Video: Jochen Rößler

Hat es sich bald ausgekrabbelt?

Von ANDREAS FREY
Video: Jochen Rößler

23.07.2017 · Seit einiger Zeit macht die Rede vom großen Insektensterben die Runde. Der Bestand sei um achtzig Prozent geschrumpft. Woher weiß man das? Ein Verein von Hobbyforschern in Krefeld ist der wichtigste Zeuge.

M anche sagen, man könne das Drama bereits hören. Beziehungsweise eben nicht. Man müsse nur die Augen schließen und lauschen. Leiser sei der Sommer geworden, beinahe still. Immer seltener höre man das Summen der Bienen, das Brummen der Hummeln, das Zirpen der Grillen. Sie werden weniger. Sie sterben lautlos.

Entomologen jedenfalls sind zutiefst beunruhigt. Denn Mitteleuropa erlebt gerade ein beispielloses Massen- und Artensterben der Insekten. Scharenweise sind in den vergangenen Jahren Hummeln, Libellen, Schmetterlinge, Falter, Mücken und Käfer verschwunden. Wie viele genau, wissen die Insektenkundler selbst noch nicht. Welche Arten besonders betroffen sind, wo die Gründe liegen – alles unklar. Flächendeckende Bestandszahlen und systematische Forschungsreihen gibt es praktisch nicht, landesweit existiert bislang kein lückenloses Langzeitmonitoring. Das liegt auch am Forschungsobjekt selbst: Fliegen lassen sich nun mal schlechter zählen als Krähen oder Biber.

Die Mauerbiene gehört zu den Solitärbinen. Sie bauen ihre Nester je nach Art in Mauern, Steinspalten oder einfach direkt in den Boden. Foto: Entomologischer Verein Krefeld

Wer über das Ausmaß des Sterbens mehr erfahren möchte, der muss nach Nordrhein-Westfalen fahren. In Krefeld am Niederrhein hat der Entomologische Verein seinen Sitz. Seit Jahrzehnten führen die Hobbyforscher Buch über den Zustand der Insektenwelt. Der Verein ist längst eine Institution. Einige ihrer Mitglieder würden sich besser auskennen als mancher Universitätsprofessor, heißt es.

Das Vereinsgebäude liegt mitten in der Stadt in einem Gründerzeitviertel. Man läuft an einem Kiosk vorbei, passiert ein Tattoo-Studio und erblickt auf der anderen Straßenseite einen verstaubten Land Rover, älteres Modell. Er parkt direkt vor einem alten Schulhaus aus der Kaiserzeit und gehört dem Entomologen Martin Sorg, der seinen Gast umstandslos ins Gebäude führt. Der promovierte Biologe stellt sich als „Aktivist“ vor. Sorg, 62, lange Haare, Nickelbrille, Wanderschuhe, sieht dem Klischee eines Insektenforschers erstaunlich ähnlich.
Drinnen sind die Räume mit blauen Vorhängen abgedunkelt, damit die UV-Strahlung nicht durchs Fenster dringt. Es riecht leicht muffig, ein wenig wie in einer Gruft. Sorg geht voran, steigt die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo die wichtigsten Exponate untergebracht sind. Mehr als eine Million Trockenpräparate umfasst die Krefelder Sammlung, akribisch geordnet und archiviert in kleinen Holzkästchen. Der große Rest von schätzungsweise zwanzig bis vierzig Millionen Insekten wird ungeordnet in Plastikgefäßen auf dem Dachstuhl aufbewahrt und schwimmt noch in der konservierenden Alkohollösung.

