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Paläo-Kunst

Michelangelo bei den Dinosauriern

Von Julia Voss
 - 22:19
Die Sixtinische Kapelle der Paläo-Kunst: Ausschnitt aus Rudolph Zallingers „Das Zeitalter der Reptilien“, das der Künstler mitten im Zweiten Weltkrieg begann. Seither haben sich unzählige Illustratoren aus diesem Werk bedient. Bild: Abbildung aus dem besprochenen Band., F.A.S.

Wer mit diesem Buch im Bett oder auf dem Sofa sitzt – und so lassen sich solche Großformate ja doch am besten lesen –, kann dabei schnell in folgendem Tagtraum versinken: Es wird dunkel in irgendeiner großen Stadt, in Deutschland, Frankreich, Amerika oder Russland. Der Herbst ist da, es regnet etwas, aber dadurch wirkt das hell erleuchtete Museum noch feierlicher. Viele Menschen haben diesen Abend mit Spannung erwartet. Die Kunstwelt hat sich versammelt, gekommen sind auch die Wissenschaftler. Das Forschungsministerium schickt einen Redner, die Museumsdirektorin spricht natürlich auch. Denn heute soll ein neues großformatiges Gemälde enthüllt werden, das sich dem Leben vor 300 Millionen Jahren widmet. Wie stellt es uns diese Urzeit vor? Werden die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt? Ist es gut gemalt? Welche künstlerischen Freiheiten nimmt es sich heraus? Das wird in den Folgetagen in Zeitungen und Blogs diskutiert, im Radio, im Fernsehen und bis hinein in die Klassenzimmer, denn prähistorische Tiere interessieren gerade auch Kinder.

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Ein Traum. Die Wirklichkeit sieht leider etwas anders aus. Auch die Pracht des riesigen Bildbandes „Paläo-Art. Darstellungen der Urgeschichte“, der kürzlich im Taschen Verlag erschienen ist, kann nur darüber hinwegtäuschen, dass diese Malerei das Aschenputtel unter den Kunstrichtungen ist.

Von ihren verwöhnten Stiefschwestern, der zeitgenössischen Malerei oder Installationskunst, wird die Paläo-Kunst ignoriert oder als formal rückständig verlacht. Keine documenta oder Biennale der Welt würde sie ausstellen, kein Museum oder Kunstverein. Auch die Wissenschaft hält die Darstellung der Urzeit für einen Zeitvertreib für Kinder, von dem sich Erwachsene, Forscher insbesondere, besser fernhalten sollten. Einige Naturkundemuseen zeigen solche Werke, doch Forscherkarriere macht man durch die Beschäftigung damit nicht. Was die älteren Gemälde anbetrifft, so wurden manche schon als Sperrmüll entsorgt. Und das alles, obwohl wir mit diesen Bildern groß werden und sie anschauen, bevor wir das Wort „Evolution“ auch nur gehört haben. Wer wir sind und woher wir kommen, ist das Thema dieser Kunst. Große Fragen, die eben auch große Kunst erfordern.

Eine doppelte Zeitmaschine aus einem Science-Fiction-Comic

Der amerikanische Maler Walton Ford, selbst ein Meister der Naturdarstellung, und Zoë Lescaze, eine Kunsthistorikerin, Kritikerin und Illustratorin, haben sich nun vorgenommen, diesen Vorurteilen mit diesem überwältigend schönen und klugen Buch entgegenzutreten. Dabei ist den beiden klar, dass die meisten Menschen nicht einmal wissen, was Paläo-Kunst überhaupt sein soll. Im Vorwort schildert Ford die Misere mit einer lustigen Szene. „Ganz egal, mit wem ich spreche“, schreibt er, „ich werde unweigerlich in eine lebhafte Diskussion über die wundersame Kunstfertigkeit der Höhlenmalerei von Lascaux oder über Werner Herzogs hinreißenden und unkonventionellen Film über die Chauvet-Höhle verwickelt.“ Da muss Ford allerdings sein Gegenüber enttäuschen und erklären: „Was Sie meinen, ist paläolithische Kunst.“ Ihre Werke, Höhlenmalereien zum Beispiel, wurden von Menschen der Altsteinzeit erschaffen. Paläo-Kunst dagegen machen Menschen der Neuzeit, um sich unsere Vorgeschichte vorstellen zu können.

