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Soziale Systeme

Mein eigener Patient ist mir wichtiger

Von André Kieserling
 - 12:46
Transplantationsmediziner bei der Arbeit Bild: dpa, F.A.S.

Die Soziologie hat eines ihrer ältesten und zugleich fruchtbarsten Themen am Sachverhalt der sozialen Differenzierung, also daran, dass sich in größeren Gruppen oftmals kleinere Gruppen herausbilden, die dann den Rest der Großgruppe als ihre Umwelt behandeln. Mit dieser Einstufung als Umwelt ist ein Vorgang der Distanzierung bezeichnet: Die Normen und Werte der größeren Gruppe werden in der kleineren nicht einfach nur befolgt oder nicht befolgt. Vielmehr kommen zusammen mit der Kleingruppe eigene, nur für sie selbst sinnvolle Normen und Werte ins Spiel, und an diesen gemessen können Verhaltensweisen, die nach Ansicht der Großgruppe falsch sind, richtig sein und umgekehrt. So wird zum Beispiel das Abschreiben und Abschreibenlassen bei schriftlichen Prüfungen, das im System der Schule verboten ist, im informalen Subsystem der Schulklasse als Zeugnis von Kameradschaft geschätzt, während derjenige, der nicht abschreiben lässt, damit zwar unter Umständen seinen Lehrern gefällt, aber nicht seinen Mitschülern.

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Von der Großgruppe her gesehen, sind ihre Kleingruppen immer auch abweichende Subkulturen, so wie umgekehrt alle Kleingruppen vor den ferner stehenden Mitgliedern der Großgruppe ihre eigenen Geheimnisse pflegen. Die Theorie der sozialen Differenzierung ist damit zugleich eine Theorie abweichenden Verhaltens. Anders als die Sprecher der Großgruppe es tun, erklärt sie dieses Verhalten nicht aus individuellem Verschulden, sondern daraus, dass alle Mitglieder einer differenzierten Großgruppen einer ihrer Kleingruppen angehören – und damit immer auch einer zweiten, einer informalen „Rechtsordnung“ unterstehen, die sie der offiziellen Rechtsordnung der Großgruppe entfremden kann. Nicht nur das konforme, auch das abweichende Verhalten ist demnach sozial bedingt.

Wie so eine Entfremdung aussehen kann, das haben nun zwei Heidelberger Soziologen, Markus Pohlmann und Kristina Höly, anhand eines Skandals gezeigt, der vor einigen Jahren für viel Aufregung sorgte. Zahlreiche Transplantationsmediziner hatten unzutreffende Angaben über den Gesundheitszustand ihrer Patienten gemacht, um auf diese Weise ihren Platz auf jener Warteliste zu bessern, die den Zugang zu knappen Organen reguliert. Da dies die Wartezeiten für andere Patienten – und für die sie behandelnden Ärzte – verlängerte, beschäftigte das Thema neben den Gerichten auch die breitere Öffentlichkeit, und hier wie dort war man rasch bei der Hand, die Manipulationen an den Krankenakten aus den persönlichen finanziellen Interessen der Mediziner zu erklären.

Medizinisches Interesse übertrumpft das Finanzielle

Aber nach allem, was man nach den ersten und unterdessen bereits vorliegenden Aufarbeitungen des Falles wissen kann, spielte das Motiv der persönlichen Bereicherung keine Rolle. Und auch für die Alternativerklärung, wonach die betriebswirtschaftlich denkende Krankenhausleitung die Mediziner unter Druck gesetzt habe, die Anzahl etwa der Lebertransplantationen zu steigern, da man mit ihnen viel Geld verdienen kann, gibt es Pohlmann und Höly zufolge keine Anhaltspunkte. Die Manipulationen konzentrierten sich in nämlich in Universitätskliniken, die gar keine Gewinne ausweisen müssen und vielfach Zuschussbetriebe sind. Wichtiger war nach Einschätzung der Autoren das spezifisch medizinische Interesse an hohen Fallzahlen: Die Erfolgschancen bei Transplantationen wachsen mit der Erfahrung des behandelnden Arztes – also mit der Zahl der Eingriffe, auf die er und sein Team zurückblicken können.

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Die Interviews, die Pohlmann und Höly durchgeführt haben, zeigen vor allem, dass Ärzte sich nicht einfach mit den Patienten identifizieren, sondern mit „ihren“ Patienten. Insofern trägt das Berufsethos dieser „Kleingruppe“, wie einer der Begründer der Medizinsoziologie, der amerikanische Soziologe Talcott Parsons, schon vor Jahrzehnten bemerkte, durchaus partikularistische Züge. Die eigenen Patienten werden bevorzugt, auch wenn dies nur zu Lasten der Patienten von anderen Ärzten geschehen kann, und gerade der Verteilungskampf um knappe Organe lässt diese Einstellung deutlich erkennen. Ehe es die Warteliste gab, waren offenbar Lug und Trug die bevorzugten Mittel, ihn zu gewinnen, und da die älteren und heute einflussreichen Mediziner noch in dieser wilden Zeit sozialisiert wurden, haben viele von ihnen auch heute nur wenig Skrupel, den eigenen Patienten durch unzutreffende Angaben zu helfen.

Ein Nebenertrag dieses Aufsatzes sollte den Gesetzgeber beschäftigen: Nach Meinung vieler Ärzte ist die Schwelle, von der ab ein Transplantationspatient eine reale Chance hat, in Deutschland falsch definiert. Bei zutreffender Schilderung seines Zustandes bekommt er das Organ nämlich erst dann, wenn er bereits so irreversibel geschädigt ist, dass ihm auch die Transplantation nichts mehr hilft, die vielmehr auch bei dann erfolgreichem Operationsverlauf seinen sicheren Tod nur hinausschieben kann.

Quelle: F.A.S.
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