Scholastik

Von wegen Engel auf Nadelspitzen

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 08:00
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Selbst an eine Kirchentür genagelt hat er sie wohl nicht. Vielmehr verschickte der Wittenberger Theologieprofessor und Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel am 31. Oktober 1517 an seinen Erzbischof und andere Theologen. Letztlich führte dieser Akt zum Zerwürfnis mit dem Papst und in der damaligen politischen Situation Mitteleuropas am Ende zur Kirchenspaltung, die sich verfestigte, obwohl der Ablasshandel päpstlicherseits bald abgeschafft und 1570 verboten wurde. Aber um das Ablasswesen ging es ohnehin nur vordergründig. Was Luther – zumindest am Anfang – wirklich umtrieb, das geht aus einem anderen, hundert Thesen umfassenden Positionspapier hervor, das er zwei Monate zuvor verfasst hatte und mit dessen Verteidigung ein Student von ihm am 4. September 1517 seinen ersten theologischen Abschluss erlangte, in der „disputatio contra scholasticam theologiam“.

Gegen die scholastische Theologie ging es, namentlich gegen Johannes Duns Scotus (1266 bis 1308), William of Ockham (1288 bis 1347) und Gabriel Biel (1415 bis 1495). Indem diese Denker dem Menschen einen freien Willen zuerkannten und damit die Möglichkeit, sich für das Gute zu entscheiden, schmälerten sie in Luthers Augen die Heilsmacht Gottes, dessen Gnade allein den Menschen vom Bösen befreien könne. „Wir werden nicht zu Gerechten, indem wir Gerechtes tun“, lautet eine der hundert Thesen, „sondern weil wir gerecht gemacht wurden, tun wir Gerechtes – entgegen dem, was die Philosophen behaupten.“ Gemeint waren besagte Philosophen der Scholastik und der alte Grieche Aristoteles, auf dessen Werken sie aufbauten.

Jahrhunderte mit Imageproblem

Aber der Reformator ist nicht allein. In der Neuzeit ist das Ansehen der Scholastik in den verschiedensten Kreisen und aus den verschiedensten Motiven bis fast ins Bodenlose gesunken. Die Humanisten bemäkelten das hölzerne Latein der meisten scholastischen Texte, und zu Beginn des 19. Jahrhunderts beklagte ausgerechnet Hegel, wie „schrecklich geschrieben und voluminös“ die mittelalterliche Philosophie doch sei. Naturwissenschaftler werfen der Scholastik gerne ein gestörtes Verhältnis zur Empirie vor und die Denker der Aufklärung eine ungebührliche Nähe zur Theologie und Anhänglichkeit an Autoritäten wie der Bibel, den Kirchenvätern und eben Aristoteles.

Obendrein geriet die Scholastik in den Ruf, mit Spitzfindigkeit Fragen nachzugehen, die es ohne sie gar nicht gebe. Zum festen Inventar abendländischer Halbbildung ist jenes „Scholastikerproblem“ geworden, dem Christian Morgenstern ein gleichnamiges Gedicht widmete: „Wieviel Engel sitzen können/ auf der Spitze einer Nadel –/ wolle dem dein Denken gönnen,/ Leser sonder Furcht und Tadel!/ »Alle!« wird’s dein Hirn durchblitzen./ »Denn die Engel sind doch Geister!/ und ein ob auch noch so feister/ Geist bedarf schier nichts zum Sitzen.«/ Ich hingegen stell den Satz auf/ Keiner! – Denn die nie Erspähten/ können einzig nehmen Platz auf /geistlichen Lokalitäten.“

Das ist formal eine Karikatur und inhaltlich eine Legende. Eine Erörterung von Engeln auf Nadelspitzen findet sich in keinem scholastischen Werk, sondern ist zuerst in dem frühneuhochdeutschen Traktat „Schwester Katrei“ aus dem 14. Jahrhundert nachweisbar, der ironischerweise lange dem Mystiker Meister Eckhart (1280 bis 1328) zugeschrieben wurde, wobei die Ironie darin liegt, dass die Mystik gerne als eine menschenfreundlichere, weil individueller „Innerlichkeit“ verschriebene Gegenbewegung zur verkopften und kirchenhörigen Scholastik gesehen wird. Immerhin wurden einige der Lehren Eckharts als häretisch verurteilt, und im Unterschied zu den anderen großen Scholastikern wie Albertus Magnus (1200 bis 1280), Bonaventura (1221 bis 1274) und Thomas von Aquin (1225 bis 1274) wurde Meister Eckhart nie heilig- oder auch nur seliggesprochen.

