Philosophischer Idealismus

Weil wir zur Wahrheit fähig sind

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 09:00
zur Bildergalerie

Herr Hösle, Sie haben ein Buch mit dem Titel „Idealismus heute“ mitherausgegeben, und in Ihrem eigenen einleitenden Beitrag darin brechen Sie eine Lanze für diese philosophische Position. Was hat die mit dem „Idealismus“ im Sinne eines Strebens nach Idealen zu tun?

Das sind in der Tat zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen. Einerseits versteht man unter Idealismus eine Philosophie, die davon ausgeht, dass die Wirklichkeit entweder im Bewusstsein ist oder notwendig auf Bewusstsein hin ausgerichtet ist. Oder aber man meint mit Idealismus die Auffassung, dass es normative Ideale gibt, die unser Handeln leiten sollen. Man kann dann unterschiedlicher Ansicht darüber sein, inwieweit diese Ideale neben einer bloßen Forderung, dass sie gelten sollen, auch die Strukturen der Wirklichkeit bestimmen.

Aber gibt es zwischen diesen beiden Begriffen einen Zusammenhang?

Ja, den gibt es. Man kann nämlich der Ansicht sein, dass es letztlich der Sinn der Wirklichkeit ist, erkannt zu werden. Wenn man davon ausgeht, dass wir eine Pflicht haben, uns um Wahrheit zu bemühen, dann liegt es nahe, die Wirklichkeit so zu verstehen, dass sie, insofern sie nämlich durch die Ideale mitbestimmt ist, auf Erkennbarkeit hin angelegt ist.

Hieße das dann, dass das eigentlich Existierende geistiger Natur ist?

Nicht unbedingt. Der Idealismus sagt nicht notwendig, dass alles geistiger Natur ist. Vielmehr sagt er, alles ist durch den Geist erkennbar. Tatsächlich gibt es zwei verschiedene Formen des Idealismus: einmal einen eher subjektiven Idealismus, der tatsächlich sagen würde, es gibt nur Bewusstseinsprozesse. Das ist aber nicht meine Position. Ich gehe durchaus davon aus, dass es eine bewusstseinsunabhängige Natur gibt. Aber ich glaube, wie wissen a priori, dass diese Natur so strukturiert ist, dass sie durch Bewusstsein erfasst werden kann. Ich vertrete also einen objektiven Idealismus.

Was wäre dann die Gegenthese zum Idealismus?

Die Gegenthese wäre: Es gibt eine Natur, deren Gesetze völlig beliebig sind, das heißt, wir haben keine Möglichkeit, sie a priori einzuschränken. Dass es in ihr einen Geist gibt und dass dieser Geist die Natur erfassen kann, ist Zufall. Wir haben dann keine Garantie - nicht einmal eine vernünftige Hoffnung -, dass diese Natur durch den Geist erkennbar ist. Das wäre die Position eines extremen Realismus, für die das Bewusstsein eben reine Zufälligkeit in der Struktur des Seins ist. Dagegen sagt der Idealismus, wie ich ihn verstehe: Die Natur ist notwendig erkennbar. Dafür muss sie einerseits bestimmte Strukturen haben und andererseits einen Geist hervorbringen, der sie erkennt.

Eine Spielart des Realismus ist der Materialismus in der Gestalt des Naturalismus. Zum Beispiel würde der Biologe Richard Dawkins Geist und Geistiges - auch so etwas wie Werte - als bloßes Produkt der Evolution auffassen. Gerade viele von der Naturwissenschaft beeindruckte Zeitgenossen sehen das so.

In der Tat, der Naturalismus hat sich heute durch eine Popularisierung des Darwinismus weit ausgebreitet. Gegen einen solchen Naturalismus gibt es aber zwei Hauptargumente. Erstens: Der Darwinismus kann nicht erklären, warum es überhaupt Bewusstsein gibt. Nehmen wir mal an, was die meisten Naturalisten ja auch tun, das Bewusstsein sei nichts als ein Epiphänomen biochemischer Prozesse. Das bedeutet, dass es selbst keine kausale Kraft hat, in das Naturgeschehen einzugreifen. Wenn dem so wäre, gäbe es überhaupt keinen Evolutionsvorteil für die Entwicklung von Bewusstsein. Man kann natürlich sagen, es ist einfach so, dass Bewusstsein bei bestimmten Hirnstrukturen auftritt - emergiert, wie man auch sagt. Aber man kann nicht behaupten, dass der Darwinismus erklärt, warum dieses Bewusstsein existiert. Warum es Naturzusammenhänge gibt, die neben den rein physikalischen auch psychophysischer Art sind, also Physisches mit Mentalem korrelieren, das ist ein für den Darwinismus nicht zu erklärendes Faktum.

