Forschung über Handwerk

Auf goldenem Boden

Von Gerald Wagner
 - 15:53

Karl Marx, dessen 200. Geburtstag kürzlich gefeiert wurde, ist auch ein Klassiker der Soziologie, insbesondere einer der Arbeitssoziologie. Dabei stand für Marx fest, dass es im Kapitalismus nur fremdbestimmte Arbeit geben konnte. Die Vokabeln, mit denen wir Heutigen ganz selbstverständlich den Wert von Arbeit bestimmen – Selbstverwirklichung, Befriedigung, gar Spaß –, hätten für Marx bestenfalls utopische Potentiale einer vollends von kapitalistischen Zwängen befreiten Gesellschaft benannt. Die Erfüllung subjektiver Ansprüche an die Erwerbstätigkeit auch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen schien noch lange nach Marx für die Soziologie der Arbeit eine uneinlösbare Hoffnung, jedenfalls solange die moderne Gesellschaft im Wesentlichen Industriegesellschaft war. Erst jetzt, in den spätmodernen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften, scheint auch die Arbeit endlich zu einem Terrain der Subjektivierung geworden zu sein. Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz geht sogar so weit, von einem kulturellen Kapitalismus zu sprechen: Standen im alten industriellen Kapitalismus, wie ihn noch Marx beschrieben hat, formale Qualifikationen und typische Fertigkeiten im Vordergrund, gehe es jetzt in der Wissensökonomie darum, außergewöhnliche Leistungen und singuläre Befähigungen vorweisen zu können. Das „spätmoderne Arbeitssubjekt soll und will einzigartig sein“, und es wird sogar von ihm erwartet, dass es zum Wohle des Arbeitgebers die vermeintlich „versachlichte Arbeitswelt der Moderne enorm mit Kultur und Affektivität auflädt“, so Reckwitz.

Das klingt natürlich sehr schmeichelhaft für all jene, die in der Kreativökonomie arbeiten, der Wissenschaft oder den Medien und sich darum zum „Leitmilieu“ der Spätmoderne zählen dürfen. Aber was ist mit den anderen? Etwa all jenen, die im Handwerk arbeiten – hierzulande immerhin rund 5,5 Millionen Beschäftigte, also etwa 13 Prozent aller Erwerbstätigen. Das Interesse der arbeitssoziologischen Forschung am Handwerk ist dennoch gering. Es wirkt altbacken und unkreativ, und subjektive Erwartungen an seine Jobs scheinen keine größere Rolle zu spielen. Vom Handwerk lässt sich für Reckwitz „Gesellschaft der Singularitäten“ anscheinend nichts lernen.

Handwerk als Teil des Bildungssystems

Die Freiburger Soziologin Caroline Janz sieht das ganz anders. Sie besteht vielmehr darauf, dass es auch in den Handwerksbetrieben „Subjektivierungsformen“ der Arbeit gebe. Sie unterschieden sich allerdings von denen der Wissensökonomie erheblich. So prägt die Selbstdarstellungen der Betriebsinhaber, mit denen Janz für ihre Studie gesprochen hat, zum ersten ein großer Respekt vor der materiellen Seite des Handwerks. Dieses brauche Berufung, Begabung und Talent. Erlernbar sei das gar nicht, das müsse man schon in den Beruf mitbringen. Handwerk sei mindestens so viel Materialverwirklichung wie Selbstverwirklichung. Zum zweiten führe dieser Respekt vor dem Talent zur Anerkennung gewisser sozialer Defizite der Beschäftigten. Man könne ein durchaus schwieriger Mensch sein, solange das Endprodukt stimme, sei das akzeptabel. Fachliche Qualifikation schlägt hier also die sogenannten „soft skills“ – das widerspricht durchaus gängigen Annahmen der Arbeitssoziologie.

Ein dritter Befund von Janz stellt auch die bekannte These der Ökonomisierung des Privaten und der „Verbetrieblichung des Lebens“ in Frage. Der Beruf entgrenze sich, durchdringe den Alltag und erhöhe den Druck auf die Beschäftigten, alles der Selbstoptimierung und -organisation für den Job unterzuordnen – Stichwort: Das Handy darf nie ausgehen. Ganz anders im Handwerk mit seinen eher familiär geprägten Betriebsstrukturen. Auch hier lasse sich Entgrenzung feststellen, nur verlaufe sie gerade umgekehrt: Das Private dringe in den Betrieb ein und finde hier Resonanz. Das liegt sicher auch daran, dass Handwerksbetriebe meist auch Ausbildungsbetriebe sind – die Verantwortung gegenüber Azubis aus schwierigen familiären Verhältnissen und bildungsfernen Schichten wird von den Betriebsinhabern nicht nur angenommen im Sinne einer „Wir sind eine große Familie“-Rhetorik. Vielmehr gilt sie ganz betriebswirtschaftlich als unternehmerische Investition: Der Betrieb bildet schließlich für den Betrieb aus, auch wenn das manche Anpassung an schwierige Subjektivitäten und ihre sozialen Hintergründe bedeutet.

Die These, dass es nur in der Wissens- und Kreativwirtschaft um die Erfüllung und Inanspruchnahme von Subjektivität geht, ist also nicht haltbar. Darf der junge, unsichere, weniger angepasste Arbeitende also vom Handwerk Strukturen erwarten, die seine Mängel im erfolgreichen „Selbstmanagement“ kompensieren könnten? Die Untersuchung von Janz legt es nahe und könnte dazu beitragen, dem Handwerk gerade in seiner Funktion als Teil des Bildungssystems wieder mehr gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen. Man kann im Handwerk eine attraktive Bildungsperspektive erkennen, auch ohne vielleicht zunächst als Studienabbrecher zu einem scheinbaren „Subjektivierungsverlierer“ geworden zu sein. Es gibt eben mehr als nur die Subjektivität des Akademikers.

Caroline Janz: Was wir vom Handwerk lernen können: Zwei Subjektivierungsfiguren als empirische Irritationen für den etablierten Subjektivierungsdiskurs, in: Leviathan, 45. Jg., 4/2017, 494-523.

Quelle: F.A.S.
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