Farbpsychologie

„Wir sehen auch graue Schlümpfe blau“

Von Till Hein
 - 09:29

Herr Witzel, macht rote Kleidung Frauen attraktiver?

Ja. Zumindest für Männer. Amerikanische Psychologen haben Versuchspersonen Fotos von Frauen gezeigt: Männer beurteilten die gleichen Frauen als attraktiver, wenn diese rote Kleidung trugen. Eine Zusatzfrage lautete: „Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Date mit dieser Frau und hundert Dollar in der Tasche. Wie viel Geld wären Sie bereit, für Ihre Verabredung auszugeben?“ Rote Kleidung bewirkte die höchste Zahlungsbereitschaft. Auf weibliche Probanden hatte Rot keinen solchen Einfluss. Die Autoren führen das darauf zurück, dass der Sexualtrieb von Männern noch immer von primitiven Instinkten gelenkt werde. Schimpansenweibchen beispielsweise signalisieren ihre Paarungsbereitschaft bekanntlich über die Rotfärbung bestimmter Körperpartien.

Stimmt es auch, dass man sich im Sommer den Ventilator sparen kann, wenn man die Zimmerwände blau streicht?

Blau hat in der Tat einen kühlenden Effekt. Das wurde an einem Energieforschungsinstitut in London in einer umfangreichen Studie untersucht, an der auch ich beteiligt war. Wir haben dabei nach dem subjektiven Befinden der Probanden gefragt und ihr Verhalten beobachtet. Bei bläulichem Licht empfanden die Versuchspersonen die Temperatur als kälter, als unter dem Licht klassischer Glühbirnen. Und in blauem Licht zogen viel mehr Teilnehmer einen Pullover oder Schal an.

Würden umgekehrt andere Farbtöne helfen, im Winter Heizkosten zu sparen?

Rötliche Farben wären da mögliche Kandidaten. Wenn der Effekt der Beleuchtung auf das Wärmeempfinden über längere Zeit anhält, könnte man zum Energiesparen künftig je nach Jahreszeit in der Tat einfach die Farbe der Beleuchtung wechseln. Aber das müsste noch genauer erforscht werden.

In Schweizer Gefängnissen gibt es rosafarbene Spezialzellen zur Beruhigung besonders aggressiver Häftlinge. Auch in Deutschland hat man bereits damit experimentiert. Bringt das was?

Die Ergebnisse der neuesten Studien dazu sind ernüchternd: Rosa reduziert die Aggressivität nicht merklich. Und mal ehrlich: Häftlinge sollten den Aufenthalt in einer Gefängniszelle als Strafe erkennen. Rosa verniedlicht das Ganze zu sehr.

Sagt die Lieblingsfarbe eines Menschen etwas über seinen Charakter aus?

Meines Wissens gibt es keine seriöse Untersuchung, die eine solche Verbindung nahelegen würde. Erwiesen ist hingegen der Zusammenhang zwischen individuellen Lieblingsfarben und den Farben von Dingen in der Welt, die Menschen besonders mögen.

Wer Bananen liebt, liebt Gelb?

Im Grunde ja. Und noch etwas haben Umfragen gezeigt: Die beliebteste Farbe der Welt ist eindeutig Blau. Insbesondere Amerikaner, Europäer, Chinesen und Japaner bevorzugen diese Farbe. Warum, ist noch unklar.

Ich hätte geschworen, dass Rot die beliebteste Farbe ist.

Nein, Blau. Ein klassisches Blau, weder hell noch dunkel. Ein Blau, das umgangssprachlich oft als Königsblau bezeichnet wird. Leicht ins Grünliche spielende Brauntöne dagegen, die oft mit Schleim oder Erbrochenem assoziiert werden, sind am unbeliebtesten.

In der Antike haben Autoren wie Homer den Himmel nie als blau beschrieben. Seltsam, nicht wahr?

Nicht unbedingt. Homer war ein Poet. Da kann das Meer schon mal rot sein, um ein bestimmtes Gefühl auszudrücken. Und solche Dinge gibt es ja nicht nur in der Poesie. Wenn Sie zum Beispiel sagen, das Schnitzel in der Uni-Mensa sei grün gewesen, dann meinen Sie ja auch nicht knallgrün. Sie meinen vielmehr, es sei nicht mehr ganz frisch gewesen – und daher vielleicht etwas grünlich.

Nun gut. Aber Forscher haben festgestellt, dass es im Altgriechischen – der wichtigsten Wissenschafts- und Literatursprache der Antike – nicht einmal ein Wort für „blau“ gab. Manche Historiker vermuten, dass sich die Fähigkeit, diese Farbe zu sehen, erst später ausgeprägt hat.