Auf ihr Archiv sind sie beim Entomologischen Verein besonders stolz. Fünfzig Mitglieder zählt der Verein, darunter zehn Frauen und sogar ein paar Jugendliche, wie Martin Sorg noch schnell anfügt. Seit 1905 untersucht der Verein das Gebiet der preußischen Rheinlande, wie das Untersuchungsgebiet seinerzeit hieß. Es reicht von Kleve an der holländischen Grenze bis Koblenz.
Das Besondere an der Sammlung ist, dass sämtliche Proben archiviert wurden. Nichts ist verlorengegangen, die Hobbyforscher haben gründlich gearbeitet. „Die Aufbewahrung der Proben ist für uns das Wichtigste“, sagt Martin Sorg und bittet in eines der vielen Zimmer, in denen die Präparate aufbewahrt werden. Dutzende Regalschränke aus Holz stehen darin, in jeder Schublade steckt ein Stück Insektenvergangenheit. Man kann sich Originalproben von 1984 ansehen oder gleich Dutzende Präparate einer ganzen Insektenart. Selbst die Proben aus der Zeit vor den Weltkriegen sind noch vorhanden, sie haben die Bombenangriffe in einem Bunker überstanden. Auch deshalb steht die Sammlung mittlerweile unter Denkmalschutz.

Die Gallmücken lassen sich nur schwer beobachten. Sie verbringen fast ihr ganzes Leben als Larve. Foto: Interfoto

Sorg zieht ein Holzkästchen heraus. Reihe für Reihe sind darin Dutzende Tagfalter aufgesteckt. Sie schimmern grau bis braun, für den Laien sind sie nicht zu unterscheiden. „Bei den Tagfaltern sieht man den Artenschwund am ehesten“, sagt Martin Sorg. Seit 1860 existiert eine Bestandsreihe, und die Bilanz ist eindeutig: Es gibt immer weniger von ihnen.
Dass die Insekten in Mitteleuropa auf dem Rückzug sind, ist vielen Menschen nicht bewusst. Eine Ausnahme sind die Bienen. Ihr Niedergang ist bereits länger bekannt, was unter anderem daran liegt, dass sie als fleißige und nützliche Tiere gelten. Jedenfalls sind Bienen die einzigen Insekten, für die sich die breite Öffentlichkeit tatsächlich interessiert. Der Rest ist meistens nur lästig.
Erst langsam spricht sich herum, dass auch Falter, Fliegen und Wespen bedroht sind. Es ist bezeichnend, dass ihr Verschwinden vor allem als Windschutzscheiben-Phänomen wahrgenommen wird. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten hartnäckiger Fliegen- und Wespenbrei die Sicht beim Autofahren behinderte, klatschen heute kaum noch Insekten auf die Scheibe. Skeptiker sagen, das läge an den Autos, die mittlerweile viel windschnittiger gebaut werden. Eine Fliege ströme mit dem Fahrwind über die Karosserie und werde dabei nicht platt gedrückt, heißt es. Ebenfalls diskutiert wird die heutige Nano-Beschichtung moderner Autos, an denen winzige Fliegenleiber einfach abperlen.

  • Die Feldwespe baut ihr Nest aus zerkauten Holzfasern, wird daher auch Papierwespe genannt. Foto: Entomologischer Verein Krefeld
  • Die Weibchen der Grabwespen legen ihre Nester in Weichholz an. Foto: Entomologischer Verein Krefeld

Wenn Martin Sorg solche Argumente hört, lacht er spöttisch. Er hält das für ausgemachten Quatsch. Sein Land Rover beispielsweise hat einen Cw-Wert wie ein Kühlschrank, aber im Gegensatz zu früher muss er heute kaum noch alle paar Kilometer anhalten, um die Scheibe zu putzen. Wen das nicht überzeugt, der sollte einfach das eigene Nummernschild inspizieren, sagt er. Denn auch dort muss man klebende Kerbtiere heutzutage suchen. Allerdings haben Studien gezeigt, dass Kollisionen zwischen Autos und Insekten ohnehin kein verlässliches Indiz für die tatsächliche Häufigkeit der Kerbtiere gelten.

Dass heute überhaupt belastbare Zahlen vorliegen, ist das einzigartige Verdienst des Krefelder Vereins. Ohne die Erhebungen der Hobbyforscher wäre wohl immer noch nicht bekannt, wie schlecht es um die Insekten wirklich steht. Im Dezember 2013 entschloss sich der Verein, eine seiner Entomologischen Mitteilungen herauszugeben. „Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch in den Jahren 1989 und 2013“, hieß der sperrige Titel. Der Inhalt allerdings hatte es in sich: Mehr als drei Viertel aller Insekten sind verschwunden – und das in weniger als 25 Jahren. Die Medien griffen das Thema sofort auf, was seitens des Vereins beabsichtigt war. Seither vergeht keine Woche, in der nicht wieder ein Journalist anruft. Die Veröffentlichung hat etwas verändert. Die Leute sprachen plötzlich vom Insektensterben.