Das wurde auch William of Ockham nicht. Der englische Franziskaner und geniale Logiker starb im Streit mit dem Papst und unversöhnt mit der Kirche in München, wo er sich zu Kaiser Ludwig dem Bayern geflüchtet hatte. Hintergrund war aber weniger Ockhams Philosophie als ein schwerer kirchenpolitischer Krach zwischen dem Papst und Teilen der Franziskaner. In unserer Zeit wurde Ockham dann Vorbild für die Romanfigur des ebenso sympathischen wie geistig unabhängigen William von Baskerville in Umberto Ecos „Name der Rose“ von 1980. Das wäre dann ein weiteres Etikett, das den Scholastikern anhaftet und zurück zu Luther führt: Sie seien doch nur die philosophischen Winkeladvokaten der Papstkirche gewesen.

Scholastik als Methode

Für so manches am schlechten Image der Scholastik gibt es allerdings Gründe. So erfreute sich die Philosophie des Thomismus, die auf den Lehren des Thomas von Aquin aufbaut, im 19. und frühen 20. Jahrhundert einer intensiven Förderung durch die Kirche, bis hin zur expliziten päpstlichen Anempfehlung in der Enzyklika „Aeterni patris“ Leos XIII. im Jahr 1879. Als „Neuscholastik“ wurde sie dabei gegen weltanschauliche Ideen und Ansprüche in Stellung gebracht, wie sie infolge der sozialen Umwälzungen des Industriezeitalters aufkamen und aus der Erfahrung einer immer erfolgreicheren Naturwissenschaft religionskritische Schlüsse zogen. Wahr ist auch, dass praktisch alle Scholastiker Theologen waren und die meisten auch katholische Geistliche. Und selbst in der gereimten Karikatur Morgensterns scheint etwas auf, das es in der Scholastik tatsächlich gab: Ein strenges dialektisches Verfahren, um die Schlüssigkeit von Aussagen zu prüfen und darzustellen.

Ein typischer scholastischer Text – zum Beispiel die Diskussion der Existenz Gottes bei Thomas von Aquin – beginnt mit der zu untersuchenden Aussage, oft in Form einer Frage („Gibt es einen Gott?“). Dann werden mit der Formel „videtur quod non“ (es scheint, dass nicht) zuerst Gründe und logische Schlussfiguren vorgebracht, die dagegen zu sprechen scheinen. Dann folgen unter „sed contra“ (aber dagegen) Zitate einer Autorität, in diesem Fall der Bibel, danach der Hauptteil mit der Problemlösung. Im Fall von Thomas’ Gotteslehre besteht sie erstens aus einer These darüber, was es heißt, dass etwas notwendig existiert, sowie zweitens aus der Ausführung dieser These im „respondeo dicendum“ (ich antworte, es sei zu sagen), die in diesem Fall die Aussage, es existiere notwendig etwas wie das, was man gemeinhin „Gott“ nennt, auf fünffache Weise begründet – die „quinque viae“ (fünf Wege) des Thomas von Aquin.

Dieses literarisch wenig ansprechende Textformat entsprang den Gepflogenheiten des Lehrbetriebs an mittelalterlichen Universitäten, bei der großer Wert auf das sorgfältige Erörtern auch der Gegenargumente gelegt wurde. Daher kommt auch der Name: Das lateinische Wort „schola“ bedeutet ursprünglich „Zeit zum Lernen“ und dann Schule, Lehrbetrieb, gelehrtes Gespräch. Und noch zu Luthers Zeiten war dieser Stil üblich. Daran erinnert die Formulierung seiner theologischen Aussagen in Form von Thesen, die in einer Disputation nach strengen Regeln der Erwägung des Für und Wider zu verteidigen waren. Aus dieser Perspektive war also der frühe Martin Luther selbst noch ein Scholastiker.

