Geist & Soziales
Soziale Systeme

Das Grundgesetz lässt grüßen

Von Boris Holzer
© F.A.Z., F.A.S.

Die Eigenheiten einer Epoche lassen sich an großen Ereignissen und Personen ablesen, aber auch an Veränderungen des Alltags. In seinem nun in einer erweiterten Neuauflage erschienenen Buch über den „deutschen Gruß“ zeigt der Soziologe Tilman Allert eindrucksvoll, wie gesellschaftliche Zäsuren sich in unscheinbaren Alltagshandlungen niederschlagen. Gegenstand der Studie ist der Hitlergruß, der sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ebenso schnell verbreitete, wie er mit dem Ende ihres Regimes verschwand.

Die alltägliche Begrüßung wird kaum mehr als bewusst ausgeführte Handlung erfahren und daher in ihrer sozialen Bedeutung oft unterschätzt. In der Reduktion sozialer Wechselwirkung auf ein kommunikatives Angebot und dessen Erwiderung ist sie „das kürzeste Stück Gesellschaft“ und Anfang für weiteren Austausch. Der Gruß fungiert, so Allert, als „Türöffner der Kommunikation“. Er stiftet eine gemeinsame Gegenwart der Beteiligten, etabliert eine Verpflichtung zur Wechselseitigkeit und leitet eine mögliche gemeinsame soziale Beziehung ein.

Eine Interaktion bliebe jedoch in ihrem Anfang stecken, wenn man die richtige Begrüßung jeweils neu aushandeln müsste. Grußformeln und -gesten sind daher durch Konventionen festgelegt, aber keineswegs einheitlich. Vielmehr gibt es einen großen Reichtum regionaler Varianten – vom „Grüß Gott“ des Südens zum „Moin, Moin“ des Nordens – und gruppenspezifischer Sonderformen. Eine mobile und differenzierte Gesellschaft benötigt zusätzlich zum lokal gebundenen, manchmal nur Eingeweihten zugänglichen „Grußpartikularismus“ auch universell verwendbare Formen. Im Deutschen wäre dies zum Beispiel das „Guten Tag“, das in seiner positiven Unverbindlichkeit allenfalls von der Tageszeit abhängt, aber nicht von der konkreten Beziehung der Beteiligten und auch nicht davon, ob der Tag für sie bisher einen guten Verlauf genommen hat.

Eine gesprochene Armbinde

In diese vielfältige Grußlandschaft griff das NS-Regime mit der politisch verordneten Normierung des Hitlergrußes ein. Schon im Juli 1933 wurde der „deutsche Gruß“ per Erlass in allen Behörden und in der Folge auch in den Schulen verpflichtend, wenige Monate später für alle Begegnungen im öffentlichen Raum und sogar für den Briefverkehr. Sowohl die exakte Wortfolge „Heil Hitler“ („deutlich“ auszusprechen) als auch das Heben des rechten Arms (bei Behinderung ersatzweise des linken) wurde in weiteren Erlassen und Rundschreiben in aller Gründlichkeit reguliert.

Doch handelt es sich überhaupt um einen Gruß? Vordergründig geht es darum, die Loyalität zum Regime zu bekräftigen – also eine Art „gesprochene Armbinde“, so Allert. Auffällig ist der Bezug auf einen nicht anwesenden Dritten, der – anders als beim „Grüß Gott“ – eine weltliche Person ist. Im Gegensatz zu einer ironischen Deutung, die als adäquate Antwort ein „Ich bin doch kein Arzt!“ empfiehlt, soll natürlich nicht Hitler geheilt werden. Vielmehr wird ein Wunsch auf Unversehrtheit ausgesprochen, der durch Hitler beglaubigt wird. Damit wird seine Person mit der Wirkungsmacht einer göttlichen Instanz versehen – wie könnte er ansonsten an jedem Ort und zu jeder Zeit wirken?

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Verstärkt durch das Heben des Arms, das an eine militärische Befehlssituation erinnert, ergibt sich das Paradox einer Begrüßung, die als Gruß gar nicht funktioniert. Sie erinnert eher an einen Schwur, doch wie viel wert ist ein Schwur, der ständig wiederholt werden muss? Sein Sinn liegt darin, dass er die Selbstdarstellung der Individuen militarisiert und eine Art „magische Illusion“, die man aus den nationalsozialistischen Massenveranstaltungen kennt, auf den Alltag überträgt.

Der Hitlergruß bot den Schein einer Schwur-Gemeinschaft

Wie konnte ein so weitreichender Eingriff in eine eingespielte Praxis erfolgreich sein? Es gab Widerstand, der hart sanktioniert wurde, und informelle Ausweichstrategien. Doch insgesamt passte sich die Bevölkerung schnell und umfassend an. Allert erklärt dies mit dem damaligen Klima des Misstrauens: Der Gruß ermöglichte, sich wechselseitig zu überprüfen. In einer öffentlichen Sphäre, der man überwiegend misstrauisch, teilweise auch schlicht gleichgültig gegenüberstand, bot er den Schein einer primärgruppenhaften (Schwur-)Gemeinschaft.

Auch andere totalitäre Regime haben in das Grüßen eingegriffen, so zum Beispiel die DDR. Sollte die Begrüßung daher, ähnlich wie die Meinungsfreiheit, einen besonderen Schutz genießen? Brauchen wir ein Grundrecht auf freies Grüßen?

Niklas Luhmann kam in seiner Analyse der Grundrechte zu einem anderen Ergebnis: Die Begrüßung ist Teil der Menschenwürde, die laut Grundgesetz unantastbar ist. Wenn ein scheinbares persönliches Handeln wie das Grüßen unter Fremdregie gestellt wird, muss der Einzelne sein öffentliches vom privaten Selbst abspalten oder es ganz zugunsten der offiziellen Linie aufgeben. Dies, so Luhmann, wäre das Ende der Würde. Vielleicht sollte man durch ein gelegentliches „Grüß Grundgesetz“ an diese keineswegs selbstverständliche Freiheitsgarantie erinnern.

Tilman Allert: Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2016. / Niklas Luhmann: Grundrechte als Institution. Berlin: Duncker & Humblot 1965.

Quelle: F.A.S.
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