Aber es wäre nicht unvereinbar mit dem Darwinismus . . .

Nein, aber es ist absurd zu behaupten, der Darwinismus könnte so etwas erklären. Und es gibt noch ein weiteres Problem. Nehmen wir einmal an, unser Denken wäre tatsächlich nichts anderes als ein Epiphänomen der Materie. Wenn das im Sinne des Naturalismus richtig wäre, dann gäbe es nicht die geringste Garantie, warum mentale Phänomene, die dann Epiphänomene physischer, durch elektrochemische Kausalitäten miteinander verknüpfter Prozesse wären, wahrheitsfähig sein sollten. Warum sollten etwa jetzt, wo wir beide miteinander reden, unsere gedanklichen Prozesse in der Lage sein, logische Folgerungsbeziehungen zu erfassen, wenn sie nichts anderes sind als Epiphänomene biochemischer Prozesse? Die einzig mögliche Lösung ist zu sagen: Die biochemischen Prozesse und die psychophysischen Zusammenhänge sind von Anfang an daraufhin angelegt, dass mentale Prozesse entstehen, die in der Lage sind, logische Folgerungsbeziehungen zu erfassen.

Und was wäre dann der zweite Haupteinwand gegen den Naturalismus?

Der wäre, dass der Naturalismus zwar zu erklären vermag, warum sich bestimmte Normen evolutionsgeschichtlich durchgesetzt haben. So hat man zum Beispiel argumentiert, sexualbiologische Normen hätten mit der unterschiedlichen Natur der männlichen und weiblichen Gameten zu tun - der Mann hat viele kleine bewegliche Gameten, die Frau ein einziges großes wertvolles, weshalb sie selektiver bei der Partnerwahl sein muss. Mag ja sein, dass das eine Rolle gespielt hat. Aber das kann immer nur erklären, warum sich bestimmte Vorstellungen in der Wirklichkeit durchgesetzt haben. Wenn wir die Frage stellen, ob diese Vorstellungen richtig sind oder nicht, hilft es überhaupt nichts, darauf zu verweisen, dass es eine soziobiologische Erklärung dafür gibt. Es gibt soziobiologische Erklärungen für den Rassismus oder für die Eliminierung schwächerer Mitglieder der Gruppe, die für die Gruppe eine Belastung darstellen. Aber daraus folgt überhaupt nicht, dass das moralisch zulässig ist. Die Moral überschreitet, transzendiert die faktische Natur, und deshalb ist der Naturalismus mit einer Ethik, die sich selbst richtig versteht, gar nicht vereinbar.

Der naturalistische Fehlschluss ...

Genau. Der Fehlschluss besteht darin, dass man aus Fakten - nicht notwendig biologischen, es können auch kulturelle sein - Normen abzuleiten beansprucht.

Ein Name, der heute vielen Menschen beim Stichwort „Idealismus“ einfällt, ist der des Philosophen Immanuel Kant. Aber er ist es nicht, zu dem Sie zurückwollen, oder?