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Im Dienst der Paläo-Kunst ist Zoë Lescaze um die Welt gereist, hat Naturkundemuseen besucht und Archive, Nachlässe und Bibliotheken durchstöbert. Vorgestellt werden Wandbilder, Gemälde, Drucke, Zeichnungen oder riesige Mosaike. Die Geschichte, die das Buch behandelt, reicht von 1830 bis fast in die Gegenwart, der Schwerpunkt liegt auf den hundert Jahren zwischen 1850 und 1950. „Es ist“, schreibt Walton Ford einleitend, „wie eine doppelte Zeitmaschine aus einem Science-Fiction-Comic. Mit ihrer Hilfe können wir in der Zeit zurückreisen und erfahren, wie der Blick auf die Vergangenheit früher ausgesehen hat.“ Für alle, die bisher nur wenig Kontakt mit der Paläo-Kunst hatten, ist es außerdem ein wunderbarer Schnellkurs auf dem Gebiet, der unter anderem acht Fragen beantwortet:

1. Warum gelten Farbkleckse als Kunst, die Darstellung von Dinosauriern aber bisher nicht?

Snobismus, lautet Zoë Lescazes Antwort. „Die Regeln des guten Geschmacks geben vor, dass alles, was bei Kindern und der breiten Masse populär ist, mit Argwohn zu betrachten ist, und so gelten Dinosaurier und andere Kreaturen entschieden als Kitsch.“ Die Paläo-Künstler sitzen außerdem zwischen den Stühlen. Als Maler werden sie von ihren Kollegen an den Kunstakademien nicht ernst genommen. Und obwohl sie häufig eng mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten, werden ihre Werke nicht als Beitrag zur Forschung betrachtet.

2. Seit wann gibt es überhaupt Paläo-Kunst?

Noch nicht gar so lange, seit knapp zweihundert Jahren nämlich. Im vorliegenden Buch wird das erste Bild dieser Kunstrichtung abgebildet, es stammt aus dem Jahr 1830. Gemalt wurde es von dem Engländer Sir Henry Thomas De la Bèche (1796 bis 1855), einem Geologen. Er nannte es „Duria Antiquior – A More Ancient Dorset“. Es zeigte das Liasmeer, wie es gewesen sein könnte: dicht bevölkert wie ein Freibad im August und randvoll mit Geschöpfen, die einander an den Kragen wollen. Auch davor gab es natürlich schon Zeichnungen, die prähistorische Tiere zeigten. De la Bèche aber war der Erste, der seine Kreaturen lebendig in ihrer Umwelt zeigte. Das war die Geburtsstunde der Paläo-Kunst. Der englische Wissenschaftler schuf sein Erstlingswerk übrigens für eine Freundin. Dazu später mehr.

3. Warum wird in den Darstellungen der Paläo-Art so viel gekämpft?

Der englische Anatom Richard Owen prägte 1842 die Bezeichnung „Dinosauria“ („schreckliche Echsen“). Die Tiere, deren Fossilien gefunden worden waren, schienen, was Größe und Gebiss anbetraf, tatsächlich häufig monströs. Da lag es nahe, sich vorzustellen, dass sie sich auch so verhielten. Noch dazu entstanden die frühen und größten Werke der Paläo-Kunst in einer Zeit, in der es sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten viele Kriege gab. Plesiosaurier und Ichthyosaurier wurden entdeckt, als die englische Marine die französischen und spanischen Flotten vor Trafalgar schlugen und ihrerseits im Krieg von 1812 eine Niederlage gegen die Amerikaner hinnehmen mussten. Kein Wunder, schreibt Zoë Lescaze, dass die prähistorischen Ungeheuer des Künstlers Édouard Riou sich „eher wie Kriegsschiffe als wie Meerestiere“ verhielten. Bei John Martin, einem englischen Künstler, den seine Zeitgenossen einschließlich der Königin für ein Genie hielten, speiste sich der Hang zu Kampfszenen dagegen aus einer überraschenden Quelle: Martin hatte Karriere mit biblischen Katastrophenbildern gemacht. Die Sintflut, Sodom und Gomorrha und das Jüngste Gericht hatte er mit viel Liebe für schreckliche Details ausgestaltet. Als das Iguanodon entdeckt wurde, erhielt er den Auftrag, es darzustellen. Heraus kam dabei 1837 ein sich windendes Drachennest, mit glutäugigen Dinosauriern, die aussahen, als würden sie gleich Feuer spucken (unsere Abbildung links).

