Soziale Systeme

Davon kann der Redakteur nur träumen

Von André Kieserling
 - 13:46

Um eine Sache als Thema in den Massenmedien zu etablieren, muss man sie als neu kennzeichnen, denn sonst würde die öffentliche Befassung mit ihr befremden. Offensichtlich besteht diese Kennzeichnungspflicht auch dann, wenn es sich um leicht erkennbare Altheiten handelt. So werden alle paar Jahre stabile Merkmale der modernen Gesellschaft, zum Beispiel ihr ausgeprägter Individualismus, zum Gegenstand einer vieldiskutierten Zeitdiagnose gemacht, die dann freilich eine völlig andersartige Vergangenheit hinzuerfinden muss, um das Thema als Neuheit lancieren zu können.

Dieser Usus erschwert es nicht zuletzt, in den Massenmedien über die Massenmedien zu sprechen, denn auch sie sind ja keineswegs neu. Sprechen kann man allenfalls über die jeweils neuen Medien, und auch dies nur dann, wenn man den Unterschied zu den alten stark übertreibt. In diesem Sinne finden wir uns im Moment aufgefordert, über Falschmeldungen und über das lebhafte Interesse an ihnen zu diskutieren, und zwar unter der extrem phantasievollen Voraussetzung, dass es sich dabei um ein rezentes Phänomen handele, das eigentlich erst zusammen mit den „neuen sozialen Medien“ über die Gesellschaft gekommen sei – und zwar über eine Gesellschaft, die es bis dahin gewohnt war, in ihren Zeitungen immer nur zutreffende Informationen zu finden, und die seither um Fassung ringt. Mit dem unausdrücklichen Verbot, an das tatsächliche Alter der Phänomene zu erinnern, wird auch alles darüber schon Bekannte entwertet und muss dann erst umständlich durch Forschung wiederentdeckt werden. Und selbst dann besteht die Gefahr, dass die Übereinstimmung mit Bekanntem nicht auffällt.

In dieser Gefahr steht nun eine Untersuchung, die vergangene Woche im hochreputierten Wissenschaftsmagazin Science veröffentlich wurde. Forscher haben die Karriere von 126.000 Nachrichten verfolgt, die unter aktiver Mitwirkung eines Millionenpublikums von Nutzern über Twitter verbreitet wurden. Noch vor dem Beginn der Erhebung waren all diese Meldungen von mehreren unabhängigen Agenturen übereinstimmend als zutreffend beziehungsweise unzutreffend charakterisiert worden. Das derzeit mit großer Erschütterung zur Kenntnis genommene Ergebnis der Untersuchung besagt, dass unzutreffende Meldungen ein deutlich größeres Publikum erreichen als zutreffende und dass ihnen dies auch rascher gelingt. Wie ist das zu erklären?

An den häufig verdächtigten Bots, kleinen Programmen zur Manipulation von Verbreitungschancen, liegt es nicht. Sie würden, so die Autoren der Studie, zwar unzutreffende Informationen pushen, aber nahezu symmetrisch eben auch zutreffende Informationen verstärken. Auch die Hypothese, das Unzutreffende komme aus Zentralstellen im Netz und erreiche ebendarum so viele Empfänger, hat sich nicht betätigt. Es sind nicht die Stars mit dem großen Anhang, die Falschmeldungen weiterleiten. Das machen vielmehr unauffällige Nutzer, die jeweils nur wenige Kontaktpartner haben, für die wiederum dasselbe gilt. Es müssen also unzählige kleine Schritte gemacht werden, um die Falschmeldung voranzubringen. Aber woher kommt die Bereitschaft dazu?

Um diese Frage zu beantworten, haben die Forscher die beiden Kategorien von Nachrichten auch inhaltlich analysiert. Dabei hat sich herausgestellt, dass sie sich nicht nur in ihrem Verhältnis zur Realität unterscheiden, der sie im einen Falle entsprechen und im anderen nicht, sondern auch in ihren Themen und in ihren Zeitbezügen. Die Falschmeldungen sprechen negative Gefühle stärker an, sie geben mehr Anlass zu Angst und Sorge als die seriöse Berichterstattung. Außerdem können sie, da sie von dieser Berichterstattung ja in der Regel nicht unterstützt werden, auch länger als eine Neuheit gehandelt werden, die ihren jeweiligen Träger aufwertet – womit die höheren Werte für Sende- und Empfangsbereitschaft erklärt wären.

Mit nur leichter Übertreibung könnte man daher formulieren, und in einem Bericht des österreichischen Fernsehens über die Studie wurde dies auch schon getan, dass die Falschmeldungen die üblichen Nachrichtenwerte des Negativen und des Neuen besonders intensiv bedienen. Sie sind sensationeller als die zutreffenden Meldungen, werden aber nach demselben Schema ausgewählt. Es handelt sich gewissermaßen um die Traumnachrichten eines jeden Redakteurs, nur eben leider um unzutreffende.

Ein instruktives Modell für die Fake News wäre mithin der Boulevardjournalismus. Mindestens drei Übereinstimmungen fallen auf: Erstens besteht sein Geschäftsmodell darin, auch unseriösen Quellen und notfalls der eigenen projektiven Phantasie zu vertrauen, um sich durch möglichst beunruhigende Nachrichten an die Gefühle der Leser zu wenden. Zweitens zahlt er dafür den hohen Preis einer beschädigten Reputation seiner Betreiber. Und drittens ist er wirtschaftlich deutlich erfolgreicher als die seriöse Berichterstattung. Die Fake News sind jedenfalls nicht das erste Beispiel dafür, dass der Schall schneller sein kann als das Licht.

Soroush Vosoughi, Deb Roy, Sinan Aral: „The spread of true and false news online“, im Netz zu finden unter: http://science.sciencemag.org/content/359/6380/1146

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Quelle: F.A.S.
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