Nein. Ich habe vor Kant die allerhöchste Achtung als Ethiker, bin aber sehr skeptisch, was seine theoretische Philosophie angeht. Und mein Haupteinwand dagegen wurde bereits sehr früh in der Geschichte des deutschen Idealismus vorgebracht: Kants Idealismus geht davon aus, dass wir unsere Begriffe der Wirklichkeit ANTWORT: gewissermaßen überstülpen und dadurch ein verzerrtes Bild der Realität hervorbringen. Kant hat ein starkes Interesse an dieser Aussage, weil er Indeterminist ist. Er möchte an eine Willensfreiheit glauben: Jede Handlung ist zwar durch Naturgesetze und Vorbedingungen bestimmt, denn er meint, dass das Kausalitätsprinzip eine der notwendigen Bedingungen der Wissenschaft ist. Es ist, wie man sagt, eine transzendentale Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft. Aber es muss, so Kant, nichts mit der eigentlichen Wirklichkeit zu tun haben, es kann sein, dass das nur unsere Projektion ist und dass es in den Dingen an sich, die für uns begrifflich nicht fassbar sind, dann wirklich Freiheit gibt. Ich lehne das ab. Ich glaube, diese Theorie der Dinge an sich, die nicht kategorisierbar sind, ist eine absurde Theorie. Es gibt nichts Unkategorisierbares, das wäre meine philosophische Position. Damit stehe ich in der Tradition des objektiven Idealismus. Der sagt: Es gibt in der Tat apriorische Begriffe, also solche, die wir in unserem Denken entwickeln, und die nicht auf Erfahrung rückführbar sind, aber im Entwickeln dieses apriorischen Begriffssystems erfassen wir das Wesen der Wirklichkeit - wir stülpen ihr nicht etwas über. Diese Position haben in der Antike etwa Platon und Aristoteles vertreten und in der Neuzeit besonders stark Schelling und Hegel.

Also: Was es gibt, das ist im Prinzip auch erkennbar. Umgekehrt würde das dann bedeuten: Was nicht erkennbar ist, das gibt es nicht. So etwas kennt man aus der Mathematik. Dort beweist man etwa, dass es unmöglich ist, eine Primzahl zu finden, die größer ist als alle anderen Primzahlen, und schließt daraus: Es gibt keine größte Primzahl. Schon Platon begründet seinen Idealismus mit mathematischen Beispielen. Ist auch für Sie die Mathematik wichtiger Bestandteil einer Argumentation dafür, dass der Idealismus zutreffen könnte?

Ohne Zweifel. Platons Philosophie ist durch zwei große Entdeckungen angeregt. Die eine kommt aus der Erfahrung des Verhaltens seines Lehrers Sokrates, insbesondere angesichts des drohenden Todes, eines Verhaltens, das nicht im Sinne eines kalkulierenden Eigeninteresses verstanden werden kann, sondern das auf die Befolgung eines absoluten sittlichen Imperativs zurückgeht. Die zweite ist die Mathematik. Platon kannte sie aus erster Hand, waren an seiner Akademie in Athen doch einige der bedeutendsten Mathematiker der Antike tätig, Eudoxos von Knidos etwa, Theaitetos oder Menaichmos. Für Platon war es ein wichtiges philosophisches Erlebnis, dass wir hier in reinem Denken eine Fülle komplexer Aussagen finden können, die uns auch beim Verstehen der Wirklichkeit helfen. Und in seinem Werk „Timaios“ hat er - anders als Aristoteles - bereits eine relativ weitgehende Mathematisierung der Natur vorgelegt.

Wobei sich erst heute zeigt, wie mathematisierbar sie ist. Der Physiknobelpreisträger Eugen Wigner hat sich 1960 in einem berühmten Aufsatz einmal ausführlich über die „Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences“ gewundert. Ist das für Sie ein Hinweis auf die Richtigkeit des objektiven Idealismus?

Es ist tatsächlich nicht selbstverständlich, dass Mathematik auf die Wirklichkeit passt. Auch wenn nicht alle Mathematik bisher in dieser Weise anwendbar ist, so ist das doch ein Hinweis darauf, dass die Wirklichkeit rational durchdringbar ist und dass das Durchdenken mathematischer Konsequenzen relevant ist für das Verständnis der Natur, aber auch sozialer Phänomene. Man denke nur an die Spieltheorie.

Wenn Sie es aber mit Platon halten, müssen Sie dann nicht auch seiner sogenannten Ideenlehre zustimmen, also der Vorstellung, dass Dinge und Sachverhalte, denen wir in der Welt begegnen, Abbilder von Entitäten sind, die da in einem Ideenhimmel existieren und denen die eigentliche Existenz zukommt: die Idee des Kreisförmigen, die Idee des Zweckmäßigen? Die Idee des Guten? Das wurde bereits von Aristoteles kritisiert.

