Kartographie

Die ganze Welt in Menschenhand

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 09:42

Zögernd nähert sich der große Diktator der bunten Kugel. Schließlich hebt er sie mit verzückter Mine aus ihrer Halterung, lässt sie auf dem Finger rotieren und führt dann mit ihr zu den Klängen aus Wagners Lohengrin den vielleicht lustigsten Pas de deux der Filmgeschichte auf. Wie mochte Charlie Chaplin, der in seiner Hitler-Parodie von 1940 nicht nur beide Hauptrollen spielte, sondern auch Regie, Drehbuch, Produktion und Teile der Filmmusik verantwortet, nur auf diese Idee gekommen sein?

Vielleicht hatte er Bilder der Innenausstattung der 1939 bezogenen Neuen Reichskanzlei in Berlin gesehen. Eines davon zeigt den „Reichskabinettsaal“, in dem auch ein riesiger Globus zu sehen ist. Ein zweiter ist in Hitlers 400 Quadratmeter großem Arbeitszimmer zu erkennen. Es handelte sich um „Großgloben für Staats- und Wirtschaftsführer“, die in den 1930er Jahren in kleiner Serie vom damals in Berlin-Lichterfelde ansässigen Columbus Verlag hergestellt wurden. Für die von der nationalsozialistischen Regierung bestellten Exemplare (das des Außenministers von Ribbentrop ist heute im Deutschen Historischen Museum zu sehen) hatte Hitlers 1934 verstorbener Lieblingsarchitekt Paul Ludwig Troost eigens eine hölzerne Halterung in jenem grobschlächtigen Blut-und-Boden-Stil entworfen, dem auch die von Albert Speer gebaute Neue Reichskanzlei ausgiebig frönte.

Doch ging der reale Hitler dort seinen Machtphantasien sehr wahrscheinlich nicht an der Weltkugel nach. Auf den erwähnten Bildern stehen die Columbus-Globen dekorativ in der Ecke. Ob Hitler sie jemals näher beachtet hat, ist fraglich. Sein Interesse an der Welt als empirischem Gegenstand hielt sich in Grenzen, Bilder, die ihn mit Globus zeigen, gibt es keine. Zum Glück, denn sonst wäre vielleicht ein Symbol kompromittiert, das durchaus nicht nur auf morbide Weltmachtgelüste verweist und dem unter anderem das Wikipedia-Logo sowie das der Vereinten Nationen zugrunde liegen.

Was aber steckt hinter dem Symbol? Auf jeden Fall eine lange Geschichte. Stilisierte Weltkugeln finden sich bereits auf römischen Münzen, und spätestens mit der Krönung Kaiser Heinrichs II. durch Papst Benedikt VIII. im Jahr 1014 wurde der „globus cruciger“, der Reichsapfel, zum Herrschaftszeichen. Denn entgegen einem Mythos, der seit der Neuzeit das angeblich dunkle Mittelalter verunglimpfen will, war die Kugelgestalt der Erde seit der Antike allgemein bekannt, und diese Einsicht ging auch im lateinischen Westen nie verloren. Die alte homerische Vorstellung von der Erde als einer Scheibe war jedenfalls spätestens am Ende des fünften Jahrhunderts vor Christus obsolet.

Erdenrund und Himmelskugel

Bereits im frühen vierten Jahrhundert vor Christus lässt Platon im Dialog „Phaidon“ Sokrates die ideale Erde beschreiben, „wie wenn jemand sie von oben anschaut“. Einem solchen Betrachter erschiene sie nämlich „wie die Bälle, die aus zwölf Lederstücken bestehen, farblich verschieden markiert“. Der früheste Hinweis auf einen tatsächlich hergestellten Erdglobus findet sich in römischen Quellen über den griechischen Philosophen Krates von Mallos. Der fertigte demnach um das Jahr 150 vor Christus ein Modell der Erdkugel an, wobei er natürlich nur die „Oikoumene“ (wörtlich „die Bewohnte“) eingezeichnet haben konnte, also die in Europa damals zumindest vom Hörensagen bekannte Welt zwischen der Meerenge von Gibraltar und dem Fernen Osten. Allerdings vermutete Krates bereits die Existenz einer „Anti-Oikoumene“ auf der Südhalbkugel, die er jedoch für unerreichbar hielt, da sie jenseits der als lebensfeindlich heiß angenommenen Äquatorregion liege.

