bedeutung und korrekter Verwendung Handbücher erstellt werden müssten, denen gegenüber eine Latein-Grammatik ein schmales Heftchen wäre.

Quelle: F.A.S.
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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