Die Frage ist, was man unter diesen Ideen versteht. Sicher existieren die Ideen nicht in irgendeinem Himmel, denn es sind ausdrücklich keine räumlichen Gebilde. Platon war nicht nur ein Philosoph, sondern auch ein Dichter, und daher hat er seine Erfahrung, dass Ideen nicht auf das Empirische reduziert werden können, häufig auf poetische Weise ausgedrückt. Was ich aber auf jeden Fall vertrete, ist eine Form von Begriffsrealismus. Das bedeutet, wenn ich jemanden als Menschen bezeichne, dann bin ich tatsächlich der Ansicht, damit etwas zu erfassen, das den so Bezeichneten wesentlich ausmacht und nicht irgendeine Konstruktion. Ideenrealismus heißt für mich also nicht Ideenhimmel, sondern dass es eine Wirklichkeit gibt, die auf begriffliche Weise erfasst werden kann. Es gibt gar keinen anderen Weg zu erkennen, außer durch Begriffe. Statt von Ideenhimmel würde ich von einer Präsenz der Ideen in der Wirklichkeit sprechen. Begriffe - nicht alle Begriffe, aber doch bestimmte, relevante Begriffe - sind in der Wirklichkeit anwesend, sie sind, wie man sagt, instantiiert. Sie sind jedoch nicht identisch mit ihren Instanzen, weshalb man mit Platon durchaus darauf beharren kann, dass es etwas gibt, was über die Instanzen hinausgeht.

Nun gibt es aber mehr oder weniger scharfe Begriffe. Muss man daher nicht auch - mit Platon - eine Art Stufenontologie vertreten? Also davon ausgehen, dass Dinge mehr oder weniger „sind“ - ein Kreis also in höherer Weise ein Kreis ist, als etwa ein Pferd ein Pferd ist, insofern dieses viele seiner grundlegenden Eigenschaften mit einem Esel teilt?

Sicher ist es so, dass es Begriffe gibt, bei denen die Instantiierung realen Gesetzen unterliegt. Das ist bei mathematischen Gebilden nicht der Fall. Platon unterscheidet schon klar zwischen mathematischen Objekten und Begriffen mathematischer Objekte: Es gibt einen einzigen Begriff des Kreises, aber es gibt viele Kreise, andernfalls könnte man nicht davon reden, dass Kreise sich schneiden. Trotzdem sind mathematische Kreise keine raumzeitlichen Dinge. Sie existieren in einer, wenn man so will, mathematischen Welt - anders als Pferde. Was Sie ferner ansprechen, ist das Problem der Übergänge zwischen Begriffen. Aber auch diese Übergänge sind begrifflich zu fassen. Wenn Sie beispielsweise an Darwin denken und einen Organismus betrachten, dessen Nachfahren sich irgendwann in mehreren Merkmalen von ihrem Ahn unterscheiden, so sind Sie in der Lage, diese Unterschiede zu kategorisieren. Auf die Herausforderung durch die Evolutionstheorie gegenüber dem Muster unveränderlicher Spezies kann man nicht mit der Schlussfolgerung reagieren, hier gebe es eine Wirklichkeit, die nicht begrifflich erfassbar sei. Vielmehr braucht man ein komplexeres Begriffssystem, das angemessen ist, auch Übergangsformen zu erfassen.

Aber stellt die moderne Naturwissenschaft uns bei der Suche nach den richtigen Begriffen nicht noch vor viel schwierigere Herausforderungen? Etwa in der Quantenphysik: Sie hat sich experimentell bestens bewährt, doch ihr Formalismus legt Interpretationen nahe wie die, dass Objekte ihre messbaren Eigenschaften erst durch die Messung selbst verliehen bekommen. Das macht Vertretern eines klassischen materialistischen Realismus nicht wenig zu schaffen. Aber gewinnt eine idealistische Position dadurch bereits an Plausibilität?

Die Quantenmechanik ist tatsächlich ein schwieriger Fall. Hier greift der Messapparat selbst in das zu messende System ein - aber nicht wie in der klassischen Physik etwa die eigene Masse einer Waage einen winzigen, in der Praxis zumeist vernachlässigbaren Einfluss auf eine Gewichtsmessung nimmt. Das Entscheidende in der Quantenphysik ist vielmehr, dass dort der Einfluss des Messgeräts selbst die Resultate mit festlegt. Das heißt aber nicht, dass die Resultate eine subjektive Konstruktion sind, sondern nur, dass sie in einer bestimmten Messanordnung andere sein müssen als bei einer anderen Anordnung. Ich glaube daher nicht, dass man dies im Sinne eines subjektiven Idealismus deuten kann.