Scholastik als Epoche

Doch neben der Bezeichnung für ein bestimmtes Verfahren zur Gestaltung philosophischer oder theologischer Argumente ist das Wort „Scholastik“ noch mit zwei weiteren Bedeutungen belegt.

So versteht man darunter auch eine 9oo Jahre umfassende Epoche der abendländischen Geistesgeschichte. Ihr Beginn liegt im 6. Jahrhundert. Voran geht ihr die Patristik, also die Zeit der Kirchenväter, insbesondere Augustins (354 bis 430), des bedeutendsten Philosophen der Spätantike. Als erster Scholastiker gilt Ancius Manlius Torquatus Severinus Boëthius (ca. 480 bis 524), noch ein echter Römer, der allerdings am Hof des Ostgotenkönigs diente, denn das Weströmische Reich war 476 untergegangen. Boëthius begann damit, was typisch für die mittelalterliche Philosophie werden sollte: Er kommentierte Werke früherer Autoren, darunter des Aristoteles, und übersetzte einige ins Lateinische – allerdings nicht die großen fundamental- und naturphilosophischen Schriften.

Diese blieben dem lateinischen Westen noch ein halbes Jahrtausend unbekannt, denn die Wirren der Völkerwanderung hatten die antike Bildung dort verfallen lassen, so dass kaum noch jemand richtig Griechisch konnte. Schon Augustinus verstand die Sprache Platons und Aristoteles’ nur schlecht. Dass Augustinus’ Denken in der Tradition Platons stand, verdankt er neuplatonischen Autoren sowie eigener Genialität.

Aristoteles Superstar

Diese Überlieferungsprobleme sind nicht unwichtig für das Verständnis der scholastischen Epoche. So stand ihre erste Phase noch ganz unter dem Einfluss Augustinus’ und des Neuplatonismus. Ihre bedeutendste Gestalt war der Benediktiner Anselm von Canterbury (1033 bis 1109). Die sogenannte Hochscholastik begann mit dem 13. Jahrhundert, als die Kreuzzüge und die sukzessive Rückeroberung der iberischen Halbinsel die Lateiner mit der islamischen Welt in Kontakt gebracht hatten. Dort lagen Aristoteles und Platon schon lange in arabischen und syrischen Übersetzungen vor und wurden von jüdischen und islamischen Gelehrten rezipiert und kommentiert, allen voran Mohammed Ibn Rushd alias Averroës (1126 bis 1198) in Cordoba. Über sie gelangten die Hauptwerke des Aristoteles nun zum ersten Mal seit der Antike nach Mitteleuropa.

Die Folgen waren tiefgreifend. Umso mehr, als sich zu dieser Zeit in Paris, Oxford und Bologna gerade die ersten Universitäten etabliert hatten, eine wachsende städtische Bevölkerung nach Bildung verlangte und mit den Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner Gemeinschaften entstanden waren, die vor Ort in den Städten wirkten – anders als die Benediktiner in ihren Klöstern auf dem Land. Die schmucklose gedankliche Strenge des Aristoteles faszinierte die Bettelmönche, und das neue urbane intellektuelle Milieu saugte sein Werk auf wie ein Schwamm.