4. Gibt es eine Mona Lisa der Paläo-Kunst?

Die geheimnisvoll lächelnde Dame auf Leonardo da Vincis Ölgemälde ist eines der am meisten reproduzierten Kunstwerke überhaupt. Der im Bereich der Paläo-Kunst heißeste Anwärter auf einen solchen Rang ist das Wandgemälde „Das Zeitalter der Reptilien“ (siehe Abbildung unten) des Amerikaners Rudolph Zallinger aus dem Jahr 1947. Den Brontosaurus, dessen Hals bis in den Himmel ragt, hat wahrscheinlich jeder schon einmal irgendwo abgebildet gesehen, ebenso den Tyrannosaurus rex, der mit halbgeöffnetem Maul durch die Landschaft stapft. Die Motive wurden in Zeitschriften, Comic-Heften, Kinder- oder Sachbüchern tausendfach vervielfältigt, häufig ohne dabei auf Zallinger zu verweisen. Ähnlich erfolgreich war nur noch Charles Knights Idee, den Tyrannosaurus rex 1928 im Zweikampf mit dem herbivoren Triceratops zu zeigen. Das Genre Pflanzenfresser gegen Fleischfresser bietet der Phantasie viel Spielraum, und im Buch heißt es treffend über Knights Gemälde, dass die Gegner sich „wie Revolverhelden vor einem Saloon“ bewegen würden.

5. Was sind die häufigsten Fehler der Paläo-Kunst?

Unweigerlich konserviert Paläo-Kunst auch Vorstellungen über die Urzeit, die sich aus Sicht der heutigen Wissenschaft überlebt haben. Der Brontosaurus zum Beispiel lebte nicht in Sümpfen, wie Rudolph Zallinger glaubte, und die Mammuts nicht im ewigen Eis, wie sie der Tscheche Zdeněk Burian darstellte. Wie alle Pflanzenfresser mussten sie täglich viel Nahrung zu sich nehmen, die sich in Gletscherlandschaften nicht auftreiben lässt. Auch unser Wissen über den T-Rex hat sich geändert: Früher kam er als steifer Bösewicht daher, der, groß wie ein Kran, alles niedertrampelt, was sich ihm in den Weg stellt. Seinen langen Schwanz zog er dabei wie eine Schleppe hinter sich her und richtete damit weitere Verwüstungen an. Heute dagegen sehen die Paläontologen den T-Rex als Athleten, der wendig durch die Landschaft steuerte und seinen Schwanz, ähnlich wie ein Eichhörnchen, zum Navigieren benutzte. Macht das aber die historischen Gemälde wertlos? Kaum. Im Gegenteil werden sie dadurch sogar noch interessanter, weil sie den Blick früherer Generationen auf die Vergangenheit bewahren. Oder glaubt irgendjemand, Albrecht Dürers Holzschnitt eines Nashorns von 1515 sei deshalb weniger gut, weil es anatomisch nicht ganz korrekt ist?

6. Gibt es auch Frauen in der Paläo-Kunst?

Natürlich, und das vorliegende Buch beginnt und schließt mit einer Frau. Auf den letzten Seiten werden Werke von Ely Kish gezeigt, einer amerikanischen Malerin, die bis zu ihrem Tod 2014 in Kanada lebte. Ihr Schaffen fiel damit in die Zeit, als Wissenschaftler begannen, den Klimawandel zu erforschen. Viele von Kishs Gemälden haben Massenaussterben zum Thema, wie etwa, als am Ende der Kreidezeit die Dinosaurier und mit ihnen drei Viertel aller Lebewesen von der Erde verschwanden. Der Überlebenskampf ist bei Kish kein heroischer Akt und die Natur keine Gladiatoren-Arena. Die Künstlerin zeigte dagegen das zähe, aber häufig vergebliche Ringen der Tier- und Pflanzenwelt mit der plötzlichen Umweltveränderung. Müde und ausgezehrt trotten etwa zwei Vertreter der Gattung Massospondylus durch eine Wüstenlandschaft, die ihr Untergang sein wird.

