Geist & Soziales
Das Müsli der Gerechtigkeit

Was unser Frühstück über uns aussagt

Von Gerald Wagner
© Picture-Alliance, F.A.S.

Mit der stofflichen Seite der Gesellschaft tut sich die Soziologie von jeher schwer. Dass Menschen über einen Körper verfügen (oder dieser über sie), dass sie sich ernähren müssen, Krankheiten haben oder gesund sind – das sind für die Soziologie Ereignisse in der Umwelt der Gesellschaft, so Niklas Luhmann. Die Gesellschaft hat keinen Körper, Menschen haben einen.

Wenn Soziologen etwa über Ernährung sprechen, dann geht es dabei um Einkommensunterschiede, Konsumstile oder Ausprägungen von Statusdifferenzen. Man kann über die Essgewohnheiten von Hartz- 4-Empfängern im Unterschied zu Einkommensmillionären forschen oder der Frage nachgehen, ob das Übergewicht von Teenagern einen Effekt auf ihren Schulerfolg hat. Und wenn man dann Letzteres bejahen muss, dann spricht man doch wieder von Einstellungen und jugendlichen Lebenswelten, aber nicht von den Körpern selbst.

Hat unser Essens Einfluss auf unser Denken?

Dass die stoffliche Seite des Menschen, also Ernährung, Verdauung, Gene, Aussehen und physische Ausstattung, einen direkten Einfluss auf unser Verhalten haben könnten auf unsere Stimmungen und Wünsche, bleibt im Allgemeinen außerhalb des Horizontes der Soziologie. Gelegentlich müssen sich Bildungsforscher mit der Frage herumschlagen, ob bestimmte Stratifikationen des Schulsystems durch die gesellschaftliche Verteilung der letztlich biologisch begründeten Intelligenz gerechtfertigt sind. Es mag ja sein, so die typische soziologische Antwort, dass es biologisch determinierte Grenzen individueller Intelligenz gibt. Doch entlastet das etwa die Gesellschaft von ihrer Verantwortung, Bildungschancen, soweit es nur irgendwie geht, als gesellschaftlich bedingte Chancen zu begreifen?

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Aber angenommen, ein Ernährungswissenschaftler und ein Soziologie träfen sich in der Frage, ob eine bestimmte Art von Ernährung bestimmte Formen des sozialen Handelns individuell wahrscheinlicher machte als andere – wäre das nicht eine Herausforderung für beide Disziplinen? Natürlich nicht im trivialen Sinne, dass zum Beispiel Adipositas die Auswahl möglicher Freizeitaktivitäten einschränkt oder dass der Konsumstil von Veganern einige Besonderheiten aufweist, die diese Ernährung eher in den Gegenstandsbereich der Religionssoziologie rücken. Nein, es ginge dabei um die ganz grundsätzliche Frage, ob die stoffliche Basis unserer Ernährung einen direkten Effekt haben könnte auf unsere Überzeugungen, unsere Einstellungen und Wertvorstellungen. Einfach deshalb, weil die Nahrung auf molekularer Ebene recht unvermittelt unser Denken beeinflussen könnte.

Soziale Entscheidungen werden beeinflusst

Vielleicht enthält diese Frage ein Kränkungspotential. Als ob Müsli oder Wurstbrot unser Denken bestimmten! Sind wir nicht Herr unserer Entscheidungen? Wem dies aber nicht völlig abwegig erscheint, dem sei die Lektüre einer neuen Studie von Sozialpsychologen und Medizinern der Universität Lübeck empfohlen. Dort wurde jetzt festgestellt, dass unsere täglichen Mahlzeiten tatsächlich Einfluss darauf haben, wie wir uns in sozialen Situationen entscheiden. Ganz präzise kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass unser Frühstück unsere sozialen Entscheidungen beeinflusst. Wer zum Frühstück wenig Kohlehydrate, aber mehr Proteine zu sich nimmt, neigt demnach eher zur Akzeptanz von Ungerechtigkeit.

Die Studie verlangte dazu von den Teilnehmern, im Anschluss an ein auf nüchternen Magen eingenommenes Frühstück ein soziales Experiment durchzuführen. Ihr Gegenüber verfügte über 10 Euro, die sich die beiden teilen konnten. Das Gegenüber machte ein Angebot. Nahm der Teilnehmer an, bekamen die beiden jeweils ihren Anteil. Lehnte er ab, weil er das Angebot unfair fand (3 Euro für ihn, 7 für das Gegenüber), gingen beide leer aus. Normalerweise tendieren die Anbieter in diesem Spiel zu einer mittigen Teilung des Geldes. Andererseits ließe sich auch darauf spekulieren, dass der Empfänger, der selbst eben kein Teilungsangebot machen durfte, auch nur 3 Euro akzeptieren würde, um nicht gänzlich leer auszugehen.

Nudeln sorgen für soziale Fairness

Nach dem Frühstück wurden die Probanden einem Bluttest unterzogen, der Aufschluss gab über die biochemischen Spuren der beiden Frühstückstypen proteinreich oder kohlehydratreich. Pointiert lassen sich die Befunde so zusammenfassen: Kohlehydrate schärfen den Sinn für soziale Gerechtigkeitsnormen. Je höher deren Anteil im Frühstück, desto sensibler reagierten die Probanden auf unfaire Teilungsangebote.

Eine proteinbasierte Ernährung hingegen erhöhte die Bereitschaft, zum individuellen Nutzen auch Teilungsangebote zu akzeptieren, die eigentlich soziale Normen der Fairness verletzten. Anthropologen könnten hinzufügen, dass das gattungsgeschichtlich keine Überraschung sei: Getreidebasierte, also ackerbauende Gemeinschaften sind stärker auf Gerechtigkeit angewiesen als Jäger- und Sammler-Gemeinschaften. Nudeln machen vielleicht nicht wirklich glücklich, aber fördern die soziale Fairness. Vegetarier könnten jetzt hinzufügen: Auch das haben wir immer schon gewusst.

Sabrina Strang, Christina Hoeber, Olaf Uhl, Berthold Koletzko, Thomas F. Münte, Hendrik Lehnert, Raymond J. Dolan, Sebastian M. Schmid, and Soyoung Q. Park: „When food dictates your choice, the impact of nutrition on social decision making“, PNAS 25/2017.

Quelle: F.A.S.
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Niklas Luhmann