Zwar wirkten Augustinus und der Neuplatonismus weiter – nicht zuletzt dadurch, dass das wichtigste Theologie-Lehrbuch, die „Sentenzen“ des Petrus Lombardus, zu fast vier Fünfteln aus Augustinus-Zitaten bestand. Zwar warnte etwa der Franziskaner Bonaventura schon früh vor zu viel Aristoteles in der Theologie, und wiederholt kam es zu kirchlichen Verboten, den Griechen zum Gegenstand von Vorlesungen zu machen. Doch jedes Mal wurden sie bald wieder ignoriert. Für den Dominikaner Albertus Magnus, seinen Mitbruder und Schüler Thomas von Aquin sowie viele andere war Aristoteles der Meister schlechthin. Alle philosophischen und theologischen Fragen wurden nun mit seinem begrifflichen Instrumentarium angegangen. Nach dem Tod des Thomas von Aquin folgten manche seinen Lehren, andere wie Duns Scotus und Ockham kritisierten sie – aber immer vor der Folie des Aristoteles.

Das blieb so, bis sich das Rad der Geistesgeschichte im 15. Jahrhundert weitergedreht hatte. Einerseits verbesserten sich die Griechischkenntnisse der Gelehrten so weit, dass sich nun auch die literarisch anspruchsvolleren Texte Platons wachsender Wertschätzung erfreuten. Die aristotelische Mühe des Begriffs, die insbesondere der „doctor subtilis“ Johannes Duns Scotus auf zuweilen schwindelerregende kognitive Höhen trieb, wurde zunehmend als eng und starr empfunden. Zugleich traf die platonische Kritik an der Vorstellung, das sinnlich Wahrnehmbare sei das Eigentliche, einen Nerv, den Spätscholastiker wie Duns Scotus und William of Ockham auf ganz anderen Wegen freigelegt hatten: Den Zweifel an der Möglichkeit exakten wissenschaftlichen Hantierens mit Allgemeinbegriffen und das Primat des Besonderen. Unter platonischer Beleuchtung führte das bei Denkern wie dem Kardinal Nikolaus von Kues (1401 bis 1467) zu einem Nachdenken über die partielle oder auch vollständige Unangemessenheit des Begrifflichen, insbesondere bei der Rede von Gott. Es führte zu negativer Theologie – die nur sagen kann, was Gott nicht ist – und einer reflektierten Mystik. Damit war die Scholastik als Epoche zu Ende.

Scholastik als Programm

Es begann die Philosophie des Humanismus und wenig später die Theologie des Zeitalters von Reformation und Gegenreformation. Denn Philosophie und Theologie gingen fortan weitgehend getrennte Wege, und diese Scheidung geschah durch die Scholastik, insofern man das Wort in einer dritten Bedeutung versteht, neben der einer formalen Methode und einer Epoche. Dort bezeichnet Scholastik ein Projekt: das der Durchdringung des christlichen Glaubens mit einer begrifflich operierenden Vernunft.

Genau deswegen geht es bei den Scholastikern so oft um Gott, die Dreifaltigkeit und bisweilen auch um Engel (wenn auch nie um welche auf Nadelspitzen). Deswegen heißt Thomas von Aquins monumentales Hauptwerk „Summe der Theologie“. Und deswegen konnte sich Luther so über die Anwendung des Begriffsapparates des Heiden Aristoteles auf Aussagen der Heiligen Schrift erregen. Diese Anwendung war Programm, war Ziel und Zweck der ganzen Veranstaltung. Anders als die meisten heutigen Philosophen wollten die Scholastiker nämlich nicht in erster Linie die empirisch zugängliche Welt besser verstehen.

Das heißt, das wollten sie zuweilen auch. Der neuzeitliche Vorwurf der Empirieferne tut vielen Scholastikern bitter unrecht, allen voran Albertus Magnus. Der war an Naturforschung im höchsten Maße interessiert. Wo immer es um sinnlich erfahrbare Dinge ging, gab er dem empirischen Erkenntnisweg den Vorzug vor allen Autoritäten: Experimentum solum certificat in talibus (In solchen Dingen gibt nur die Erfahrung Gewissheit). Aber auch Thomas von Aquin schreibt, dass die Erkenntnis des Glaubens das natürliche Wissen von der Welt voraussetze, dass ein Irrtum über die Schöpfung den Menschen auch von Glaubenswahrheit wegführen könne und dass die Erforschung der geschaffenen Dinge, da sie doch Gottes Werke sind, auch um ihrer selbst willen zu loben sei. Vor allem aber beriefen sie sich mit Aristoteles auf den größten Empiriker der Antike, der selbst sorgfältige Naturbeobachtungen durchgeführt hat. Allein: In den Zeitaltern vor Teleskop, Mikroskop und Entdeckungsreisen gab es da eben noch nicht so viel zu verstehen. Was die mittelalterlichen Denker daher vor allem anderen besser verstehen und theoretisch fassen wollten, das war ihr Glaube.