  • Die metallisch grün bis rotgolden schillernde Goldwespe bevorzugt Waldränder und typische Trockenrasen.
  • Die Rollwespe trägt ihren Namen, weil sich die Fühler der Weibchen nach deren Tod tatsächlich einrollen.
  • Die rotbeinige Wegwespe besiedelt offene Sandflächen und -wege, daraus ergab sich ihr anschaulicher Name. Foto: Entomologischer Verein Krefeld

S eit 2013 ist nun also eine Zahl in der Welt, mit der das Problem beziffert werden kann. Sie taucht in Zeitungen auf, in Pressemitteilungen der Umweltverbände und kürzlich auch im Wahlprogramm der Grünen. Tatsächlich stammt der Wert aber nur von zwei Standorten in einem Krefelder Naturschutzgebiet. Gingen dort Ende der Achtziger noch 1400 Gramm Insekten unterschiedlichster Arten in die Falle, sammelten sich in den vergangenen Jahren bloß noch 300 Gramm. Der Rückgang umfasst Fliegen und Mücken, aber auch Schmetterlinge und Bienen. Bei den Schwebfliegen, die häufig mit Bienen verwechselt werden, ging die Zahl an einem anderen Standort von exakt 17291 Exemplaren und 143 Arten im Jahr 1989 auf 2737 Exemplare und 104 Arten zurück. Kann man diese Befunde einfach auf das ganze Land übertragen? „Natürlich nicht“, sagt Martin Sorg. Es handle sich um punktuelle Messungen. Aber überall, wo man nachschaue, seien die Bestände rückläufig. Einige Schaubilder sehen aus wie Immobilien-Aktien nach dem letzten Bankencrash. Und nicht nur die Standorte in Nordrhein-Westfalen sind klar im Minus, sondern auch Messungen aus Südengland, Holland und Ungarn. Zudem, so Sorg, ist der Rückgang von Insektenpopulationen ein Thema, das ihm auch in alten Texten immer wieder begegnet. Vor zwei Jahren haben die Krefelder Entomologen die eigenen Daten erneut abgeglichen. Spätestens seitdem sind sie sicher, dass da draußen irgendetwas nicht stimmt.

Die Schlupfwespen sind sehr artenreich, führen ein Leben als Parasiten und sind daher nützlich. Foto: Entomologischer Verein Krefeld
Diese Schlupfwespe Banchus crefeldensis trägt den Namen der Stadt Krefeld, sie wurde vom dortigen Entomologischen Verein entdeckt. Foto: Entomologischer Verein Krefeld

Eigentlich wären solche Monitorings Aufgabe der Wissenschaft. Aber an deutschen Lehrstühlen und Museen finden sich keine Langzeitreihen wie in Krefeld. Es gibt Studien mit Libellen, Faltern und Heuschrecken. Aber die gehören nicht unbedingt zu den schwierigen Forschungsobjekten, weil sie groß und bunt und im Vergleich zu den unauffälligeren Insektenarten weniger artenreich sind.

