Besitz und Gebrauch von Waffen

Wilder Westen, braver Osten

Von Gerald Wagner
 - 12:01

Der Vergleich von Gesellschaften gehört zum Alltagsgeschäft der Soziologie, allein schon zum Nachweis der Vielfalt von Gesellschaftsformen. Man kann dabei mit der Gleichheit beginnen, um Differenz zu entdecken. Oder eben bei der Differenz, um dann beim näheren Hinsehen doch die Ähnlichkeiten zu finden. Beispiele für Letzteres sind etwa Studien zu ursprünglicheren Stammesgesellschaften von Jägern und Sammlern, in deren Mythen, Ritualen und Gebräuchen sich dann die moderne Gesellschaft doch wiederentdecken kann. Das Motiv solcher Arbeiten ist dann die Erkenntnis von Verwandtschaft, also von Nähe, die dem Abbau scheinbar unüberwindlicher Differenzen wie etwa „primitiv“ versus „fortschrittlich“ dienen kann.

Startet man allerdings mit dem Vergleich von zunächst anscheinend nahezu identischen Gesellschaften, vergleicht man also etwa Deutschland mit den Niederlanden, Italien mit Spanien oder Schweden mit Norwegen oder alle die aufgezählten mit den Vereinigten Staaten, Kanada und Japan, dann geht es eher um die Gruppierung der Vergleichsgrößen in übergeordnete Gesellschaftstypen wie „die Nordeuropäer“, „die skandinavischen Gesellschaften“ oder gleich „die entwickelten modernen westlichen Industriegesellschaften“. Soziologen, die dieses Feld ihres Faches beackern, kriegen es natürlich gleich mit Fragen nach Überlegenheit, geschichtlicher Dominanz und Vorbildlichkeit zu tun. Können, sollten, müssten nicht am besten alle Gesellschaften so werden wie diese westlichen Industriegesellschaften? Ist diese Entwicklung der Gipfel, ja vielleicht sogar das Ende der Geschichte?

Man kann einen Vergleich von Gesellschaften aber auch aus einem eher politischen Interesse betreiben. Ein Vergleich könnte ja zeigen, dass scheinbar hoffnungslose Mängel einer Gesellschaft nicht sein müssen – eben weil es bessere Beispiele gibt. Man kann damit also einen Beitrag zur Bekämpfung von Fatalismus und sozialer Agonie leisten.

Was lässt sich daraus lernen?

Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit den horrenden Opferzahlen von Schusswaffen in den Vereinigten Staaten. Angesichts der dort regelmäßig wiederkehrenden Amokläufe, Massaker und ganz alltäglichen Fälle von Kindern, die beim Spielen mit den herumliegenden Waffen der Eltern ihre Geschwister töten, hat man sich anscheinend daran gewöhnt, dass dies eben zum „Wesen“ der amerikanischen Gesellschaft gehöre. Die amerikanische Gesellschaft erscheint hier als Geisel ihrer selbst. Aber angenommen, man fände eine Gesellschaft, die jener der amerikanischen sehr ähnlich ist – also ebenfalls kapitalistisch und demokratisch, äußerst wettbewerbsorientiert, mit einer Kulturgeschichte von Gewaltaffinität und Imperialismus und einer großen Begeisterung für Konsum und elektronische Medien – und dennoch mit einer jährlichen Opferzahl von Schusswaffen, die gegen null geht. Was ließe sich daraus lernen? Zumindest, dass Gesellschaften immer eine kontingente Geschichte haben, aber kein unabänderliches Wesen.

Erstaunlicherweise gibt es diese Gesellschaft wirklich. Es ist Japan. Nirgendwo in den westlichen Gesellschaften gibt es weniger Opfer durch Schusswaffen – im Jahr 2014 waren es laut der offiziellen Statistik gerade einmal sechs. Die Chance, in Japan von einem Blitz erschlagen zu werden, war tatsächlich höher. Die japanische Polizei – immerhin eine nahezu militärische Organisation von 259.000 Beamten – feuerte 2015 insgesamt nur sechs Schüsse ab. Auch die allgemeine Kriminalitätsrate ist in Japan erstaunlich niedrig. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl sitzen sogar in Deutschland deutlich mehr Menschen in den Gefängnissen als in Japan. Allgegenwärtig sind dort bereits Klagen über die gelangweilte Polizei. Zwangsläufig stellt sich die Frage: Wie schaffen die Japaner das?

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Die naheliegende Antwort wäre der Verweis auf die extrem strengen Waffengesetze. Für Zivilpersonen ist es nahezu unmöglich, in Japan überhaupt in den Besitz einer Schusswaffe zu kommen. Die rechtlichen Hürden sind fast unüberwindbar. Entscheidend ist aber etwas anderes: So erstaunlich das klingt, aber in Japan werden anscheinend alle Gesetze (also nicht nur jene, die den Besitz und Gebrauch von Feuerwaffen regulieren) respektiert, einfach weil es von den Japanern erwartet wird. Die Folgsamkeit gegenüber staatlichen Autoritäten ist so tief verwurzelt in den nationalen Kultur des Landes, dass ein Gesetzesübertritt als persönliche Schande betrachtet wird. Die wechselseitige Balance von Kultur, Recht und Moral scheint inzwischen so gefestigt zu sein, dass Japan möglicherweise die Utopie einer kriminalitätsfreien Gesellschaft verwirklicht, ohne sich unterdessen zu einem autoritären Polizeistaat entwickelt zu haben. Allein die Möglichkeit dieser Zukunft Japans stellt für die Soziologie ein provokantes Rätsel dar. Aber was hat die amerikanische Gesellschaft aus dem Beispiel gelernt? Die statistisch zu erwartenden 30.000 Amerikaner, die 2018 durch Schusswaffen sterben dürften, werden leider beweisen, dass es nicht viel sein kann.

Dag Leonardsen: Crime in Japan - Paradise Lost? Journal of Scandinavian Studies in Criminology and Crime Prevention, Dezember 2006.

Quelle: F.A.S.
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