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Multitasking

Informationsflut? Wenn schon!

Von Hannah Bethke
 - 13:34
Multitasking-Alltag: Was denn noch alles? Bild: dpa, F.A.Z.

Wir wissen es schon lange: Digitale Medien schaden Geist, Körper und Seele. Aufmerksamkeitsstörungen, Rückenprobleme, Vereinsamung, Verblödung, Verdummung: die Omnipräsenz der Smartphones beflügelt die schwärzesten kulturpessimistischen Phantasien. Eine besondere Herausforderung stellt diese Entwicklung für Bildungsstätten dar, und zwar vor allem in der Vermittlung von Lehrinhalten. Lehrer und Hochschullehrer sind gehalten, ihre Didaktik zu digitalisieren, müssen aber gleichzeitig gegen digital verursachtes permanentes Abgelenktsein im Unterricht kämpfen. Was mit einem Handyverbot in Schulen vielleicht gerade noch zu reglementieren ist, gestaltet sich unter Studenten an Hochschulen schon schwieriger.

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Ist das Lehren im digitalen Zeitalter vergebliche Liebesmüh? Nein! Ausnahmsweise gibt es einmal positive Neuigkeiten: Eine Studie aus der „Psychological Science“ zeigt, dass Multitasking dem Lernerfolg nicht im Weg stehen muss. In einem Experiment sollten sich die Studienteilnehmer eine Liste mit Wörtern ansehen und sich so viele Wörter wie möglich merken. Jedes Wort hatte dabei einen numerischen Wert von eins bis zehn; Aufgabe war es, den totalen Wert der Wörter zu maximieren. Eine Gruppe wurde währenddessen durch verschiedene Dinge wie Musik im Hintergrund abgelenkt. Andere konnten ihre volle Konzentration nur dem Lernstoff widmen. Das Ergebnis: Diejenigen, deren Aufmerksamkeit gestört wurde, konnten sich zwar an weniger Wörter erinnern, die Wörter mit einem hohen numerischen Wert aber blieben ihnen im Gedächtnis. Die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und die wesentlichen Informationen zu behalten, wurde durch das simulierte Ablenkungsmanöver nicht beeinträchtigt. Alles also halb so schlimm?

Die Autoren erinnern uns daran, dass es völlige Abgeschiedenheit an Lernorten wie Bibliotheken ohnehin nicht gibt; die Anfälligkeit, beim Lernen abgelenkt zu werden, ist schließlich nicht erst mit den sozialen Medien in die Welt gekommen. Außerdem sind unsere kognitiven Ressourcen begrenzt: Wir können uns sowieso nicht alles in erschöpfender Vollständigkeit merken, dafür braucht es nicht einmal ein Smartphone, das unsere Konzentration abzieht. Wer Mut zur Lücke hat, wird sich freuen. Für Perfektionisten allerdings ist auch diese frohe Botschaft nur ein schwacher Trost – das Gedächtnis vergisst vielleicht nicht alles, aber erschütternd genug, dass überhaupt etwas verlorengeht. Im schlimmsten Fall führt die Kombination aus smartphoneinduzierter Ablenkung und dauernder Informationsflut dazu, dass wir doch einmal die falschen Prioritäten setzen, die Qualität der Information nicht mehr richtig beurteilen können und zur Verbreitung von „Fake News“ beitragen. Zu diesem wenig erbaulichen Ergebnis kommt eine chinesisch-amerikanische Forschergruppe in der Zeitschrift „Nature“. Sie stellte fest, dass infolge eines nachlassenden Differenzierungsvermögens der abgelenkten Internetnutzer nur eine schwache Korrelation zwischen der Qualität und Popularität von Informationen besteht. Und so bangen wir also weiter und singen die alte Litanei vom Verlust des Gestrigen – bis zur nächsten Studie, die uns hoffentlich eines Besseren belehrt.

Quelle: F.A.Z.
Hannah Bethke
Volontärin
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