Erhalten ist aus der Antike weder dieser noch irgendein anderer Erdglobus, dafür aber drei Himmelsgloben, also Darstellungen des Firmaments und seiner Sternbilder, und zwar der des sogenannten Atlas Farnese, einer um 150 nach Christus von einem griechischen Original kopierten Marmorskulptur, sowie zwei kleine aus Bronze beziehungsweise Silber. Himmelsgloben waren später im islamischen Mittelalter in Gebrauch, aber auch Gelehrten des Westens bekannt, etwa Gerbert von Aurillac (950 bis 1003), dem späteren Papst Silvester II. Mit Karten versehene Erdgloben dagegen schienen eine Epoche, die von der weiteren Welt auch nicht viel mehr wusste als die alten Griechen, nicht übermäßig interessiert zu haben.

Ein Erdapfel ohne Amerika

Das wurde anders, als die Zeit der Entdeckungsfahrten begann. Tatsächlich stammt der früheste erhaltene Erdglobus aus ebenjenem Jahr 1492, in dem Kolumbus die Neue Welt erreichte. Mit dem „Erdapfel“ des Nürnberger Kaufmanns Martin Behaim (1459 bis 1507) beginnt daher auch das kürzlich auf Deutsch erschienene Buch „Der Globus“ der britischen Restauratorin Sylvia Sumira, dem auch die meisten Abbildungen auf dieser Seite entnommen sind. Sumira hat unter anderem am National Maritime Museum in Greenwich gearbeitet, das eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen historischer Globen beherbergt. So führt sie ihre Leser anhand ausgewählter Stücke durch die auf den Behaimschen Erdapfel folgenden 400 Jahre Globusgeschichte.

Dabei geht es nur zur Hälfte um die kugeligen Karten unseres Heimatplaneten. Mindestens ebenso wichtig sind der Autorin die Himmelsgloben, denn von Beginn des 16. Jahrhunderts an bis weit hinein ins 18. Jahrhundert wurden Himmels- und Erdgloben oft paarweise gefertigt. Für die Seefahrer, die sich vor dem Aufkommen hinreichend präziser und mobiler Uhren auch an den Sternen orientierten, war die Kartierung des Himmels mindestens so wichtig wie die der Erde.

Der große Mercator

Globen waren also zunächst vor allem wissenschaftliche und nautische Instrumente, insbesondere zu Zeiten Gerhard Mercators (1512 bis 1594), des vielleicht größten Kartographen seit dem antiken Gelehrten Klaudios Ptolemaios. Mercator war nicht nur ein Meister der mathematischen Kartographie, der Schöpfer des ersten Weltatlas und der nach ihm benannten winkeltreuen Projektion, die in Zeiten der zoombaren Internetkarten so wichtig ist wie eh und je – er war auch einer der produktivsten Globusbauer. „Er schuf eine immense Zahl von Globen, von denen sich viele erhalten haben“, schreibt Sumira.

Natürlich fehlte auf Mercators Globen noch allerhand. Australien wurde erst 1606 von Europäern betreten, Neuseeland 1642. Noch 1730 hielt man Kalifornien für eine Insel, während Tasmanien bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht als eine solche erkannt war – von weiten Teilen der Polargebiete gar nicht zu reden. Die Konjunktur der Globenindustrie, die sich nun vor allem auf die seefahrenden Kolonialmächte England und Holland konzentrierte, hing natürlich nicht zuletzt damit zusammen, dass ständig Neues entdeckt und damit auf den Globen eingezeichnet werden musste.

Dafür war die Weiterentwicklung der Drucktechnik hilfreich. War Behaims „Erdapfel“ noch ein komplettes Unikat, bei dem die Karte auf eine mit Holz verstärkte Kugel aus Schichten von Leinen und Pergament gemalt worden war, wurden die Karten bereits im frühen 16. Jahrhundert gedruckt. Wie bei Platons Lederball waren es zwölf Segmente aus zwickelförmigen Streifen (siehe Bild), die am Äquator zusammenhingen. Die gedruckten Streifen wurden ausgeschnitten und einzeln auf eine Kugel geklebt oder „kaschiert“, wie die Globenbauer sagen. Diese Kugel wiederum bestand spätesten seit den 1530er Jahren aus zusammengeleimten Papierbögen. Sylvia Sumira fand im Inneren der von ihr untersuchten Globen nicht selten frühneuzeitliches Altpapier aus noch lesbaren Buchseiten. Die Papierbälle wurden mit einer Gipsschicht überzogen, welche sich in hinreichend perfekte Kugelform bringen ließ, indem man die feuchte Gipssphäre in einer kreisförmigen Schablone rotieren ließ. Dass die Erde in Wahrheit etwas abgeplattet ist, spielt für Globen bis heute keine Rolle. Die Differenz von polarem und äquatorialem Durchmesser der Erde beträgt etwa 42 Kilometer, was auf einem 30 Zentimeter messenden Tischglobus gerade mal einem Millimeter entspricht und auch für hochwertige Globen noch im Bereich der Fertigungstoleranz liegt.