Ja? So ganz überzeugt mich diese Theorie nicht. Zumal es im Neugriechischen sogar zwei Worte für blau gibt: „blé“ und „yalaza“.

Goethe hielt seine Farbenlehre für bedeutender als sein gesamtes schriftstellerisches Werk. Spielt sie in der Forschung überhaupt noch eine Rolle?

Nein. Wir Experimentalpsychologen, die zur Farbwahrnehmung arbeiten, stützen uns nach wie vor auf die Pionierleistungen Isaak Newtons. Sie kennen wahrscheinlich dessen berühmte Experimente mit dem Prisma, das das Sonnenlicht in alle Spektralfarben bricht. Die Hauptschwäche von Goethes Ansatz besteht darin, dass er sich geweigert hat, die Erkenntnisse Newtons zu akzeptieren. Stattdessen hielt er am Irrglauben fest, Farben würden sich einzig aus der Mischung von Helligkeit und Dunkelheit ergeben.

Stimmt es, dass Menschen etwa tausend Farbtöne unterscheiden können?

Es sind viel mehr. Wir gehen inzwischen von rund zwei Millionen aus. Aber damit sind wir noch keine Meister im Tierreich. Vögel beispielsweise haben nicht nur drei Typen von Fotorezeptoren in der Netzhaut wie Menschen, sondern fünf. Ihre Farbwahrnehmung verfügt also noch über zwei zusätzliche Dimensionen.

Apropos Tiere: Macht Rot Stiere wirklich aggressiv?

Nach allem, was wir wissen, spielt das Gefuchtel des Toreros mit dem Tuch die entscheidende Rolle. Man kann den Stier auf diese Weise auch mit einem blauen oder grünen Tuch reizen. Ein rotes Tuch hingegen, das sich nicht bewegt, würde ihn kaltlassen.

Warum?

Stiere können Rot gar nicht sehen. Zumindest nicht so wie wir. Erst die Kombination zweier unterschiedlicher Arten von Fotorezeptoren, den Zapfen in unserer Netzhaut, ermöglicht die Unterscheidung zwischen Rot und Grün. Stiere und Kühe aber haben nur eine dieser beiden Zapfenarten. Wahrscheinlich nehmen sie statt Rot oder Grün jeweils eine Art Braun wahr. Ähnlich wie viele Menschen, die farbenblind sind. Diese Art Farbenblindheit prägt sich beim Menschen übrigens aus, wenn eine der drei Typen von Fotorezeptoren fehlt oder beschädigt ist.

Grundschulkinder schwärmen für knallige Farben wie Rot, Blau, Grün oder Orange; 15-Jährige dagegen lieben Schwarz.

Richtig. Und zwar nicht nur in Europa, sondern fast überall auf der Welt. Die Neigung zu Schwarz bei Jugendlichen ist bemerkenswert. Zumal auch unter Erwachsenen in der Regel knallige, bunte Farben besonders beliebt sind.

Martin Oswald, Kunstprofessor an der Pädagogischen Hochschule Weinheim in Süddeutschland, sagt, die Vorliebe für Schwarz habe mit der Entwicklung des räumlichen Denkens zu tun, das im Jugendalter einen Schub erlebe. Dadurch trete alles Farbige zeitweise in den Hintergrund.

Da bin ich skeptisch. Ich denke eher, dass das Schwarz Protest ausdrückt, vielleicht auch Trauer. Die Pubertät ist ja eine Umbruchphase. Jugendliche müssen ihren Platz in der Welt finden, auch durch Abgrenzung. Und in vielen Subkulturen Jugendlicher – nehmen sie Gothic, Punk, Metall oder Emo – spielt die Farbe Schwarz eine Rolle.

Eigentlich ist Schwarz gar keine Farbe, haben wir in der Schule gelernt.

Aus farbwissenschaftlicher Sicht stimmt das nicht. Schwarz und Weiß sind sehr wohl Farben. Sie sind Teil des dreiachsigen Farbraums.

Das müssen Sie erklären.

Es ist gar nicht so kompliziert. Zwei der drei Farbachsen sind chromatisch aufgebaut. Eine verläuft von Gelb nach Blau, die andere von Rot nach Grün. Die dritte Achse schließlich differenziert die Grau-Anteile, die sich im Alltag zum Beispiel durch Licht und Schatten ergeben, und verläuft von Weiß nach Schwarz. Jeder Farbton lässt sich als Punkt darstellen, der auf allen drei Achsen liegt.

In dem Trickfilm „Alles steht Kopf“, der vor drei Jahren in die Kinos kam, war die Freude gelb und die Trauer blau. Reiner Zufall?

Nein. Viele Studien haben ergeben, dass die Mehrheit der Menschen Gelb als fröhlich empfindet, Blau hingegen als traurig – obwohl es die beliebteste Farbe der Welt ist. In einer Untersuchung fanden wir außerdem heraus, dass der Helligkeitsaspekt entscheidend ist. Hellere Farben werden generell als fröhlicher wahrgenommen als dunkle.