Sorg spaziert ins Nachbarzimmer, wo mittlerweile auch sein Vereinskollege Werner Stenmans neben einigen Käferleichen Platz genommen hat. Er sitzt aufrecht am großen spinatgrünen Tisch, vor ihm liegen Bücher. Stenmans ist ein Mann Anfang sechzig, der ruhig spricht und sich nicht nur für die Geschichte der Insekten, sondern auch für die Geschichte der Menschen interessiert: Ahnenforschung ist sein zweites Hobby. Stenmans hält das Ausmaß des Rückgangs von Arten und Individuen ebenfalls für dramatisch. Mehr als die Hälfte aller Hummelarten seien am Niederrhein bereits verschwunden, bei anderen Bestäubern, von denen die Landwirtschaft profitiert, sähe es nicht viel besser aus. Es würden außerdem Arten verschwinden, von deren Existenz man gar nichts wüsste. Über die Schlupfwespen beispielsweise, die in Mitteleuropa die artenreichste Familie der Hautflügler bilden, sei viel zu wenig bekannt. Dabei regulieren die überaus artenreichen Schlupfwespen zahlreiche Schädlinge.
Die Schlupfwespe ist ein Parasitoid. Zu ihrer Strategie gehört es, auf Kosten anderer Insekten zu überleben. Mit ihrem körperlangen Stachel legt sie ihre Eier in Schmetterlinge, Läuse und Käfer, die sich dann nach dem Schlüpfen durch den Wirt fressen. Ohne die Schlupfwespe hätte der Bauer ein Problem. Sie wirkt besser als manches Pestizid. Bloß: Wie macht sie das?

Die solitären Faltenwespen sind Räuber, lähmen fremde Larven und tragen diese in ihr Nest. Foto: Entomologischer Verein Krefeld

„Wir bewegen uns in einer Wolke aus Unwissenheit“, wirft Martin Sorg ein, zieht an seiner selbstgedrehten Zigarette und lässt den Rauch und den Satz für eine Weile in der Luft stehen. Wie das natürliche Artenspektrum eines bestimmten Habitats aussieht, wisse man einfach nicht. Ebenfalls unbekannt sei die Vorgeschichte vieler Regionen. Dahinter steckt die Frage, wie das Leben auf der Wiese, im Moor und im Wald eigentlich funktioniert. Und was eigentlich ein „normaler Zustand“ ist.

Das ist der Grund, weshalb sich die Entomologen schwertun, klare Ursachen des Insektensterbens zu benennen. Sorg jedenfalls möchte nicht über Arbeitshypothesen sprechen. Eine einfache Erklärung hat er nicht. Aber er verweist auf mehrere Studien, darunter eine aus Göttingen, die als einzig durchgängig negativen Faktor Pestizide ausgemacht hat. Es ist wie im Krimi: Da gibt es Leichen, der Tatort ist voller Spuren. Und die meisten stammen vom Hauptverdächtigen, dem Landwirt. Für eine Anklage reicht das allerdings nicht aus.

E in großes Problem sind jedenfalls die Monokulturen. Sie laugen die Böden aus und verbrauchen große Mengen Dünger und Pflanzenschutzmittel. Vielfalt ist auf diesen Feldern nicht vorgesehen, deshalb gibt es praktisch keine Hecken, keine Bäume, keine Pfützen und damit keinen Lebensraum für Käfer, Heuschrecken und Libellen. Der wohl wichtigste Grund für das Sterben klingt am Ende ziemlich simpel: Insekten finden immer weniger Raum. „Die Hauptursache ist tatsächlich die Intensivierung der Landwirtschaft“, bestätigt der Tierökologe Johannes Steidle von der Universität Hohenheim. Viele seiner Kollegen, wie der Hallenser Agrarbiologe Josef Settele, sind ähnlicher Meinung. Allerdings sehen die Wissenschaftler die Verantwortung nicht bei den Bauern allein, sondern auch beim Rest der Gesellschaft, der auf billigen Lebensmitteln besteht.

  • Die Wiesenameise gehört zu häufigsten Arten in Mitteleuropa. Von Juni bis September geht sie auf Wanderschaft. Foto: Entomologischer Verein Krefeld
  • Die Amazonasameise besiedelt Trockenrasen und mag es warm. Sie ist in Deutschalnd deshalb naturgemäß selten. Foto: Entomologischer Verein Krefeld
  • Die rote Knotenameise baut Nester in Erdhügel oder in Holzstücke und macht bei Gefahr von ihrem Giftstachel Gebrauch. Foto: Entomologischer Verein Krefeld