Und dann gibt es noch die Frau, mit der alles begann. Die Engländerin Mary Anning war die Tochter eines Tischlers, der früh und arm gestorben war. Um das Einkommen der Familie aufzubessern, hatte sich Anning schon als Mädchen darauf verlegt, die Klippen und Küsten von Dorset nach Fossilien abzusuchen. Diese verkaufte sie an Touristen. Zusammen mit ihrem Bruder entdeckte sie 1811 die ersten Überreste eines Tiers, das später „Ichthyosaurus“ genannt wurde. Der Wagemut der jungen Frau war legendär. Sie riskierte bei Sturm und Unwettern ihr Leben, um fossile Überreste aus den Fluten zu retten, darunter den ersten Plesiosaurier der Welt und den ersten Flugsaurier Großbritanniens. Die Wissenschaft dankte es ihr allerdings nicht. Die gelehrten Männer hätten „ihr Gehirn ausgesogen und eine Menge davon profitiert, Werke zu veröffentlichen, deren Inhalte sie ihnen geliefert hatte“, stellte Anning später fest. Ein gelehrter Mann allerdings empfand diese Ungerechtigkeit ebenfalls: Das war der erwähnte Thomas Henry De la Bèche. „Er war entschlossen zu helfen“, schreibt Zoë Lescaze. Um das Interesse an Annings Funden zu beflügeln, schuf De la Bèche sein Aquarell „Duria Antiquior“ und vervielfältigte es als Lithographie. Ein Exemplar kostete 2,10 Pfund, eine Summe, die den Monatslohn eines Fabrikarbeiters überstieg. Die Einkünfte aus dem Verkauf retteten Mary Anning.

7. Wie erkenne ich russische Paläo-Kunst?

Eines der größten Verdienste dieses Buchs ist die liebevolle Aufbereitung der Paläo-Kunst, die hinter dem Eisernen Vorhang entstand. Das Darwin-Museum in Moskau ist zwar legendär, doch gibt es wenige gute Abbildungen daraus und kaum Abhandlungen, die außerhalb der historischen Forschung bekannt wären. Die meisten Betrachter können also mit dem Taschen-Band Neuland betreten. Die amerikanische und russische Malerei weist viele Ähnlichkeiten auf, aber eine Faustformel gibt es: Wenn die Pflanzenfresser gewinnen und sich die Tiere gut verstehen, ist es wahrscheinlich ein russisches Werk. In der Sowjetunion wurde ein weniger kriegerisches Bild der Natur propagiert, was auf den Anarchisten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin zurückgeht. Der schrieb 1902 ein Buch über „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“. Kropotkins Argument: Der Engländer Darwin überschätzte die Bedeutung der Konkurrenz, weil er auf einer Insel lebte. In der Weite Russlands könne dagegen nur überleben, wer Hilfe gewährt und bekommt. Dieser Überzeugung gibt etwa das 1986 entstandene märchenhafte Panorama „Landschaft der späten Kreidezeit in der Süd-Gobi“ Ausdruck. Geschaffen haben es Mai Petrowitsch Mituritsch-Chlebnikow und Wiktor Aronowitsch Duwidow. Es befindet sich im Paläontologischen Museum Juri Orlow in Moskau und ist fast 30 Meter lang.

8. Ist „Paläo-Art“ das einzige Buch über die Darstellungen der Urgeschichte?

Nein. Den Klassiker schrieb 1992 Martin S. Rudwick, ein Paläontologe und Wissenschaftshistoriker in Cambridge: „Scenes from Deep Time: Early Pictorial Images of the Prehistoric World“. Rudwicks Studie, immer noch eine großartige Lektüre, widmet sich allerdings vornehmlich dem 19. Jahrhundert. Im Verlag Matthes & Seitz erschien 2014 „Die verlorenen Welten des Zdeněk Burian“, in der Reihe „Naturkunden“ von Judith Schalansky. Es handelt sich um eine Monographie über den tschechischen Künstler mit 300 Abbildungen. Wer die Geschichte der Paläontologie als Thriller lesen möchte, dem sei Michael Crichtons „Dragon Teeth“ empfohlen. Die Witwe des Schriftstellers hat es 2016 aus dem Nachlass herausgegeben. Crichton schrieb es lange vor „Jurassic Park“. Einer der Helden ist Edward Drinker Cope, der im 19. Jahrhundert die damals radikale Ansicht vertrat, dass Dinosaurier agile und aktive Tiere waren. Darüber sprach er mit dem Künstler Charles Knight, der daraufhin seine „Laelaps“ von 1897 schuf (Abbildung oben mittig). Die Kunstgeschichte hat das Paläo-Genre also durchaus schon länger im Blick. Doch was Qualität und Vielfalt der Abbildungen angeht, übertrifft der neue Band alles bisher Dagewesene.

Zoë Lescaze, „Paläo-Art. Dastellungen der Urgeschichte“ mit einem Vorwort von Walton Ford. Taschen Verlag, Köln 2017, 292 Seiten, 75.

Quelle: F.A.S.
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