Hilfsorganisationen

Diener mehrerer Herren

Von André Kieserling
 - 14:00

Viele Organisationen verstehen sich vorrangig als Dienst an einem ihrer verschiedenen Partner: an ihren Kunden, an ihren Eigentümern, an den Empfängern ihrer Hilfsleistungen. Die faktischen Grenzen dieser mehr oder minder exklusiv definierten Dienstbarkeit sind häufig beklagt und selten verstanden worden. Sie ergeben sich daraus, dass Organisationen neben diesem privilegierten Partner und seinen Interessen immer auch noch andere Partner und deren Interessen beachten müssen – und dies in einer stark differenzierten Gesellschaft, in der es keine Interessenharmonie geben kann.

Jedem einzelnen Partner gegenüber, auch dem optisch privilegierten, sind damit Grenzen des Entgegenkommens und der Wunscherfüllung markiert, welche die Organisation nicht überschreiten kann, ohne sich ernsthafte Schwierigkeiten mit anderen Partnern einzuhandeln. Die vorbehaltlose Profitorientierung eines Betriebes würde ihm, wäre sie nicht nur ein Reklameslogan für besonders einfältige Investoren, die Beziehungen zum Personal und zur Kundschaft verderben; seine ungehemmte Kundenorientierung wiederum – „Rufen Sie uns auch nachts an, unsere Mitarbeiter sind stets für sie da!“ – würde die Firma entweder merklich mehr kosten oder sie als Arbeitgeber unattraktiver machen; und wollte sie immer nur Gewerkschaftswünsche erfüllen, dann würde darunter neben den Unternehmensgewinnen langfristig auch der Kundendienst leiden.

Das Zusammenspiel unliebsamer Empfindlichkeiten

In der Soziologie ist dieses „Mehr-Grenzen-Modell der Organisation“ (Niklas Luhmann) vor allem genutzt worden, um die positiven Funktionen der Heuchelei und des Verrats an den eigenen Idealen zu erfassen. Sie liegen im Ausgleich von Einseitigkeiten: Kommt eine Organisation bei der Auswahl ihrer Normen und Ideale einem ihrer Partner besonders entgegen, etwa weil sie sich davon symbolische Profite verspricht, dann müssen die Interessen der anderen eben durch abweichendes Handeln bedient werden.

Die in London lehrende Soziologin Monika Krause hat nun die deutsche Fassung eines Buches vorgelegt, das diesen Grundgedanken am Beispiel von humanitären Organisationen vorführt. Sie hat dafür Kurse zur Schulung von professionellen Helfern besucht, in Archiven recherchiert und Interviews mit 50 Länderreferenten und Programmleitern der größten Hilfsorganisationen geführt.

Die Idealdarstellung der Hilfsorganisationen ist ganz auf die Adressaten ihrer jeweiligen Projekte zugeschnitten, aber wie Krauses Forschungen zeigen, ist ihr Verhältnis zu den Empfängern der Nothilfe von Entfremdung nicht frei. Das liegt ihr zufolge daran, dass die Organisationen neben den Hilfsempfängern auch die Empfindlichkeiten ihrer Geldgeber und ihres eigenen Personals zu beachten haben. Damit kommen neuartige Beschränkungen ins Spiel, die den Notleidenden als unverständliche Abstraktion erscheinen müssen. Aber erst diese Orientierung an zweiten und dritten Partnern macht verständlich, wie unter den vielen Bedürftigen ausgewählt wird – und warum es keineswegs immer die Allerbedürftigsten sind, denen die Hilfe am Ende zugutekommt.

Dort helfen, wo es leicht fällt

Die Rücksicht auf das Personal besteht nicht etwa darin, dass die Hilfe bevorzugt an Personen ginge, die den eigenen Mitgliedern in politischer oder religiöser Hinsicht besonders nahestehen. Das würde dem universalistischen Grundsatz widersprechen, die Hilfe nach objektivem Bedarf und nicht nach sozialer Nähe zu verteilen; auch christliche Hilfsorganisationen helfen religionsübergreifend. Aber auch bei noch so dringendem Bedarf gibt es ein begreifliches Zögern, das eigene Personal zu gefährden. Man schickt Helfer nicht in das Zentrum einer bewaffneten Auseinandersetzung, wenn sie dort nur unzureichend geschützt wären.

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Die Rücksicht auf die Geldgeber wiederum ergibt sich daraus, dass nur wenige Hilfsorganisationen pauschal unterstützt werden und alle anderen sich durch zweckgebundene Zahlungen finanzieren. Sie müssen daher nicht nur Finanzierungen für Projekte, sondern auch Projekte für Finanzierungen finden. In dieser zweiten Suchrichtung zählen die vielen Bedürftigen nicht im Grade ihrer Not, sondern unter dem Gesichtspunkt der Frage, ob man sie den eigenen Geldgebern denn auch würde „verkaufen“ können. Vor allem die staatlichen Geldgeber sind aber in erster Linie daran interessiert, sich gegen den Vorwurf der Verschwendung von Steuergeldern zu wappnen. Also unterstützen sie bevorzugt Projekte, die bei hoher Unfallsicherheit gegenüber politischen Wechselfällen eine möglichst große Zahl von Personen mit Ärzten oder Lehrern, Zelten oder Latrinen versorgen können.

Das bedeutet, dass vor allem denen geholfen wird, denen zu helfen leichtfällt, etwa weil das politische Umfeld berechenbar ist, weil man ihnen schon einmal geholfen hat und über die entsprechenden Kenntnisse und Kontaktnetze in der Region schon verfügt. Und natürlich senkt es die Kosten eines Projektes und erleichtert so die Finanzierung, wenn die Adressaten der Hilfe so gesund sind, dass man sie zu unbezahlter Mitarbeit bringen kann.

Monika Krause, „Das gute Projekt: Humanitäre Hilfsorganisationen und die Fragmentierung der Vernunft“, Hamburger Edition, Hamburg 2017.

Quelle: F.A.S.
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