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Sitzenbleiber

Die ungeliebte Ehrenrunde

Von Georg Rüschemeyer
 - 18:36
Auch Mädchen bleiben kleben. Nur etwas weniger häufig als Jungen Bild: Imago, F.A.S.

Repetenten bitte aufstehen!“, hieß es am ersten Tag nach den großen Ferien, als Heinz-Peter Meidinger in die siebte Klasse kam – und das schon zum zweiten Mal, denn der gebürtige Regensburger war einer jener Sitzenbleiber, deren Gesicht sich der Lehrer einprägen wollte. „Damals war es an bayrischen Schulen ganz normal, dass bis zu einem Drittel der Schüler eine Jahrgangsstufe wiederholten. Und das meist ohne große Vorwarnung oder Krisengespräche mit Lehrer und Eltern“, erzählt Meidinger, der es trotz seiner Ehrenrunde zu etwas gebracht hat. Der 62-Jährige ist Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf und neuer Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

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Wegen mangelhafter Leistungen in Kernfächern das ganze Jahr wiederholen zu müssen ist doof. Das finden nicht nur die Betroffenen. „Sitzenbleiben bedeutet eine große Kränkung des Selbstwertgefühls und demotiviert. Und weil sie ja in der Regel nicht in allen Fächern Nachholbedarf haben, langweilen sich die Betroffenen und stören den Unterricht“, sagt Klaus Seifried. Der Berliner Schulpsychologe hält nichts von Abschreckung. „Der große Motivator in der Schulen ist Erfolg, nicht das Androhen von Strafe.“

Es trifft nicht mehr so viele wie früher

Im Prinzip sind sich Bildungsforscher und Pädagogen darüber einig, dass schon einiges schieflaufen muss, bevor es zur Nichtversetzung kommt, und dass rechtzeitiges Gegensteuern immer besser ist. Tatsächlich hat sich seit Meidingers Schulzeit einiges getan. In Deutschland wiederholten im Schuljahr 2015/16 nur rund 146000 von 8,3 Millionen Schülern an allgemeinbildenden Schulen eine Klasse, das sind 1,8 Prozent. Am höchsten lag diese Rate mit 4,2 Prozent in Bayern. Etwas mehr als die Hälfte dieser Sitzenbleiber waren Jungs, aber auch Mädchen sind durchaus nicht gegen Fünfer und Sechser in Kernfächern immun.

Mit 1,8 Prozent hat sich die Sitzenbleiberrate damit allein seit dem Jahr 2000 fast halbiert. Doch über die Jahre kumulieren sich auch kleine Zahlen deutlich. In der letzten Pisa-Studie von 2015 gaben gut 18 Prozent aller 15-Jährigen an, bisher wenigstens ein Jahr wiederholt zu haben. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld: In Belgien oder Polen war fast ein Drittel der Jugendlichen schon mal sitzengeblieben, in Großbritannien dagegen nur 2,8 Prozent. Großbritannien gehört allerdings zu jener Hälfte der europäischen Länder, deren Schulsystem kein automatisiertes Sitzenbleiben beim Verfehlen gewisser Zensuren kennt. Eine Jahrgangswiederholung ist dort die große Ausnahme, die von der Schule auf Antrag genehmigt, nicht aber verordnet wird.

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Stigma oder neue Chance?

Aus solchen Zahlen lassen sich allerdings nur bedingt Rückschlüsse auf die große Frage ziehen, welche Auswirkungen die Ehrenrunde für die betroffenen Schüler hat. Ist sie der Schuss vor den Bug, den pubertierende Jugendliche mit null Bock auf Schule brauchen und der ihnen die Möglichkeit bietet, den Rückstand in Ruhe aufzuholen? Oder brandmarkt das Sitzenbleiben die Betroffenen und nimmt ihnen erst recht jede Motivation?

Das hängt ganz von den individuellen Umständen ab. Meidinger teilt die versetzungsgefährdeten Wackelkandidaten in drei etwa gleich große Gruppen auf. Da seien zunächst Schüler mit einer vorübergehenden Leistungsschwäche – sei es, weil der Lehrer nicht passt, die Freundin Schluss gemacht hat oder eine Familienkrise die Schule zwischenzeitlich in den Hintergrund rücken ließ. „In diesen Fällen ist das Sitzenbleiben unnötig. Wenn die akuten Probleme gelöst sind und sie die nötige Hilfestellung erhalten, können solche Schüler den verpassten Stoff auch wieder aufholen“, sagt Meidinger. Ein weiteres Drittel sei aber gerade am Gymnasium schlicht dauerhaft überfordert, hier sei ein Wechsel der Schulform oft das Beste für Zensuren und Motivation. Für die dritte Gruppe, die Meidinger als „entwicklungsverzögert“ bezeichnet, könne das Wiederholen eines Jahres dagegen ein wahrer Segen sein. Dazu zählten unter anderem Schüler, die besonders jung eingeschult wurden und diesen Rückstand nie aufholen konnten. Gerade in der Pubertät drifte aber auch der Entwicklungsstand Gleichaltriger stark auseinander. Für diese Gruppe könne das Sitzenbleiben eine dauernde Überforderung beenden, glaubt Meidinger.