Wie kommt es dann, dass in China Weiß die Trauerfarbe ist?

Gute Frage. Allgemeine statistische Tendenzen schließen kulturbedingte Besonderheiten eben nicht aus. Die Ausnahme bestätigt auch hier die Regel.

Synästhetiker behaupten, Zahlen und Buchstaben bunt zu sehen, Farben zu hören oder zu schmecken. Glauben Sie an dieses Phänomen?

Am häufigsten ist die Verbindung von Farben mit Buchstaben, Zahlen oder Wochentagen. Das betrifft immerhin rund zwei Prozent der Bevölkerung. Der Buchstabe A wird zum Beispiel meist mit Rot assoziiert, B dagegen typischerweise mit Blau. Viele Synästhetiker sind einfach nur überzeugt, dass Rot zum Buchstaben A dazugehört. Eine Minderheit aber sieht schwarz gedruckte Buchstaben tatsächlich in bunten Farben. Wir konnten das in Experimenten beweisen.

Wie entsteht Synästhesie?

Das ist sehr umstritten. Eine wissenschaftliche Studie aus den Vereinigten Staaten legt nahe, dass die Farbassoziationen mit bunten Buchstaben-Magneten zusammenhängen. In Amerika gibt es in vielen Haushalten solche Magneten – rote „A“s, blaue „B“s und so weiter – um am Kühlschrank Stundenpläne oder Termine anzuheften. In Europa kenne ich sie vor allem aus Kinderzimmern, wo sie zum Lesenlernen eingesetzt werden. Kinder haben sie im Alltag sehr oft vor Augen. Und aus diesen frühen Eindrücken, so die Studie, stammen wahrscheinlich die Farbassoziationen zu Buchstaben.

Und bei Synästhetikern, die keine solche Magneten zu Hause hatten?

Der wohl verbreitetste Erklärungsansatz ist, dass im Gehirn von Synästhetikern, während sie Buchstaben oder Zahlen betrachten, auch Areale zugeschaltet werden, die für völlig andere Bereiche wie eben zum Beispiel das Farbensehen zuständig sind. Manche Experten gehen davon aus, dass Säuglinge die Welt generell so wahrnehmen und diese neuronalen Verbindungen erst später abgetrennt werden. Aber das ist noch kein gesichertes Wissen.

Lassen Sie uns über das Kleid sprechen, über dessen Farben sich vor einiger Zeit Millionen von Menschen nicht einig wurden.

Das war in der Tat sehr verblüffend. Eine Schottin wollte dieses Kleid zur Hochzeit ihrer Tochter anziehen und schickte dem Brautpaar zuvor ein Foto. Die Verlobten konnten sich nicht einigen, welche Farben die Streifen des Kleides haben. Im Internet, wo das Foto über soziale Netzwerke verbreitet wurde, machten bald wilde Theorien die Runde: Hängt die Farbe von den Bildschirmeinstellungen ab? Sehen Optimisten die Welt durch eine goldene Brille? Und so weiter. Auch Forscher schalteten sich ein: In einer wissenschaftlichen Studie mit 13 000 Teilnehmern tippten die meisten Probanden auf Weiß-Gold, viele aber auch auf Blau-Schwarz.

Welche Farben hatte das Kleid denn nun wirklich?

Es war blau-schwarz.

Und warum ist das so schwer zu erkennen?

Das Besondere bei diesem Foto war, dass zwei Interpretationen zu überzeugenden kohärenten Farbwahrnehmungen führen. Entweder hing das Kleid in einem Schaufenster im Schatten, und von hinten fiel Licht darauf. Oder es hing mitten in einem hell erleuchteten Raum. Die unbewusste Entscheidung für eine dieser Varianten beeinflusst in einem solchen Fall, welche Farben man sehen wird.

Martin Oswald behauptet generell, Farbe sei eine Erfindung unseres Gehirns.

Da ist schon etwas dran. Ich würde es so formulieren: Farbe ist ein Wahrnehmungsattribut.

Unser Wahrnehmungsapparat dichtet die Farben also der Realität tatsächlich hinzu?

Ja und nein. Stark vereinfacht wird oft gesagt: „Sichtbares Licht besteht aus elektromagnetischen Wellen unterschiedlicher Länge, und jeder Wellenlänge entspricht eine Farbe.“ Aber was wir dann tatsächlich als Farben sehen, hängt eben auch stark davon ab, was unser visuelles System aus diesen Wellen macht. Psychologen, Physiker, Philosophen und Gehirnforscher streiten sich darüber, wo die Grenze da genau verläuft.

Und?

