Soziale Systeme

Sozialisation als Entfremdung

Von André Kieserling
 - 16:13

Nicht ohne Grund gelten Erwachsene als schwer erziehbar. Schon auf den bloßen Versuch, sie zu belehren, reagieren viele von ihnen ausgesprochen allergisch. Und selbst wenn einer sich bereitfinden sollte, seine Meinungen und vielleicht sogar seine Handlungsbereitschaften zu revidieren, ist damit noch lange nicht gesagt, dass auch die ihm Nahestehenden sich bereitfinden werden, ihn darin zu unterstützen: Der Ehemann, der mit einer völlig neuen Auffassung von Kindererziehung nach Hause kommt, mag dort seine redegewandte Gattin vorfinden, die an der alten Auffassung hängt und sie hartnäckig verteidigt.

Das muss aber nicht ausschließen, dass auch Erwachsene einen deutlichen Sinneswandel durchlaufen können – wenn nämlich ihr soziales Umfeld sich ändert. Worum die selbsternannten Erzieher der Älteren sich vergeblich bemühen, das vollbringt ein Wechsel der maßgeblichen Personen und Situationen oft wie von selbst. Man muss hier nicht gleich an die drastischen Fälle der Haftstrafen, der Klinikaufenthalte oder der Kriegseinsätze denken, die den Betroffenen, oft über Jahre hinweg, aus der ihm vertrauten Welt herausziehen. Oft reicht schon ein neuer Partner, ein unbekannter Kollegenkreis oder ein zuvor nicht bedienter Typus von Kunden oder Klienten – und schon ist die Person nicht mehr wiederzuerkennen.

Die Gründe für diese Lernfähigkeit des Neulings sind soziologisch oft beschrieben worden: In der sozialen Rolle des Fremden hat er mehr Freiheiten gegenüber der eigenen Vergangenheit als diejenigen, die schon länger dabei sind. Er kann auswählen, was er über sich selbst preisgibt, woran er sich zu erinnern vermag und womit er sich identifiziert, und all dies wird ihm das Zurechtfinden in der neuen Gruppe erleichtern. So kann er sich eine teilweise neue Identität zulegen, zu der er dann aber auch stehen muss.

Zu besonderen Schwierigkeiten führt dieser Prozess des Umlernens, wenn der Neuling der Gruppe nicht als mobiles Individuum beitritt, sondern wenn er als Vertreter einer anderen Gruppe entsandt wurde. Aus deren Sicht wird seine Lernfähigkeit nämlich sehr rasch als Seitenwechsel erscheinen: Statt am Zielort seiner sozialen Fernreise die Meinungen der Entsendegruppe zu vertreten, habe er die dort geltenden Auffassungen übernommen und vertrete sie nun, offen oder versteckt, auch ihr gegenüber. Klagen über mangelnde Loyalität und zunehmende Entfremdung kann man über alle Arten von Abgesandten hören, von den Botschaftern über die Missionare bis zu den Entwicklungshelfern. Die feste Amtszeitbegrenzung ist eines der bekanntesten Gegenmittel.

Diesen Prozess der „Erwachsenensozialisation“ hat die Lüneburger Politikwissenschaftlerin Marion Reiser nun an einem besonders interessanten Beispiel nachverfolgt: nämlich an zwei Gruppen von jungen Politikern, die nach ehrenamtlichen Tätigkeiten in Gemeinde und Wahlkreis zum ersten Mal in die Landesparlamente in Düsseldorf beziehungsweise Stuttgart entsandt wurden. Mit jedem dieser frischgebackenen Berufspolitiker wurden zwei Interviews geführt, das eine wenige Tage vor Amtsantritt und das andere ein Jahr danach.

Vor Amtsantritt wollten die Abgeordneten auch weiterhin engen Kontakt zu ihren lokalen Wählern halten. Einige wollten ihre Ehrenämter, andere ihren zuvor ausgeübten Beruf in der Gemeinde nicht völlig aufgeben. Zwei Drittel der 119 Befragten hatten den Vorsatz, einen möglichst großen Teil ihrer Arbeitszeit im Wahlkreis zu verbringen. Und einige ganz Mutige konnten sich sogar vorstellen, aus Loyalität zu ihren Wählern gelegentlich auch einmal gegen die eigene Fraktion abzustimmen.

Schon nach einem Jahr ist davon nicht viel übrig. Die Abgeordneten verbringen ihre Zeit in der Landeshauptstadt, wo sie, wie alle Neulinge, scharfer Beobachtung ausgesetzt sind. Sie gewöhnen sich an den dort geltenden Vorrang der Landespolitik vor der Kommunalpolitik, an den unnachsichtigen Fraktionszwang, an die zugleich hochspezialisierte und parteiübergreifende Zusammenarbeit in den Ausschüssen und nicht zuletzt an die guten persönlichen Beziehungen zum politischen Gegner, die auf diese Weise entstehen können.

Kaum eine dieser Lernleistungen eignet sich, um den Bürgern im Wahlkreis zu imponieren. Aber das ist auch gar nicht nötig, da der Abgeordnete auch bei Heimatbesuchen an ihnen vorbeigelenkt wird: Kaum hat er sein Zugabteil der ersten Klasse verlassen, wird er auf öffentlichen Veranstaltungen als unnahbarer Ehrengast herumgereicht, und wenn er einmal „privat“ empfängt, dann handelt sich um Funktionäre großer Organisationen, deren Themensicht gleichfalls nicht die seiner Wähler sein dürfte. Der Landtagsabgeordnete ist also keineswegs jener Interessenvertreter seines Wahlkreises, als der im Wahlkampf aufzutreten pflegt. Aber wie der Verzicht auf das imperative Mandat zeigt, ist die politische Wahl ja auch nicht als Interessenvertretung gedacht.

Marion Reiser, „Abgehoben und entkoppelt? Abgeordnete zwischen öffentlicher Kritik und Professionalisierungslogik“, in: Jenni Brichzin et al. (Hrsg.), Soziologie der Parlamente, Wiesbaden 2018.

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Quelle: F.A.S.
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