Natürlich nicht erst die Scholastiker. Schon im zweiten Jahrhundert genügte es Justin dem Märtyrer nicht mehr, mit dem Apostel Paulus festzustellen, dass das Kreuz Christi den Heiden eben als eine Torheit erscheinen müsse. Augustinus, der sich als Teenager vom Christentum entfremdet hatte, fand unter neuplatonischem Einfluss zum Glauben zurück, aber einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Philosophie und Theologie zu machen, das war ihm fremd. Boethius dagegen unterschied Glaube und Vernunft, um zu ihrer Verknüpfung aufzurufen, und für Anselm von Canterbury waren Glaube und Wissen verschiedenen Weisen, sich zur Wirklichkeit zu verhalten, wobei aber Glaube von der Vernunft bereichert wird und damit zu Einsicht führt: „Credo, ut intelligam“ (Ich glaube, um zu erkennen) schrieb er und prägte damit das Motto der Scholastik.

Mit der Neuentdeckung des Aristoteles im 13. Jahrhundert schien nun auf einmal ein komplettes Instrumentarium zur Verfügung zu stehen, um sich auf konsistente begriffliche und in diesem Sinne vernünftige Weise einen Reim auch auf Glaubensinhalte zu machen – in gewisser Hinsicht analog zum Bemühen heutiger Wissenschaftsphilosophen, beispielsweise die Quantenphysik auf den Begriff zu bringen. Die Gültigkeit der Glaubensaussagen selbst stand dabei für jemanden wie Thomas von Aquin genauso wenig zur Diskussion wie die heute experimentell gesicherten Quantenphänomene für einen philosophisch interessierten Physiker. Es galt allein, sie in einem widerspruchsfreien System gedanklich durchsichtig zu machen.

„Die Scholastik ist nichts anderes gewesen als wissenschaftliches Denken“, schrieb 1897 der evangelische Kirchenhistoriker Adolf von Harnack. „Weder die Abhängigkeit von Autoritäten noch das Vorwiegen der deduktiven Wissenschaft ist für die Scholastik besonders charakteristisch; denn gebundene Wissenschaft hat es zu allen Zeiten gegeben, und die dialektisch-deduktive Methode ist das Mittel, dessen sich jede Wissenschaft, die den Mut hat, die Überzeugung von der Einheit alles Seienden kräftig geltend zu machen, bedienen muß.“

Allerdings sind Gott oder die Dreifaltigkeit keine wissenschaftlichen Gegenstände wie alle anderen – und seien es Quantenteilchen. Das haben viele Philosophen bis heute verkannt, wenn sie die Argumente der Scholastiker, etwa die „Fünf Wege“ des Thomas von Aquin, als Fehlschlüsse, wenn nicht gar als fromme Logelei verwerfen. Andererseits ist das Programm der Scholastik, den Glauben mit Vernunft zu durchdringen und damit vielleicht sogar theologische Streitigkeiten rational zu entscheiden, genau daran gescheitert: dass die zentralen Glaubensinhalte des Christentums in letzter Konsequenz keine Gegenstände des Denkens sind wie die, für die Aristoteles sein philosophisches System entworfen hatte.