Unser Gehirn ist sehr geschickt darin, die von den Sinnen gelieferten Rohdaten sinnfällig zu ergänzen. Deswegen sehen wir zum Beispiel den Baum vor unserem Fenster immer im gleichen Grünton, egal, ob bei Morgendämmerung, Mittagssonne oder bedecktem Himmel. Und das, obwohl sich die Zusammensetzung des Sonnenlichts im Tagesverlauf stark verändert und das von den Blättern reflektierte Lichtspektrum jeweils ein völlig anderes ist. Wir nennen dieses Phänomen Farbkonstanz. Nicht nur Martin Oswald behauptet daher, dass Farbe gar keine physikalische Eigenschaft sei, die dem Licht und den Dingen innewohnt, sondern eine psychologische Kategorie, die ohne den menschlichen Beobachter gar nicht denkbar ist. Ich dagegen bin überzeugt: Es gibt die Farben auch auf rein physikalischer Ebene.

Haben Erkenntnisse über das Wesen der Farben auch einen praktischen Nutzen?

Ja. Das beste Beispiel ist der Bildschirm. Wenn Sie im Fernsehen zum Beispiel Champions League gucken und die roten Trikots von Bayern München sehen, dann hat das Licht, das aus dem Monitor auf Ihre Netzhaut trifft, überhaupt nicht die gleiche Wellenlängenzusammensetzung wie dasjenige, das von einem realen Bayern-Trikot reflektiert wird. Trotzdem sehen Sie beide Male knalliges Rot. Wir können immer genauer mathematisch herleiten, wie man Fotorezeptoren erregen muss, um einen bestimmten Effekt zu erreichen.

Werden also auch Roboter bald wie Menschen sehen können?

Da sind noch viele Hürden zu meistern. Besonders wenn es um das Phänomen der Farbkonstanz geht. Nehmen wir diese orangefarbene Tasse hier: Wenn wir jetzt raus in den Garten gehen, wo das Licht bläulicher ist, verändert sich das Lichtsignal an ihr Auge, und dennoch sehen Sie die Tasse noch immer als orange. Da stoßen Robotik-Forscher bisher klar an ihre Grenzen.

Ein Pflegeroboter müsste ja nicht unbedingt in den Garten hinaus. Es würde reichen, wenn er im Krankenhaus zum Beispiel wahrnimmt, dass sich das Gesicht eines Patienten durch Atemnot blau verfärbt.

Algorithmen, die auf einige Farbsignale reagieren, sind nicht schwer zu entwickeln. Problematisch wird es aber bereits, wenn sich Schatten bilden. Und Licht ist ja auch in Räumlichkeiten nie homogen aufgeteilt. Bis Roboter Farben ähnlich gut sehen können wie wir, wird es noch sehr lange dauern.

Kommen wir noch einmal auf die Forschung in Gießen zurück. Sie und Ihre Kollegen vermuten zum Beispiel, dass Menschen auch graue Bananen als gelb wahrnehmen würden.

Wir vermuten das nicht nur, wir haben es bewiesen. Ich habe das Phänomen inzwischen noch bei weiteren Objekten untersucht. Graue Schlümpfe zum Beispiel werden als blau wahrgenommen und graue Briefkästen als gelb.

Tatsächlich? Könnte es nicht sein, dass die Versuchspersonen Ihnen nur eine Freude machen wollten und daher entsprechende Antworte gaben?

Das kann ich aufgrund der Versuchsanordnung ausschließen. Wir haben den Probanden am Bildschirm Bilder von Bananen und anderen Objekten in unterschiedlichen Farben gezeigt. Dann sollten sie die Pixel so weit verändern, bis die Objekte grau waren. Bei farbneutralen Objekten wie Socken oder Frisbees gelang ihnen das prima. Bei Bananen aber fügten sie zu viel Blau hinzu, um den vermeintlichen Gelb-Überschuss wegzubekommen. Sie gingen also über das physikalische Grau hinaus, weil sie die Bananen, als dieser Punkt erreicht war, noch immer als gelblich wahrnahmen.

Das hab ich jetzt nicht ganz verstanden.

Macht nichts. Schauen Sie selbst: Welche Farbe hat die Banane hier auf dem Bildschirm?

Die hat einen Gelbstich.

Nein. Sie ist grau. Die Banane ist hellgrau, der Hintergrund dunkelgrau.

Tatsächlich? Und woher kommt dann das Gelb, das ich sehe?

Unser Wissen über die Welt beeinflusst die Farbwahrnehmung stark. Wir sehen, wenn es um Farben geht, auch das, was wir zu sehen erwarten.

Literatur:

Kassia St Clair, „Die Welt der Farben“, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017. Aus dem Englischen von Marion Hertle.

Quelle: F.A.S.
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