Aber im Sinne eines objektiven Idealismus, wie Sie ihn favorisieren?

Das lässt sich gegenwärtig nicht sagen, da unter den Physikern keine Einigkeit darüber besteht, wie der mathematische Formalismus der Quantentheorie ontologisch zu deuten ist. Da gibt es verschiedene Interpretationen, von denen manche allerdings philosophisch geradezu absurd erscheinen.

Sie meinen die „Viele-Welten-Interpretation“ des Amerikaners Hugh Everett, der zufolge sich die Wirklichkeit bei jeder quantenmechanischen Messung in fortan getrennte Zweige aufspaltet, so dass alle möglichen Messergebnisse auch realisiert sind?

Richtig. Die Everett-Interpretation führt zu einer so bizarren Theorie des Seienden, dass ein vernünftiger Philosoph das nicht ernst nehmen sollte.

Trotzdem ist diese Interpretation nicht ohne Reiz für die Realisten, zumindest unter den Physikern. Denn sie erklärt den quantenmechanischen Zufall weg, gegen den bereits Einstein mit seinem Ausspruch „Gott würfelt nicht“ protestierte. Dieser Indeterminismus ist bei Everett Folge des Umstandes, dass wir immer nur den eigenen Realitätszweig innerhalb der vielen Welten verfolgen können.

Wie der quantenmechanische Indeterminismus zu verstehen sei, ist, glaube ich, noch nicht entschieden. Was ich aber als Philosoph sagen würde, ist, dass es absurd ist zu meinen, derartige Quanten-Spontanitäten hätten etwas mit der Willensfreiheit zu tun. Unsere Freiheit hängt nicht daran, dass irgendetwas Unvorhersehbares passieren kann, sondern daran, dass wir statt durch äußere Ursachen durch rationale Gründe bestimmt sind. Für mich setzt Freiheit rationale Selbstbestimmung voraus, und diese muss damit auf Gründe zurückgreifen. So viel kann man schon jetzt sagen, wie auch immer es sich mit der Spontanität in der Natur verhalten mag.

Neben Freiheit hat der menschliche Geist Bewusstsein, und das ist für den Idealismus das zentrale Phänomen. Angenommen, eine Science-Fiction-Idee würde wahr und es gelänge, ein künstliches System zu bauen, das ein Bewusstsein seiner selbst entwickelt und das uns Menschen gegenüber auch zu artikulieren vermag - so wie der Android Data aus „Star Trek“. Wäre das dann nicht ein Beweis dafür, dass Bewusstsein tatsächlich nur ein Epiphänomen des Materiellen ist? Würde das eine idealistische Position nicht unhaltbar machen?

Keineswegs. Ich habe zwar keinen Anhaltspunkt, ob solch ein Androide möglich ist, aber ich schließe nicht a priori aus, dass es ein Bewusstsein geben könnte, das auf einer technischen, von Menschen gemachten Struktur superveniert, wie wir Philosophen sagen - dass also Änderungen in dem fraglichen Bewusstsein stets mit Änderungen in jener künstlichen Struktur einhergehen (aber nicht notwendig umgekehrt). Allerdings würde ich vermuten, dass solch ein künstliches System de facto ein Organismus sein müsste, ein sich selbst erhaltendes System. Das halte ich aus diversen Gründen für plausibel. Unsere Computer heute sind keine Organismen, und von Bewusstsein gibt es bei ihnen keine Spur. Aber es ist im Prinzip denkbar, dass es einmal technisch hergestellte Organismen geben wird.

Aber wenn die Bewusstsein haben . . .

Solch ein künstliches System mag Bewusstsein hervorbringen, aber - und das ist hier wichtig - dieses System wäre nie mit Bewusstsein identisch. Darum wären sie auch kein Beleg dafür, dass der Naturalismus zutrifft. Denn ihre Existenz würde nur bedeuten, dass die Natur in sich so angelegt ist, dass zu bestimmten Strukturen Bewusstsein passen muss.

