Schwierige Beziehungen

Warum tun wir uns das an?

Von Boris Holzer
 - 16:10

Dass Beziehungen sich lohnen können, muss heute niemandem erläutert werden. Falls doch, hilft eine umfangreiche Beratungsliteratur. Auch aus soziologischer Perspektive gibt es Argumente dafür, dass persönliche Beziehungen aus Nützlichkeitserwägungen eingegangen und gepflegt werden: Jede Beziehung ist eine Art „sozialer Tausch“, an dem man sich mit eigenen Leistungen beteiligt, weil man Gegenleistungen erhofft. Auch falls die Beziehungsarbeit zunächst eher einseitig verteilt ist, kann man dies noch als eine längerfristige Investition begreifen, die sich erst später auszahlen mag. Beziehungen stellen ein „Sozialkapital“ dar, auf das man nötigenfalls zurückgreifen kann.

Unter diesen Vorzeichen scheint erklärungsbedürftig, warum auch Beziehungen, die keinen Nutzen versprechen, unterhalten werden – und selbst solche, die eher anstrengend sind. Wer hat nicht einige Kontakte im Freundes- und Bekanntenkreis, deren Erwähnung eher unangenehme Gefühle weckt? Wie diese anstrengenden Beziehungen zustande kommen und warum sie aufrechterhalten werden, haben Forscher der Universitäten Berkeley und Bar-Ilan untersucht. Sie konnten dabei auf einen Datensatz zurückgreifen, in dem Befragte ihre persönlichen Kontakte benannt und Angaben über deren Qualität gemacht haben.

Schwierigkeiten mit Romanzen

Die „ego-zentrierten“, also jeweils auf eine befragte Person bezogenen Netzwerke enthalten eine größere Anzahl problematischer Kontakte. Drei Viertel der Befragten zwischen 20 und 30 Jahren und zwei Drittel der Älteren zwischen 50 und 70 Jahren bezeichnen mindestens eine Person in ihren persönlichen Netzwerken als „schwierig“. Unter ihnen sind einerseits Familienangehörige häufig vertreten, andererseits Kollegen und lose Bekannte. Dies spricht für die These, dass Beziehungen insbesondere problematisch sind, wenn sie nicht selbst gewählt werden können und deshalb nur beschränkt den eigenen Vorlieben entsprechen.

Doch auch freiwillig eingegangene Beziehungen werden oft als schwierig wahrgenommen. Hierzu zählen partnerschaftliche Beziehungen. In den jüngeren Kohorten werden Ehegatten erwartungsgemäß häufiger als problematisch bezeichnet als „romantische Partner“, in den älteren gibt es hier, auf niedrigerem Niveau, kaum noch Unterschiede. Mit einer Ausnahme: Die weibliche Romanze bereitet immerhin mehr als einem Viertel der 50- bis 70-Jährigen Schwierigkeiten. Offensichtlich sind die Kapriolen der passionierten Liebe im Alter weniger leicht zu ertragen, denn mit den Ehefrauen gibt es bei zunehmendem Alter eher weniger Probleme.

Diese Ergebnisse lassen darauf schließen, dass vor allem nahe Familienangehörige mit hoher Wahrscheinlichkeit als schwierig wahrgenommen werden. Bei ihnen entfällt die Möglichkeit der freien Wahl der Beziehungspartner, und man begegnet sich in unterschiedlichen Situationen, in denen es mal um Geselligkeit, mal um Hilfe und Unterstützung geht. Inkonsistenzen und Reibungen sind hier unvermeidlich. Dies bestätigt sich auch für die Arbeitskontakte, die im Vergleich zu Freunden deutlich häufiger als anstrengend empfunden werden.

Auch die Art des Austauschs entscheidet

Doch nicht nur die Rollen und Situationen, in denen man anderen begegnet, haben einen Einfluss auf die Störanfälligkeit der Beziehung. Auch die Art des Austauschs ist von entscheidender Bedeutung. Wenn es um Geselligkeit, Vertrauen und Hilfe im Notfall geht, erhöhen oder verringern sich die Chancen auf eine harmonische Beziehung kaum. Dreht sich die Beziehung allerdings um Unterstützungsleistungen, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass die Beziehung schwierig wird. Jemandem unter die Arme zu greifen wird also nicht nur als lästig empfunden, sondern lässt auch die betroffene Person in einem problematischen Licht erscheinen. Bei den Jüngeren trübt dies vor allem die Beziehungen zu Ehefrauen und Schwestern, bei den Älteren jene zu den Eltern und Söhnen.

Obwohl die schwierigen Beziehungen insgesamt in der Minderheit sind, stellen sie mit über 10 Prozent aller Beziehungen eine nicht zu vernachlässigende Größe dar. Die Studie bestätigt die Vermutung, dass Kontexte, in denen man seine Partner nicht selbst wählen kann, beste Voraussetzungen für schwierige Beziehungen bieten.

Die Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Befragten zeigen außerdem: Schwierig wird es auch, wenn man seine Partner nur noch mit Abstrichen selbst wählen kann – weil man nehmen muss, was sich bietet. Der Befund des Dichters Peter Rühmkorf, in seinem Alter sei man „auch nicht mehr ganz in dem Zustand, daß man sich seine Liebhaberinnen noch persönlich aussuchen kann“, dürfte einigen derjenigen älteren Befragten aus der Seele sprechen, die ihre scheinbar selbstgewählten Partnerschaften als schwierig wahrnehmen. Dies könnte zumindest erklären, warum ihnen nicht die Ehefrauen, sondern die „romantischen Partnerinnen“ Kopfzerbrechen bereiten. Ein Trost für die Frauen: Ältere Ehemänner scheinen überwiegend pflegeleicht zu sein.

Quelle: F.A.S.
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