Interdisziplinarität

Zwischen zwei Welten

Von Hannah Bethke
 - 08:58

Von einer „selbstverschuldeten Verarmung“ der Naturwissenschaftler sprach 1959 der britische Physiker und Schriftsteller Charles Percy Snow, Autor des bekannten Aufsatzes über „Die zwei Kulturen“. Die Naturwissenschaftler verharrten in ihrer spezialisierten Welt ebenso wie die nicht weniger ignoranten Geisteswissenschaftler, die sich so verhielten, „als gäbe es das Reich der Natur gar nicht“. Eine „Kluft gegenseitigen Nichtverstehens“ sah Snow zwischen beiden Wissenschaftskulturen, die zu schließen er als unabdingbar für die Überlebensfähigkeit der westlichen Gesellschaft betrachtete.

Was bleibt davon, fast sechzig Jahr später? Die Interdisziplinarität steht hoch im Kurs, im universitären Alltag aber kocht nach wie vor jeder lieber sein eigenes Süppchen – freilich unter so unterschiedlichen Voraussetzungen, dass ein Dialog der Gleichen kaum vorstellbar ist. Der Wettbewerbsvorteil für die Naturwissenschaftler, den schon Snow erkannte, bleibt bestehen. Sie sind für den Arbeitsmarkt ungleich attraktiver als ihre Altersgenossen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Der Siegeszug der Naturwissenschaften

Wer einen Blick auf heutige Hochschulstrukturen wirft, kann schnell den Eindruck bekommen, dass die naturwissenschaftlichen Fächer sich nicht nur ökonomisch besser zu behaupten wissen, sondern auch in der Denkungsart einen Sieg errungen haben. Hochschulpolitisch zeigt sich das zum Beispiel bei der Stellenvergabe im akademischen Mittelbau. Was in den Naturwissenschaften nicht üblich ist, wird in den Sozial- und Geisteswissenschaften aus finanzieller Not durchaus praktiziert: promovierte Mitarbeiter auf schlecht bezahlte halbe Stellen zu setzen. Rosig ist die Lage der Naturwissenschaftler in Zeiten akademischer Prekarisierung und erzwungener Befristungen gewiss auch nicht, aber in vielen Fällen immer noch besser als die der Geisteswissenschaftler.

Das spiegelt sich auch in den Qualifikationswegen, etwa in der zunehmenden Präferenz der kumulativen Habilitation, die keine Monographie darstellt, sondern mehrere Aufsätze umfasst, die laufend veröffentlicht werden. In manchen Naturwissenschaften ist ein solches Vorgehen aufgrund ihres Aktualitätsgehalts unabdingbar, in den Geisteswissenschaften aber, in denen es viel mehr auf Text und Sprache ankommt, kann das zu erheblichen inhaltlichen Verschiebungen führen.

Entwertung dessen, was nicht messbar ist

Wir haben es also mit dem Problem zu tun, dass ein Modell aus den Naturwissenschaften auf die Geistes- und Sozialwissenschaften übertragen wird – ein altes Thema (das sich einst in Gestalt des Positivismusstreits zeigte) in neuer Auflage. Die Entwertung dessen, was nicht messbar ist, findet ein Pendant in der Ökonomisierung der Bildung, die sich im Studium etwa dergestalt zeigt, dass das Verstehen von Büchern in Leistungspunkten ausgedrückt wird. Womöglich können sich manche Naturwissenschaften, mitunter auch empirische Sozialwissenschaften, leichter danach ausrichten, weil sie zum Beispiel in der Lage sind, Sachverhalte in Zahlen abzubilden. Oder entspringt eine solche Denkweise wiederum bloß einem Vorurteil der Geisteswissenschaftler?

Sechzig Jahre sind seit Snow vergangen, und noch immer fehlen auf beiden Seiten Kenntnisse und diskursive Mittel, sich zu verständigen. Wegweisend könnte ein Aufsatz zweier amerikanischer Politikwissenschaftler sein, der jüngst in den „Political Studies“ erschienen ist und sich den gegenseitigen Vorbehalten von qualitativer und quantitativer Forschung widmet. Die beiden Autoren appellieren an die Wissenschaftler, sich auf das zu konzentrieren, was für ihre Forschung jeweils gehaltvoll ist, anstatt die empirische und nicht-empirische Methode in ein striktes Ausschlussverhältnis zu setzen. Die Kluft zwischen den zwei Wissenschaftswelten können auch sie nicht überwinden, beschreiben deren Gegensatz vielmehr als jenen zwischen Naturalisten und Anti-Naturalisten und machen aus ihrer eigenen anti-naturalistischen Position, die das Ende der Wissenschaft nicht dort gekommen sieht, wo es um Wertungen geht, kein Hehl. Aber sie wagen überhaupt einen Dialog, insofern sie sich von dem Vorurteil verabschieden, dass Methoden der Gegenseite – und damit auch deren Verständnis von Wissenschaft – auf keinen Fall zu der wissenschaftlichen Erkenntnis führten, nach der sie suchen. Könnte dieses zarte Aufscheinen eines dritten Wegs, der bisherige Dichotomien verlässt, nicht auch für eine Verständigung zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften erhellend sein?

Selbst wenn die ökonomischen Strukturen ungleich sind: Inhaltlich ist ein Dialog der Gleichen nicht weniger möglich und nötig als vor sechzig Jahren. Wo Wissenschaft einerseits durch die Bologna-Reform inhaltlich ausgehöhlt wird und andererseits in ihrer gesellschaftlichen Funktion Angriffen ausgesetzt ist, sobald ihre Erkenntnisse nicht ins eigene Weltbild passen, sind beide Wissenschaftskulturen umso mehr gefordert, miteinander zu reden, anstatt nur eine Methode der Erkenntnisgewinnung – in jetziger Tendenz vor allem jene, die sich beziffern lässt – für gültig zu erklären.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bethke Hannah
Hannah Bethke
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