Mit anderen Worten: Eine Natur, die den Bau geistbegabter, also denkender und fühlender Roboter ermöglicht, muss - ganz zu Ende gedacht - in ihren Fundamenten geistig sein?

So könnte man sagen. Ich persönlich würde übrigens mit Nachdruck daran festhalten, hier eine Art moralisches Prinzip anzunehmen, dass, wenn solch ein Artefakt sich ganz so verhalten würde wie ein Mensch, wir solch ein Wesen dann auch mit Menschenrechten ausstatten müssten. Denn die Menschenrechte hängen nicht an der zufälligen Tatsache, dass wir zur Spezies Mensch gehören, sondern an unserer Geistnatur.

Weil Sie auch Werten eine objektive Existenz zuerkennen . . .

Richtig. Ich gehe davon aus, dass Werte nicht einfach Konstruktionen etwa unserer Gesellschaften sind. Einen solchen sozialen Konstruktivismus lehne ich noch schärfer ab als den Naturalismus. Ich gehe davon aus, dass moralische Aussagen wahrheitsfähige Aussagen sind. Und das ist nur möglich, wenn die Werte, auf denen diese moralischen Aussagen basieren, nicht nur meine subjektiven oder unsere gesellschaftlichen Setzungen sind, sondern Strukturen der Wirklichkeit an sich. Ich bin also ein moralischer Realist. Und da ich der Meinung bin, dass Wertaussagen normativen Aussagen vorausgehen, bin ich auch ein Wertrealist. Werte sind etwas Reales. Aber ihre Realität besteht nicht in einer physischen Existenz, vielmehr kann man sie sich ähnlich vorstellen wie die Existenz mathematischer Gebilde.

Ist das heute nicht eine etwas heikle Position? Denn damit sagen Sie ja, dass es absolute Werte gibt, auf die jeder Mensch, egal aus welcher Kultur er kommt, verpflichtet werden kann.

Ja, aber damit bin ich nicht unbedingt in schlechter Gesellschaft. Das Grundgesetz etwa ist wertrealistisch. Dessen Errungenschaft gegenüber der Weimarer Reichsverfassung ist ja, dass Artikel 1 und Artikel 20 überhaupt nicht verändert werden können - auch nicht mit einem einstimmigen Beschluss des Bundestages oder mit 100 Prozent Stimmen in einem Referendum. Die Autoren des Grundgesetzes haben sich die Inhalte dieser Artikel als zeitlose Wahrheiten vorgestellt. Und tatsächlich würden die meisten Menschen zustimmen, dass man sich nicht damit zufriedengeben darf, wenn ein Land sagt: Bei uns ist es eben Brauch, Minderheiten in Gaskammern zu schicken. Das ganze Konzept der Menschenrechte basiert letztlich auf einer wertrealistischen Philosophie, und es war eine der ganz großen Leistungen der Menschheit, dass sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf einen Menschenrechtskatalog einigen konnte.

Diese Rechte waren aber nicht immer und überall selbstverständlich. Jene etwa, auf die sich das Verbot der Sklaverei stützt, waren der Antike fremd. Wollen Sie allen Menschen moderne westliche Werte aufzwingen?

Keineswegs. Meine Frau ist Südkoreanerin, ich verbringe viel Zeit in Asien und fühle mich dort manchmal mehr zu Hause als hier in Amerika oder in Deutschland. Ich habe überhaupt nicht die Absicht, spezifisch westliche Ausprägungen universaler Werte zu verabsolutieren. Es gibt viele andere Formen, die völlig legitim sind, und es ist dann selbst ein absolutes Prinzip, dass man diese Formen respektieren muss. Die Frage ist nicht, ob alles absolut oder alles relativ ist, sondern die Frage ist, wo wir die Linie ziehen zwischen absoluten Normen, Werten, Rechten, die nicht in Frage zu stellen sind, und jenem, was in der Tat von kulturellen Eigentümlichkeiten und individuellen Präferenzen abhängt.

Das heißt aber auch, dass Sie zum Beispiel den Utilitarismus ablehnen, der die Gültigkeit von Werten danach beurteilt, wie nützlich es unterm Strich für die Menschheit ist, sich danach zu richten.