Ideologisch vermintes Gelände

Der Präsident des Lehrerverbandes hält deshalb nichts davon, sich dieses Instruments durch eine weitgehende Abschaffung der Ehrenrunde ohne Not zu entledigen, wie es in Hamburg und Berlin bereits geschehen und in Baden-Württemberg und Niedersachen in Planung ist. Die Regierungen dieser Bundesländer würden mit der Abschaffung der Ehrenrunde ein mehr ideologisches als schulpraktisches Ziel verfolgen, was auf Kosten von Leistungsstandards gehe.

Kuschelpädagogik gegen Zucht und Ordnung – das ist eine Diskussion auf ideologisch vermintem Gelände. Zur liberalen Gegenseite gehört der Essener Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm. „Im Einzelfall kann die Möglichkeit, ein Jahr freiwillig zu wiederholen, sicher sinnvoll sein“, findet zwar auch er. Doch ein verordnetes Sitzenbleiben habe in der Bildungsforschung fast ausschließlich nachteilige Effekte gezeigt. Im Durchschnitt verlaufe die weitere Schullaufbahn von Sitzenbleibern deutlich ungünstiger als die von ähnlich schlechten, aber eben noch versetzten Schülern. Ein weiteres Argument ist für Klemm die Tatsache, dass schulische Leistungen im nationalen und internationalen Vergleich nicht mit dem Anteil von Sitzenbleibern korrelieren. In Deutschland hat Bayern zwar die höchste und Baden-Württemberg eine der niedrigsten Sitzenbleiberquoten, in Sachen Schulleistungen belegen beide Bundesländer jedoch Spitzenplätze. Verteidiger des Sitzenbleibens halten dem eine Studie von 2004 entgegen, in der Michael Fertig vom Essener Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung nach Befragung von mehr als 2000 jungen Erwachsenen über ihre Schullaufbahn zu dem Schluss kam, dass Sitzenbleiber durchaus einen Vorteil gegenüber ähnlichen schwachen, aber versetzten Schülern hätten. Fertigs Analyse wurde seinerzeit allerdings heftig für ihre Methodik kritisiert.

Bildungsforschung ist eben keine harte Wissenschaft

Dass sich über Studienergebnisse und deren Aussagekraft in der empirischen Bildungsforschung besonders trefflich streiten lässt, liegt in der Natur des Fachs. In der Medizin lässt sich die Wirkung eines neuen Medikaments in randomisiert-kontrollierten Studien relativ gut von anderen Einflussgrößen unterscheiden. Der Vergleich von Bildungsmaßnahmen und deren Effekten ähnelt dagegen eher den Beobachtungsstudien der Ernährungsforschung. Bei Letzteren lassen sich zwar alle möglichen Korrelationen, etwa zwischen Rotweingenuss und Herzinfarktrate, nachweisen, über Ursache und Wirkung ist damit jedoch so gut wie nichts ausgesagt. Für endgültige Antworten auf die Frage nach Sinn oder Unsinn des Sitzenbleibens mangele es vor allem an Erhebungen, die eindeutige Aussagen über den langfristigen Bildungserfolg von Wiederholern erlauben würden, gibt auch Klemm zu. Die vorhandenen Studien zeichneten seiner Meinung nach dennoch ein klares Bild der negativen Effekte des Sitzenbleibens. Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung rechnete Klemm 2009 zudem vor, dass Repetenten Kosten von fast einer Milliarde Euro verursachen, die in einer Förderung schwacher Schüler besser angelegt wäre.

Eine solche Förderung könne aber nicht in allen Fällen das Sitzenbleiben überflüssig machen, wendet Meidinger ein, der in einer erfolgreichen Wiederholung eines Schuljahres eben auch eine sinnvolle Bildungsinvestition sieht. Zudem gebe es durchaus auch in Bundesländern wie Bayern, die am Prinzip Ehrenrunde festhielten, Förderangebote und Alternativen zum Sitzenbleiben. In Lernbüros und Sommerakademien erhalten Schüler Hilfe in ihren Problemfächern; Nachprüfungen und das Vorrücken auf Probe ermöglichen vielen, doch noch in die nächste Jahrgangsstufe aufzusteigen.

Ideen für eine weiter gehende Förderung gibt es zuhauf. Klaus Seifried etwa fordert eine regelmäßige individuelle Beratung für jeden Schüler wie in Skandinavien und eine größere Zahl von Schulpsychologen, die bislang oft mehrere Schulen mit etlichen tausend Schülern zu versorgen hätten. Auch eine Umstellung auf ein Modulsystem schon für jüngere Jahrgänge wird diskutiert, was Kritiker aber wegen des organisatorischen Aufwands und des drohenden Verlusts der Klassengemeinschaft ablehnen.

Ihre ganz eigene Meinung haben übrigens die Schüler selbst: In einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Gymnasiallehrerverbandes sprach sich die große Mehrheit der befragten Schüler gegen eine Abschaffung des Sitzenbleibens aus.

Quelle: F.A.S.
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