Ein weiteres Problem sind die Pestizide. Seit Jahren wird in Deutschland immer häufiger gespritzt. Das wirksamste und bequemste Mittel, lästige Insekten loszuwerden, ist das Nervengift Imidacloprid, das zu der Gruppe der sogenannten Neonikotinoide gehört. Da das Saatgut mit dem Wirkstoff gebeizt wird, verbreitet er sich über die ganze Pflanze und steckt somit auch in Pollen und Nektar. Etliche Wissenschaftler halten die Mittel für gefährlich, die Zulassungsbehörden sahen bisher allerdings keinen Grund, sie zu verbieten. Und auch die Hersteller bestreiten negative Folgen. Die Debatte über die Neonikotinoide tobt, ähnlich wie beim Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, seit Jahren hin und her. Man kann fast nur hoffen, dass die Industrievertreter am Ende recht behalten.

Als das Gespräch die Pestizide streift, muss Martin Sorg wieder spöttisch kichern. Auch Vereinskollege Werner Stenmans grinst. Immer wieder erhalte der Verein Anfragen in dieser Sache. „Das entbehrt nicht einer gewissen Komik“, sagt Sorg. Wie die Wirklichkeit aussieht, möchte er draußen in der Natur demonstrieren. Mit dem Land Rover geht es ins nahe gelegene Naturschutzgebiet, in dem zwei Insektenfallen aufgebaut sind. Wo genau, soll nicht verraten werden – Sorg befürchtet Fallen-Tourismus. Nach ein paar Autominuten biegt er auf einen Feldweg ab. Rechts vom Weg wachsen saftige Zuckerrüben, links davon bloß ein paar dürre Unkräuter. Der Feldweg trennt den Hochleistungsacker vom Naturschutzgebiet.

Es ist paradox: Dort, wo auf den ersten Blick nur ein paar Unkräuter gedeihen, fühlen sich die Insekten am wohlsten. Sie mögen das karge, sich selbst überlassene Land, laben sich an Blüten von Wildkräutern, ernähren sich von Korbblütlern, verstecken sich und ihren Nachwuchs in Totholz und tummeln sich an kleinen Wasserstellen. Für die Insekten mögen solche Landschaften ein kleines Paradies sein, für den Menschen sind sie nur ein ebenso unordentliches wie unprofitables Stück Land. Deshalb wird Totholz meist sofort beseitigt, wird eine Wiese in kurzen Abständen gemäht, wird ein Magerrasen mit Hilfe von Dünger in ein hochproduktives Mais- oder Rapsfeld umgewandelt. Ob im Garten oder auf dem Acker, in Deutschland gilt unerschütterlich: Ordnung muss sein. Auf diese Weise verschwinden zuerst die Spezialisten. Die Mohnbiene etwa ist in Deutschland mittlerweile massiv vom Aussterben bedroht. Sie baut ihre Brutröhre in sandige Böden, kleidet die Wände mit Klatschmohn aus und ist extrem scheu. Stört man sie in ihrem kleinen Reich, tritt sie sofort den Rückzug an. Womöglich für immer.

Sorg steuert sein Auto weiter durch das Naturschutzgebiet, auch hier wurde die Mohnbiene seit einiger Zeit nicht mehr gesichtet.

Die Mohnbiene baut ihre Brutröhre in sandige Böden, kleidet die Wände mit Klatschmohn aus, ist extrem scheu und ziemlich bedroht. Foto: Roland Günter, Naturbildarchiv GÜNTER

Dann taucht eine kleine Kuppe auf, im Hintergrund rascheln alte Eichen im Wind. In deren Schatten steht ein Zelt. Es ist eine Insektenfalle, errichtet nach der sogenannten Malaise-Methode. Das weiße Zeltdach zieht heranschwirrende Insekten an, lässt sie, dem Licht folgend, nach oben ausweichen und in eine Falle aus hochprozentigem Alkohol fliegen. Im Vereinsheim wird das Gefäß später gewogen und der Inhalt bestimmt werden.
„Früher haben wir noch Literflaschen herangeschleppt. Die brauchen wir jetzt nicht mehr“, sagt Martin Sorg. Am bedenklichsten sei der Schwund ausgerechnet in den Schutzgebieten, in denen es früher von herumschwirrenden Insekten nur so wimmelte, berichtet er.