Für den Kartendruck wurde anfangs Holzschnitt verwendet, ab den 1530er Jahren aber Kupferstich, was nicht nur erlaubte, filigranere Strukturen abzubilden, sondern auch, die Druckplatten für eine verbesserte Auflage zu ändern, anstatt völlig neue anfertigen zu müssen. „Sehr selten habe ich allerdings Globen gesehen, bei denen neue Zwickel über alte geklebt waren“, erzählt Sylvia Sumira. „Es ist möglich, dass Globen so gegen Gebühr auf den neuesten Stand gebracht wurden, allerdings habe ich darauf keine direkten Hinweise.“

Nautisches Instrument und Prestigeobjekt

Die Produktionszahlen stiegen indes nicht nur aufgrund der Nachfrage des wissenschaftlichen oder nautischen Fachpublikums nach aktuellen Globen. Bereits im 16. Jahrhundert waren Welt- oder Himmelskugeln zu beliebten Accessoires auf Porträts von Adligen und Würdenträgern avanciert. Es waren vielseitige Symbole: Sie konnten auf politische Macht über fremde Länder verweisen oder auf Beteiligung an lukrativen Handelsrouten und entsprechenden Wohlstand oder aber auf Interesse an Entdeckungen sowie auf astronomische oder geographische Bildung. Jedenfalls wurden Globen schick, und so legten sich nun auch immer öfter Leute welche zu, die sie vor allem als Statussymbol oder Prestigeobjekt erwarben, wohlhabende Kaufleute etwa und aufstrebende Bürger.

Die Produkte der Globusmacher erlebten in jedem Fall eine Popularisierung, um nicht zu sagen Profanisierung. Schließlich kamen auch Modelle auf, die weder wissenschaftlich noch nautisch brauchbar waren, etwa Taschengloben ohne Horizont- und Meridianring. Dafür waren auf manchen Erdgloben nun die Routen bekannter Seefahrer eingezeichnet, ab dem späten 18. Jahrhundert nicht zuletzt die drei Reisen James Cooks. Auf zweien der von Sumira vorgestellten Stücke ist sogar der Ort auf den Sandwich-Inseln (dem heutigen Hawaii) ausgewiesen, an dem der berühmte Entdecker im Februar 1779 von Eingeborenen getötet worden war. Selbst der Schöpfer eines gerade einmal sieben Zentimeter messenden Taschenglobus aus dem Jahr 1819 wollte seinen Kunden diese Information nicht vorenthalten.

Lehrmittel und öffentliche Form

Unterdessen hatte sich auch die traditionelle Paarung von Himmels- und Erdgloben erledigt. Was die immer leistungsfähigeren Teleskope am Himmel fanden, ließ sich bald nicht mehr sinnvoll in einen Himmelsglobus stechen. Sternatlanten waren dazu besser geeignet. Die Fortschritte der Uhrmacher hatten die Bedeutung der Sterne für die Seefahrt schwinden lassen. Die Zeit der Globen als Instrument war vorbei, doch ihre Zeit als Lehrmittel für immer breitere Schichten hatte begonnen. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten Farblithographien die handkolorierten Kupferstiche auch auf den Globen abgelöst. Die Erdmodelle wurden zum Massenartikel, obwohl die Karten bis mindestens 1955 auf gipsüberzogene Pappkugeln aufgezogen wurden. Eine weitgehend automatisierte Produktion von Billiggloben wurde erst nach Anbruch des Plastikzeitalters möglich.

Doch auch heute, da in jedem Kinderzimmer ein Globus steht, haben die Miniaturerden nichts von ihrer Faszination verloren. Dabei sind die Grenzen zwischen Kartographie, Kunsthandwerk und PR-Gag manchmal fließend. So ist die 37 Meter messende „Unisphere“ in New York eher eine Skulptur als ein Globus. Im Grunde stellt sich die Frage auch bei dem derzeit größten drehbaren Abbild der Erde. Es hat einen Durchmesser von 12,52 Metern und rotiert seit 1998 im Gebäude des Kartenverlags DeLorme im amerikanischen Bundesstaat Maine. Der gegenwärtig kleinste Globus dagegen ist 60 Mikrometer groß und wurde für einen japanischen Mobilfunkanbieter angefertigt. Die per Elektronenstrahl eingravierte Nano-Karte hat angeblich eine Auflösung, die noch Geländestrukturen erfassen könnte, für die man auf einer mit bloßem Auge erfassbaren Skala einen mehr als drei Meter dicken Globus brauchte.