Wissenschaft scheitert am Absoluten

Thomas von Aquin konnte die Balance noch halten und das aristotelische Instrumentarium so konsequent auf theologische Inhalte anwenden, dass sie sich zu einem rational wohlgeordneten Gebäude fügten, aber inkonsequent genug, dass daraus kein rationalistisches wurde – also keines, das dann nichts mehr zulässt, was die menschliche Vernunft nicht erfassen kann. Für Thomas, der seinen Augustinus nie ganz vergessen hatte, gab es eben zwischen höchstmöglicher Evidenz und völliger Unerforschlichkeit viele Zwischenstufen. Sein Denken war ein Kosmos, in dem es argumentativ lösbare theologische Fragen gab, Glaubenswahrheiten, um deren Verständnis man mit Aussicht auf partielle Erfolge ringen konnte, aber immer auch das Geheimnis.

Die späteren Scholastiker waren zu derlei nicht mehr bereit oder in der Lage. Für den im mathematisch-naturwissenschaftlichen Geist der Universität Oxford ausgebildeten Franziskaner Johannes Duns Scotus war das intellektuelle Kontinuum des Thomas keine Option mehr. Entweder die Vernunft erkennt mit mathematischer Präzision – oder eben gar nicht. Letzteres war für ihn bei den Dingen des Glaubens der Fall, und diese Nichterkennbarkeit von Glaubensinhalten hatte für Scotus einen genuin theologischen Grund: Die absolute Freiheit Gottes, zu schaffen oder zu erlösen – oder das alles auch zu lassen.

Die Alternative einer rationalistischen Theologie kam für Scotus als einen katholischen Christen nicht in Frage. Andere Scholastiker gingen diesen Weg, etwa die „lateinischen Averroisten“ wie Siger von Brabant (zirka 1220 bis 1284), und sie gerieten prompt in schweren Konflikt mit dem kirchlichen Lehramt – konsequenterweise, denn ein Glauben, der nur noch vernünftig ist, ist kein Glauben mehr. Und ein Gott, dessen Handeln der Menschenvernunft begrifflich völlig einsichtig zu machen wäre, kann nur das maximal Vernünftige tun und sonst gar nichts. Er wäre unfreier als jeder Mensch und damit faktisch ein Unbegriff.

Auch für Scotus’ Ordensbruder William of Ockham ist Gott daher begrifflich nicht beizukommen. Er kann kein Gegenstand des Wissens sein, nur des Glaubens. Eine theologische Wahrheit ist keine philosophische und umgekehrt. Theologie muss sich von der Philosophie befreien und Philosophie von der Theologie. Da aber der theologische Gott völlig frei ist, muss nichts in seiner Schöpfung so sein, wie es ist. Es gibt daher in der Wirklichkeit auch keinen Zusammenhang, allenfalls in unserem Denken. Wirklich sind nur Einzeltatsachen, die sich aber nicht erschließen oder ableiten, sondern nur noch erfahren lassen. Diesen radikalen Schluss Ockhams nannte der Philosoph Josef Pieper die „theologische Wurzel des Empirismus“.

Folgt man Scotus und Ockham, dann ist das Programm der Scholastik von innen heraus gescheitert. Die Scholastik wurde nicht von wem auch immer widerlegt, sondern hat sich selbst überwunden. Und folgt man Thomas von Aquin, dann gilt das eigentlich auch. „Es gibt kein Vernunftargument für das, was des Glaubens ist“, lautet ein Satz, der von Scotus stammen könnte, aber bei Thomas steht. Auch für den größten aller Scholastiker war somit klar, dass der Möglichkeit, den Glauben durch begriffliche, wissenschaftliche Vernunft zu erhellen, Grenzen gesetzt sind.

Tatsächlich hat Thomas von Aquin seine „Summe der Theologie“ nie vollendet. Glaubt man einer Aussage seines Sekretärs, die sich in den Akten des Verfahrens zu seiner Heiligsprechung findet, soll er das mit einer mystischen Erfahrung begründet haben: „Alles, was ich geschrieben habe, erscheint mir wie Spreu gegen das, was ich gesehen habe.“ Am Ende stand dann auch für ihn das Schauen, nicht das Begreifen. Und die Einsicht Augustins: „si comprehendis, non est deus“ (wenn du es begreifst, dann ist es nicht Gott). Damit hätte dann vielleicht auch Martin Luther leben können.

Quelle: F.A.S.
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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