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Topmodels

Von STEPHAN FINSTERBUSCH, Fotos MORENO MONTI und MATTEO TRANCHELLINI

13.04.2018 · Es gibt 20 Milliarden Hühner auf der Welt. Die meisten leben unter schrecklichen Bedingungen. Wenige sind glücklich. Die schönsten wurden nun von Moreno Monti und Matteo Tranchellini ins Bild gesetzt.

E r hatte einen Wunsch. Für sein Fotostudio in Mailand wollte er sich eine Art Maskottchen anschaffen – ein Haustier, das er pflegen und umhegen konnte, das etwas hermachte, für Spaß und lachende Gesichter sorgte und ihm bei der Arbeit zusah. Das Studio hatte einen Garten. Platz war ausreichend da. Vor ziemlich genau fünf Jahren machte Matteo Tranchellini seinen Wunsch zu einem Plan.

Er weihte seinen Kollegen Moreno Monti ein. Den kannte er seit seiner Jugend. Gemeinsam hatten sie schon zahlreiche Projekte realisiert, in Kunst, Werbung und Kultur. Ein eingespieltes Team. Monti war von Tranchellinis Plan begeistert. Ein richtiger Hof brauchte ein richtiges Haustier. Die Frage war nur: welches? Hunde haben viele, Katzen, Wellensittiche und Meerschweinchen auch.

Hierarchie auf dem Hühnerhof

Elvis Presley hatte mal ein Känguru, George Clooney ein Schwein, Paris Hilton einen Honigbär. Tranchellini entschied sich für ein Huhn. Denn das ist witzig und interessant. Sein Hirn ist kaum größer als eine Walnuss, doch hat es Fähigkeiten, die man lange Zeit nur Menschenaffen zugeschrieben hatte. Es hat ein Gespür für Mengen, und es kann eine von zwei und zwei von drei Fliegen unterscheiden. Hühner sind kluge Köpfe.

Aus China: Cochin Bantam
Aus Belgien: Barbu de Watermael

Ihre Augen haben eine Art von Supernetzhaut, mit der sie allerfeinste Farbnuancen sehen können. Ihre Schnäbel sind an den Spitzen von einem dichten Nervengeflecht durchzogen. Das gibt den Tieren einen überaus feinen Tastsinn. Damit können sie nicht nur nach Futter scharren, dessen Größe, Form und Härte prüfen, sondern auch Temperaturen fühlen. Sie leben gerne in kleinen Gruppen und haben ein festes soziales Gefüge. Sie sind sehr anhänglich, pflegen ein ausgefeiltes System der Kommunikation und beherrschen dafür knapp drei Dutzend verschiedene Gackerlaute. Seit der norwegische Biologe Thorleif Schjelderup-Ebbe 1921 in seiner Doktorarbeit an der Universität Greifswald ihre Hackordnung beschrieben hatte, erregen die Hierarchien auf dem Hühnerhof unter Verhaltensforschern großes Interesse.

Monti fand die Hühneridee seines Kollegen gut – mit einer Bedingung: Er wollte ein besonderes Huhn. Die Wahl fiel auf eine Cochin-Henne. Die Rasse war im Osten Chinas einst aus dem Urahnen aller Hühner hervorgegangen, dem Bankivahuhn. Cochin-Hühner sind sehr groß, sehr schwer und sehr kompakt. Ihre Brust liegt tief und ist gut gerundet. Der Hals ist kurz und stämmig, der Kopf klein und prägnant, die Haut weich und gelb. Sie ist mit einem dichten Federkleid bedeckt. Das reicht vom Kopf bis zu den Krallen. Diese Hühner wachsen langsam, brauchen kaum Auslauf und geben sich zahm. Sie widerstehen jedem Wetter und machen wenig Arbeit. Die Lieblinge der Züchter.

Aus Holland: Booted Bantam
Eleganz und Schönheit: Buff Laced Polish Chicken
Aus der Türkei: White Sultan Cockerel

Mitte des 19. Jahrhunderts waren die ersten Cochin-Exemplare mit englischen Seefahrern nach Europa gekommen. Dort nahm sie der Naturforscher William Bernhardt Tegetmeier in sein Werk „Standards of Excellence“ für die englischen Hühnerzüchter auf. Queen Victoria mochte die Hühner aus dem Reich der Mitte, ließ sie in den Palast kommen und hielt sie an ihrem Hofe. Anderthalb Jahrhunderte später wird sich Matteo Tranchellini in eine solche Cochin-Henne verlieben. Sie hieß Jessicah, lebte im Stall eines Farmers bei Mailand, und der hatte Tranchellini zu einer jährlichen Hühnershow eingeladen. „An dem Tag verlor ich mein Herz“, wird er später auf seiner Internetseite schreiben. Das Huhn verdrehte ihm den Kopf.