Von Monden und Planeten

Zugleich geht es längst nicht mehr allein um die Erde. Mondgloben gab es schon, bevor Raumsonden die erdabgewandte Seiten unseres Trabanten ablichteten, und im Zuge der Erforschung des Sonnensystems gibt es immer mehr Himmelskörper als 3D-Modell. Im Fall des Mars ist das auch wissenschaftlich sinnvoll, denn der Rote Planet wurde in den neunziger Jahren mittels eines Lasers so penibel kartographiert, dass sein Relief heute genauer bekannt ist als das manches Unterseegebiets der Erde. Auch die Venus ist per Radar gut vermessen, ein entsprechender Globus für hundert Dollar zu haben. Der Hersteller Mova, dessen Globen dank Solarzellen in beständiger Drehung bleiben, hat allerdings auch den nur annähernd runden Asteroiden Vesta, den Saturnmond Titan und sogar den Jupiter im Angebot. Dabei wird die Oberfläche des Titans nach Abschluss der Radarmessungen durch die Sonde Cassini im kommenden Monat erst zur Hälfte in globustauglicher Genauigkeit bekannt sein. Ähnlich gute Daten über die verbleibende Hälfte wird es dann mangels einer neuen Saturnmission auf Jahrzehnte hinaus nicht geben. Was man indes mit einem Globus des Jupiters anfangen soll, bleibt rätselhaft, schließlich hat der Gasplanet keine feste Oberfläche, sondern nur sich langsam ändernde Wolkenmuster. Ein kartographisches Interesse kann hier nicht vorliegen, aber vielleicht das an einem Objekt zur Meditation über kosmische Sachverhalte.

Als ein solches eignet sich aber auch ein klassischer Erdglobus, insbesondere dann, wenn man da nicht nur eine Kinderzimmer-Version aus tiefgezogenem Plastik drehen lassen kann. Spezialfirmen liefern heute wieder handkaschierte High-End-Globen, die zugleich Repräsentationsbedürfnisse und moderne kartographische Ansprüche befriedigen. Wobei sich offenbar auch Retro- oder Antikversionen zu verkaufen scheinen und solche mit seltsam eingefärbten Ozeanen – für den Fall, dass die Einrichtung am Einsatzort des Globus kein Blau duldet. Bei Columbus, dem heute in vierter Generation geführten Familienunternehmen, das einst auch die Neue Reichskanzlei belieferte, gibt es sogar 77-Zentimeter-Globen aus mundgeblasenem Glas – vor der Erfindung transparenter Kunststoffe waren Glasgloben die Einzigen, die sich von innen beleuchten ließen. Und es sind Globen erhältlich, die mit einem Kaliber von einem Meter dem „Großglobus für Staats- und Wirtschaftsführer“ optisch recht nahekommen.

Da mag man sich fragen, ob solch ein Möbelstück nach Charlie Chaplin denn noch statthaft sein kann. Doch man sollte nicht vergessen, was mit dem Spielball des großen Diktators am Ende der Szene passiert: er platzt. Tatsächlich verweist die Weltkugel als Chiffre des Globalen, Universalen auf etwas anderes als nur auf blanke menschliche Macht über den Erdenball. Es schwingt ein Moment der Weisheit mit, die sich aus der Betrachtung der Erde in ihrer Gesamtheit ziehen lässt. Und ein Stückchen Melancholie. Sylvia Sumira erwähnt, dass die Alten Meister Globen schließlich nicht nur auf Porträts von Mächtigen, Reichen oder Gelehrten abbildeten, sondern auch auf Stillleben, die über die Vanitas, die Eitelkeit und Endlichkeit des Irdischen, reflektierten. Konkret verweist sie auf ein Gemälde Pieter Boels von 1658. Damals füllten sich die Globen von Auflage zu Auflage mit immer neuen Küstenlinien, während ihre Kugelflächen doch endlich groß blieben. Dem aufmerksamen Betrachter konnte also ein Globus da bereits eine ferne Ahnung davon geben, was mehr als drei Jahrhunderte später das Bild „Blue Marble“, das die Astronauten von Apollo 17 von der vollständig beleuchteten Erde aufnahmen, für jedermann offensichtlich machen sollte.

Literatur:

Sylvia Sumira, „Der Globus. 400 Jahre Geschichte, Macht, Entdeckungen“. Philipp von Zabern/Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2016.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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