Soziale Systeme

Reicher Sack sucht hübsche Hauptschülerin

Von Gerald Wagner
 - 21:29

Warum erwartet man eigentlich am Steuer eines teuren Sportwagens einen älteren Mann mit einer jüngeren, schönen Frau auf dem Beifahrersitz? Ist die Erwartung, dass in Partnerschaften sozioökonomischer Status von Männern gegen weibliche Attraktivität getauscht wird, ein Klischee? Wenn nicht, würde eine attraktive Frau gewissermaßen auf eine ihr gleichwertige Attraktivität bei ihrem Partner verzichten, weil dessen Geld ihr wichtiger wäre als sein Aussehen?

Die Soziologie spricht in solchen Fällen von heterogamen Partnerschaften, also Verbindungen von Personen, sie sich in gesellschaftlich relevanten Merkmalen wie Alter, Einkommen, Bildung und Attraktivität unterscheiden. Die Forschung ist sich einig, dass solche Partnerschaften eher die Ausnahme sind. Viel typischer ist hier die Homogamie, also die Verbindung von hinsichtlich der aufgezählten Eigenschaften eher gleichen Personen. Aber ist der heterogame Sonderfall des Tauschs von ihrer Attraktivität gegen sein Vermögen ein Randphänomen der Welt der Reichen und Schönen, oder ist er doch weiter verbreitet als vermutet?

Wie soll man Attraktivität bewerten?

Reinhard Schunck spricht hier von einer Forschungslücke, denn tatsächlich hat die deutsche Soziologie diese Frage bisher nicht untersucht. Diese Lücke liegt natürlich zunächst an einem methodologischen Problem: Wie soll man denn physische Attraktivität überhaupt messen? Sie ist ja nicht objektivierbar wie die Bildung durch Abschlüsse oder der soziale Status durch Einkommen. Offensichtlich hängt Attraktivität von eher gesellschaftlich geteilten Merkmalen genauso ab wie von individuellen Präferenzen.

Um hier zu auch nur halbwegs objektiven Daten zu kommen, wird man auf Selbsteinschätzungen von Befragten aus naheliegenden Gründen verzichten müssen. Und auch die Beurteilung der Attraktivität einer Person durch deren Partner scheidet aus Gründen der Objektivität aus. Obendrein ist es durchaus vorstellbar, dass reiche Menschen sogar gerade wegen ihres erkennbar hohen sozialen Status auch noch physisch attraktiver wirken. Doch trotz dieses Messproblems will Schunck diese Forschungslücke nun mit Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage Allbus von 2008, 2010 und 2012 geschlossen haben. Das Messproblem wurde hier recht pragmatisch gelöst – der Interviewer sollte selbst die Attraktivität des Befragten beurteilen. 6732 Personen wurden so von 378 Interviewern beurteilt und dann nach ihren sozioökonomischen Merkmalen und denen des Partners befragt.

Ungleichheit in der Beziehung

Die Ergebnisse belegen tatsächlich einen positiven Zusammenhang zwischen der physischen Attraktivität eines Befragten (die vom Interviewer beurteilt wurde) und dessen sozioökonomischer Position, gemessen an Bildung und Status. Sollte man also schlussfolgern, dass Unattraktivität ein generelles Aufstiegshindernis ist? Aber es geht ja eher um Partnerschaften. Und auch dort zeigte sich, dass sozioökonomischer Status gegen physische Attraktivität getauscht wird, und zwar sowohl von Frauen als auch von Männern. Es gilt aber auch, dass Männer in größerem Maße Bildung gegen Schönheit tauschen, als Frauen das tun. Dass eine Akademikerin einen gutaussehenden Kfz-Meister heiratet, bleibt also die große Ausnahme.

Man könnte auch sagen, dass physische Attraktivität die Optionen von Frauen, die selbst über keinen hohen Bildungsabschluss verfügen, bei der Partnerwahl erweitert. Sie können auf einen Partner setzen, dessen sozioökonomischer Status dem ihren gleicht – das wäre die homogame Ehe. Oder sie können sich sozusagen nach oben orientieren, weil es dort Männer gibt, die an ihrer Partnerin Attraktivität höher schätzen als Bildung und Einkommen. Die heterogame Bindung mag für beide Seiten zunächst einen Gewinn darstellen. Aber was bedeutet soziale Ungleichheit der Partner in einer Beziehung? Was nämlich am Anfang von Beziehungen deren Zustandekommen erleichtern mag, kann sich für ihre langfristige Stabilität als negativ herausstellen. Wenn die physische Attraktivität unaufhaltsam verblasst, sollte die Ehe auf mehr gebaut sein als Äußerlichkeiten.

Keine Herrschaft der Schönen

Vielleicht liegt der Grund für die oben erwähnte Forschungslücke – die ja nun zum Glück geschlossen wurde – allerdings auch in der Irrelevanz ihrer Befunde. Weil es physisch attraktivere Menschen etwas leichter haben als die von der Natur weniger Begünstigten (und mehr hat die Untersuchung von Schunck auch nicht herausgefunden), müssen wir noch nicht die Pulchrokratie befürchten, die Herrschaft der Schönen.

Die moderne Gesellschaft wird nicht alle Unterschiede zwischen den Menschen ausgleichen können, also auch nicht die Vorteile, welche die Natur manchen Gesellschaftsmitgliedern mitgegeben hat. Sie braucht es auch nicht. Sie muss sich nur bemühen, die Benachteiligungen auszugleichen, die sich etwa aus Behinderungen, Erkrankungen oder dem Alter ergeben. Und wem die eigene Schönheit nicht genügt, der kann es ja vielleicht einfach mit mehr Sport versuchen. Schließlich ist physische Attraktivität heute, auch das hat die Soziologie ja bereits herausgefunden, mehr denn je ein Produkt von Selbstverbesserung.

Reinhard Schunck: „Status und Schönheit. Wird sozio-ökonomischer Status in Partnerschaften gegen physische Attraktivität getauscht?“ KZfSS (2017) 69: 283ff.

Quelle: F.A.S.
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