Absolut. Ich glaube, dass der Utilitarismus eine gewisse Berechtigung hat, wenn wir bereits absolute Werte haben. So sind utilitaristische Argumente legitim, wenn es darum geht, welche Wirtschaftspolitik man verfolgen soll. Aber wenn man sich etwa fragt, ob man einen Menschen töten darf, wenn dadurch der allgemeine Wohlstand steigt - wie in Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ -, kann es keine andere Antwort geben als „Nein“. Für die Fundamentalstruktur der Ethik ist der Utilitarismus keine plausible Theorie.

Wenn diese Fundamentalstruktur aber zur Wirklichkeit gehört wie die Elementarteilchen oder der Satz des Pythagoras - ist dann das Gute nicht bereits von Anfang an in der Welt anwesend? Leben wir vielleicht, wie ein anderer objektiver Idealist, Gottfried Wilhelm Leibniz, meinte, tatsächlich in der besten aller möglichen Welten?

Ich weiß nicht, ob wir in der besten der möglichen Welten leben, auch wenn Leibniz’ Theorie durch ihre Einfachheit besticht und sicher denen vorzuziehen ist, die das Sein vom Guten ganz abkoppeln. Was meines Erachtens klar ist: Wenn wir Wertrealisten sind, wenn wir also der Meinung sind, dass moralische Aussagen nicht einfach unsere subjektive Meinung sind, dann müssen wir davon ausgehen, dass die Verwirklichbarkeit des Guten in der Welt nicht einfach ein Zufall ist, sondern dass unter allen möglichen Naturgesetzen die ausgewählt wurden, die zu einer erkennbaren Wirklichkeit führen und damit auch notwendig zu Wesen, die in der Lage sind, zu erkennen. Und analog, dass die Welt so konzipiert ist, dass es darin zu Gutem kommen kann. Das heißt: Moralische Prinzipien bestimmen wenigstens zum Teil die Existenz der Wirklichkeit. Da wir nun also dieses normative Prinzip als Ursprung eines Teiles dieser Wirklichkeit annehmen müssen, ist es nicht unplausibel, dass letztlich das Gute, die Idee des Guten, der Welt als Ganzem zugrunde liegt.

Das führt natürlich sofort zu der Frage, warum es dann auch viel weniger Gutes in der Welt gibt: Tod, Leid, Ungerechtigkeit . . .

Richtig, das sogenannte Theodizeeproblem. Und die Frage ist nun, ob dieses Problem plausibel gelöst werden kann, indem man sagt, dass all die Übel, die wir in der Welt erleben, de facto zugelassen sind, weil nur so komplexere Güter erreicht werden können. Ich bin sehr offen für solche Gedankengänge.

Wie argumentiert man da? Erklärt man etwa Leid und Zerstörung durch Erdbeben aus dem Umstand, dass eine Erde ohne seismische Aktivität auf Dauer wahrscheinlich kein höheres Leben tragen könnte?

Zum Beispiel. Bei Leibniz ist ein ganz entscheidendes Kriterium für die bestmögliche Welt nicht etwa, dass hier kein Leiden vorkommt, sondern dass die Naturgesetze einerseits möglichst einfach sind und andererseits eine Welt besonders großer Komplexität hervorbringen - wie es ja auch der Fall zu sein scheint. Und es muss möglich sein, in dieser Welt moralisch zu handeln. Sicher gibt es zum Beispiel viele Menschen, die zu früh sterben. Die Aufgabe ist dann eben, das durch kulturelle Anstrengung zu verbessern, also etwa Bedingungen zu schaffen, durch die Menschen Erdbeben leichter überleben können. Man könnte sogar fragen, ob die Tatsache, dass vieles Gute in der Welt nicht einfach da ist, sondern erst in komplexen Akten verwirklicht werden muss, eine Fülle von Werten erst ermöglicht, die es sonst nicht gäbe - Subjektiv-Moralisches neben dem Objektiv-Richtigen. Vielleicht ist die Welt als Ganzes Ausdruck des Guten - nicht obwohl wir noch so viel in ihr verbessern können, sondern gerade deswegen.

Literatur:

Vittorio Hösle/Fernando Suárez Müller (Hrsg.), „Idealismus heute. Aktuelle Perspektiven und neue Impulse“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAristotelesImmanuel Kant