Soziale Systeme

Schweigend ins Gespräch vertieft

Von André Kieserling
 - 08:52

Am Tresen einer amerikanischen Bar oder unter den Gästen eines größeren Festes muss man jederzeit darauf gefasst sein, dass Unbekannte einen ansprechen. Wer dafür zu ruhebedürftig, zu schüchtern oder zu statusbewusst ist, dem kann man nur raten, gar nicht erst hinzugehen. Aber natürlich könnte er stattdessen auch andere Situationen aufsuchen, in denen es genau umgekehrt ist. Wer ins Gebet versunken ist, den wird niemand so leicht ansprechen, und einen ähnlich effektiven Schutz gegen das Angesprochenwerden genießt, wer sich im Lesesaal von Bibliotheken aufhält oder wer sein Haus immer nur in Begleitung verlässt. Hier schützen gesellschaftliche Konventionen die eine Art der Kommunikation, nämlich das Gespräch unter Nahestehenden, die schriftliche Kommunikation oder die Wendung an Gott, vor der anderen. In einer dritten Kategorie von Situationen, in denen manche Liebesfilme ihre Urszene finden, bleibt es dagegen den Beteiligten selbst überlassen, ob es, und falls ja, mit wem es zum Gespräch kommt. Vor allem in solchen Lagen muss man sich überlegen, ob und wem gegenüber man Ansprechbarkeit beziehungsweise Unansprechbarkeit demonstrieren will.

In der Geschichte des Reisens findet man gute Beispiele für jede dieser drei typischen Situationen. So war es unter den Reisegästen von Kutschen ganz selbstverständlich, sich miteinander zu unterhalten. Man konnte nicht nicht kommunizieren. Die soziale Exklusivität des Zuganges zur Kutsche machte diesen Kommunikationszwang erträglich, indem sie sicherstellte, ähnlich übrigens wie die sozial exklusive Einladung zu Festen, dass man auch unter lauter Unbekannten nicht fürchten musste, auf einen „unmöglichen Gesprächspartner“ zu treffen. In den Abteilen der breiter zugänglichen Eisenbahn fehlte es an dieser stillschweigenden Voraussetzung, und daher musste dieselbe Frage nun mehr als zuvor von der Selbstdarstellung der Anwesenden abhängen. Erst seit dieser Zeit gibt es denn auch die Möglichkeit, sich hinter ein Buch oder hinter eine Zeitung zurückzuziehen, um auf taktvolle Weise zu signalisieren, dass man kein Gespräch wünscht – und die Lektüre beiseitezulegen, sollte ein vielversprechender Gesprächspartner auftauchen. Im Speisewagen verhält man sich heute noch so, aber im unterdessen üblichen Großraumwagen, der das kleine und intime Abteil mit seiner gesprächsgünstigen Sitzordnung verdrängt hat, braucht man keine Symbole für eigenes Beschäftigtsein mehr, um ungestört zu bleiben; man muss freilich die Gespräche der anderen ertragen. So wird die volle Gleichwertigkeit mit den Kirchen und Bibliotheken erst in den sogenannten Ruheabteilen erreicht.

An diesen sozialgeschichtlichen Hintergrund hat jetzt die Soziologin Ruth Ayaß erinnert, und zwar im Rahmen ihrer Antrittsvorlesung an der Universität Bielefeld. Deren Thema war eine Art von Leistungsvergleich zwischen Symbolen, die Unansprechbarkeit in öffentlichen Situationen bezeugen. Die angelegentliche Betrachtung der eigenen Fingernägel oder der faszinierte Blick durch das Fenster der Untergrundbahn sind als Verlegenheitslösung erkennbar. Ohne die starke Unterstützung durch eine soziale Konvention, die Gesprächsangebote im Nahverkehr stärker entmutigt als unter Fernreisenden, könnten sie ebenso gut Langeweile und Anregungsbedarf und damit potentielle Gesprächsbereitschaft ausdrücken wie deren Gegenteil. Ähnlich verhält es sich, wenn alle Insassen eines Aufzugs die Lichterkette über der Tür so konzentriert betrachten, als hinge der glückliche Ausgang der gemeinsamen Kürzest-Reise genau davon ab.

Sonderfall Mobiltelefon

In anderen Situationen, in denen der Schutz des Ungeselligen durch die Institution zurücktritt, also etwa im Speisewagen, sind stärkere Symbole gefragt. Sehr überzeugend sieht Ayaß sie in der Benutzung von Verbreitungsmedien. Wer vor den Augen anderer ein Buch liest oder sich unter dem Schutz seines Kopfhörers damit befasst, konzentriert Musik zu hören, der ist nicht einfach mit sich selbst beschäftigt, sondern mit einer eigenen Art von Kommunikation, und daher stört, wer ihn unterbricht, immer auch einen sozialen Zusammenhang. Hier steht also nicht das Individuum gegen die Gesellschaft, die andere ihm leisten wollen, sondern Kommunikation gegen Kommunikation.

Ob man daraus allerdings folgern darf, den stärksten Schutz gegen unwillkommene Initiativen biete das öffentliche Telefonieren per Mobiltelefon, so wie Ayaß es mit dem Argument tat, hier werde nicht nur ein sozialer Zusammenhang, sondern ein laufendes Gespräch unterbrochen, scheint zweifelhaft. Telefongespräche enden zugleich schneller und für jeden Teilnehmer weniger selbstbestimmt als Lektüren. Außerdem geben sie persönliche Merkmale des Sprechenden preis und damit auch mögliche Gesprächsthemen für etwaige Angreifer. Vor allem aber passen sie schlecht zu den Interessen von Lesern und können dem Telefonierenden überall dort, wo die Institution zugunsten von Ruhe und geräuschloser Kommunikation vorentschieden hat, die offene Zurechtweisung derer eintragen, die sich davon gestört fühlen.

Quelle: F.A.S.
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