Hühner mit tollen Frisuren

Er brachte Jessicah in ihr neues Heim, ließ sie ein wenig auf dem Hof scharren und im Vorgarten nach Würmern picken. Dann holte er sie ins Haus und setzte sie vor die Kamera. Das warme Licht der Scheinwerfer, die mausgraue Stellwand, alles sehr aufregend. Sie fühlte sich wohl und machte eine gute Figur. Sie genoss die Aufmerksamkeit. Der Auslöser klickte. Die beiden Fotografen machten mit ihr ein Shooting: die Chicken-Show.

Sie jagten die Bilder durch einen Computer, druckten sie aus und waren baff. Über die kommenden Wochen und Monate holten sich Tranchellini und Monti Hunderte Hennen und Hähne ins Studio. Hühner aller Größen und aus aller Welt: klassische Leghorns und Sebrights, Silkies und Paduas, einen Phoenix und zierliche Bantams, altenglische Zwergkämpfer, Strupphühner, japanische Frizzle Chabos, stolze Rhodeländer, Altsteierer, Andalusier und Hamburger. Hühner mit Eleganz und tollen Frisuren, mit atemberaubenden Federkleidern und klassischen Posen.

Aus China: Silkie Bantam
Aus Japan: Frizzle Chabo
Aus Holland: Bantam Rooster
Aus Belgien: Barbu de Watermael

Jedes Projekt, sagen beide Fotografen, habe seine ganz eigenen Hürden – und Tiere vor der Kamera sind immer unberechenbar. Sie ließen ihren stolzierenden Schützlingen freien Lauf. Später werden sie sagen, die Tiere hätten das Rampenlicht geradezu genossen. Gingen die Scheinwerfer an, schmissen sie sich in Pose. Die Hühner verhielten sich so, wie Hühner sich verhalten: Sie reckten die Hälse, neigten den Kopf und warfen ihn in den Nacken.

200 Bilder von 100 verschiedenen Rassen

Am Ende hatten die Fotografen 200 Bilder von 100 Rassen. Was der moderne Stadtmensch nur noch in gebratener Form sieht, haben die beiden Fotografen in ganzer Pracht und voller Größe ins Bild gesetzt. Und nicht nur das: Sie gaben mit ihren Aufnahmen dem Huhn ein wenig von seiner verlorenen Würde zurück.

Denn der Mensch pflegte seit der aufkommenden Massentierhaltung im 20. Jahrhundert Hühner in riesigen Gehegen zu halten. Tiere, die gern in kleinen Gruppen leben, fanden sich nun im Kreis Zehntausender Artgenossen wieder. Sie saßen in winzigen Käfigen und erblickten nie das Licht des Himmels. Sie legten nicht einfach ein Ei, sondern machten das im Akkord.

Aus Polen: White Crested Black Breed / Paduaner
Aus dem Kosovo: Kosovo Longcrower

Legte um 1950 eine deutsche Legehenne etwa 120 Eier im Jahr, so sind es heute 300. Hatte eine Henne damals eine durchschnittliche Lebenserwartung von zehn Jahren, schaffen sie heute kaum die Hälfte. Hatten die alten Sumerer, Ägypter und Griechen ihre Hühner noch verehrt, so machte der moderne Mensch sie zu einem mörderischen Geschäft.

Er schneidet ihnen mit erhitzten Klingen von Fallmessern die Schnabelspitzen samt dem hochempfindlichen Bill-Tip-Organ ab; er schickt Milliarden für ihn nutzloser Küken durch den Schredder; er mästet sie, bis sie platzen. Hühner sind eine Industrie, die Tiere eine Ware. Heute gibt es alles in allem auf der ganzen Welt 20 Milliarden Hühner. Ihr Fleisch ist begehrt. Allein in Deutschland werden jedes Jahr in dieser oder jener Form rund 17 Milliarden Eier gegessen und 600 Millionen Hühner. Biobauern suchen neue Wege. Doch sie haben es schwer.

Dem stillen Drama der gackernden Zeitgenossen setzten Tranchellini und Monti ihre Bilder entgegen. Sie brachten sie ins Internet, schoben auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter eine Finanzierung an und hatten binnen kürzester Zeit zehnmal mehr Geld zusammen, als sie wollten. Sie rahmten ihre Aufnahmen, brachten sie in Galerien, sorgten für viel Staunen und machen nun ein Buch daraus: „Chicken“. Die wahren Topmodels.

Bantam Roosters
Quelle: F.A.Z.-Woche