Geist & Soziales
Soziale Systeme

Wer will schon den totalen Markt?

Von André Kieserling
© dpa, F.A.S.

An den Berufsbildern der Ärzte, der Juristen, der Geistlichen und dann auch der Schullehrer hat die Soziologie ihren Begriff der Professionen abgelesen. Damit sind Berufsrollen gemeint, die den Erfolg ihrer Arbeit nur an einem anwesenden Klienten erreichen können, der ihnen dabei behilflich sein muss. Der professionelle Praktiker braucht also Einfluss auf seine Klienten, und sein hoher Sozialstatus ist dafür ein Mittel. Entsprechend schwankt dieser Status unter den Praktikern derselben Profession nicht etwa mit der Schwierigkeit ihrer jeweiligen Leistung, sondern mit dem zu überbietenden Status ihrer jeweiligen Klientel. So rangiert der Hochschullehrer vor dem Sonderschullehrer, obwohl von Letzterem das pädagogische Wunder erwartet wird.

Außerdem ist wichtig, dass der Erfolg der professionellen Intervention nicht in jedem Falle auch technisch sichergestellt werden kann. So verlieren Ärzte hin und wieder Patienten und Anwälte, statistisch gesehen, jeden zweiten Prozess. Das Ethos einer Profession kann daher kein reines Erfolgsethos sein. Unter einem Handlungsdruck stehend, der über ihre Wissensgrundlagen hinausgeht, können sie nicht zusätzlich auch noch unter Erfolgsdruck gestellt werden: Den Mut zur ungewöhnlichen oder riskanten Problemlösung bringt nämlich nur auf, wem auch Gleichmut bei Fehlschlägen erlaubt ist.

Für den Arzt ist dies zum Beispiel dadurch gesichert, dass er persönliche Nachteile nicht schon beim Scheitern einer Behandlung, sondern erst beim Nachweis von Kunstfehlern fürchten muss. Den wiederum können nur andere Ärzte führen, und die kennen sein Problem viel zu genau, um hart und unnachsichtig zu urteilen.

Da die Praktiker einer Profession einander Unterstützung in schwierigen Lagen schulden, kann ihr Verhältnis zueinander kein reines Konkurrenzverhältnis sein. Das Werbeverbot und die Kontrolle des Berufszuganges, welche die Professionen einer reinen Marktlogik entziehen, sind also nicht nur die Strategien einer Elite, sie bilden auch eine der Voraussetzungen für das, was die Gesellschaft an ihnen zu schätzen weiß.

Kunden wollen die ihnen zugedachte Rolle nicht spielen

Nun gibt es seit einigen Jahrzehnten den soziologisch unberatenen Versuch, den Klienten zum Kunden umzudefinieren und im Professionellen nur mehr den Dienstleister zu sehen, der sich in der Konkurrenz gegen andere behaupten muss. Um die Klienten von ehedem mit Marktmacht auszustatten, musste zunächst die Fiktion der gleichen Qualifikation aller zertifizierten „Anbieter“ zerstört werden, und zwar durch riesige Bürokratien, die in periodischen Abständen Leistungsvergleiche an Schulen, Krankenhäusern und ähnlichen Einrichtungen durchführen. In der Soziologie war es lange Zeit üblich, schon aus der Bereitstellung der entsprechenden Kennziffern auf den beabsichtigten Erfolg zu schließen: Befürchtet wurde eine Ausdehnung des Marktes in Bezirke, die ihm bisher aus guten Gründen verschlossen waren.

Ein neues Handbuch mit Übersichten über den Forschungsstand zeigt indessen, dass diese Befürchtungen stark übertrieben waren. Natürlich stehen die Zahlen nun zur Verfügung - und mit ihnen auch Themen möglicher Nachfrage und möglicher Selbstkritik, die es vorher nicht gab. Aber es fehlen die Anzeichen dafür, dass auf diese Weise ein unnachsichtiger Erfolgsdruck entstanden wäre, der nur die besten Anbieter überleben lässt. Man kann vielmehr auch mit schlechten Vergleichswerten leben.

Ein Grund dafür liegt darin, dass die vermeintlichen Kunden sich weigern, die ihnen angesonnene Rolle zu spielen. Nach einem Bericht der niederländischen Soziologin Evelien Tonkens denken englische wie schwedische Patienten nicht im Traum daran, schlechte Vergleichswerte zu sanktionieren. Wie eh und je bevorzugen sie in vielen Fällen das Krankenhaus in der Nachbarschaft oder den Arzt, der am besten in ihren Terminplan passt. Auch leistungsschwache Krankenhäuser können beliebt sein, und die Absicht, sie zu schließen, würde Proteste auslösen.

Das Gesundheitswesen darf man nicht überschätzen

Auch darf man, wie Patrick Brown und Michael Calnan zeigen, das formulierte Misstrauen gegen das Gesundheitswesen im Ganzen, das den Hintergrund für die Politik des Leistungsvergleichs bildete, in seiner Handlungswirksamkeit nicht überschätzen. Es gibt viele Patienten, die sich zu der Meinung bekennen, dass es auch den Ärzten eigentlich nur ums Geld gehe - und die dann doch für den eigenen Arzt bereitwillig eine Ausnahme konzedieren.

Das negative Allgemeinurteil über die Berufsgruppe wird also nicht wirklich auf die Probe gestellt, wenn man den eigenen Arzt aufsucht, es wird vielmehr gegen positive Erfahrungen immunisiert. Für das System hat dies den Nachteil, dass sich die Zufriedenheit mit seinen konkreten Repräsentanten nicht wirklich auszahlt, und den Vorteil, dass auch beunruhigende Informationen auf diese Ebene der unmittelbaren Kontakte nicht durchschlagen: Schlechte Vergleichswerte oder skandalöse Behandlungsfehler führen nicht dazu, dass man das Vertrauen in den eigenen Arzt verliert.

Quelle: F.A.S.
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