Was müsste getan werden, um das große Sterben zu beenden? Und was tut die Politik? „Die Politik hat das Problem nicht ausreichend erkannt“, sagt Sorg. Im Januar vergangenen Jahres war ein Vereinskollege in den Umweltausschuss des Deutschen Bundestags geladen. Gebracht hat es anscheinend nicht viel, wenn man den Aussagen einiger Umweltverbände glaubt.

Eigentlich sah die jüngste Agrarreform vor, dass jeder Landwirt mit mehr als 15 Hektar Fläche sogenannte ökologische Vorrangflächen ausweisen muss. Der Acker soll auf fünf Prozent Fläche brachliegen, lautete die Idee. Allerdings sind Einschränkungen erlaubt: Auch Zwischenfrüchte dürfen angebaut werden. Ob die Maßnahme etwas taugt, wird stark bezweifelt. Die Landwirte würden aus betriebswirtschaftlichen Gründen meist nur die einfachsten Lösungen umsetzen, heißt es beim Bund für Umwelt und Naturschutz. Und die würden keinen nennenswerten Effekt haben. Dem neuesten Agrarreport des Bundesamts für Naturschutz von Ende Juni kann man ebenfalls entnehmen, dass das von der Politik versprochene „Greening“ eher ein „Greenwashing“ ist. Präsidentin Beate Jessel stellt der Agrarpolitik jedenfalls ein vernichtendes Urteil aus. Die biologische Vielfalt habe sich in der Agrarlandschaft sogar weiter verschlechtert, sagt sie.

Ändert sich nichts, wird sich das Insektensterben fortsetzen. Am Ende gibt es eigentlich nur einen Grund für etwas Optimismus: Ihre recht zähe Natur. Man kann Insekten nicht ausrotten, sagen sie beim Krefelder Verein. Hoffentlich behalten sie recht.

Experten, dringend gesucht

Fragen an Wolfgang Wägele vom Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn

Herr Wägele, wie viele Insektenarten gibt es in Deutschland?
Wir gehen derzeit von etwa 33.000 Arten aus. Viele davon sind sehr selten und leben versteckt. Die Gallmücken zum Beispiel bekommt man kaum zu Gesicht, sie verbringen fast ihr gesamtes Leben als Larve.

Und wie viele Insektenexperten?
Leider zu wenige. Wenn Proben aus Insektenfallen bestimmt werden sollen, dauert das mitunter Jahre. Es braucht viele Spezialisten, um jede Art bestimmen zu können. Bei uns im Archiv stehen etliche Flaschen herum, die noch nicht ausgewertet sind. Bislang musste man jedes Insekt einzeln zählen und bestimmen. Eine gigantische Arbeit.

Sie wollen die Bestimmung der Insekten jetzt automatisieren.
Ja, wir legen gerade eine große Datenbank an, in der für alle Arten genetische Merkmale hinterlegt werden. Das Projekt heißt German Barcode of Life. Mithilfe dieser Datenbank können wir die Insekten künftig viel einfacher bestimmen. Das funktioniert wie ein Speicheltest: Wir schütteln die Flaschen mit den Insekten kräftig und entnehmen der Alkohollösung schließlich die DNA. So sehen wir, welche Arten sich darin befunden haben. Wir haben sogar schon Erbinformationen von Fledermäusen und Rehen entdeckt, also von Tieren, an denen die Insekten zuvor Blut gesaugt hatten. Auch Pollen können wir damit analysieren.

Können Sie mit dieser Methode auch die Individuenzahl bestimmen?
Nein, wir sehen nur die jeweiligen Arten. Allerdings wird es mit optischen Verfahren bald möglich sein, die Insekten auch zu zählen. In einer flachen Schale wird die Probe fotografiert, und ein Computer zählt durch.

Warum gibt es in Deutschland bisher kein Langzeitmonitoring?
Für solche Beobachtungen braucht man einige Jahrzehnte, das sehen die Strukturen der Hochschulen und Wissensgesellschaften einfach nicht vor. Dort soll in wenigen Jahren ein Ergebnis herauskommen. In so kurzer Zeit lassen sich biologische Umweltveränderungen nicht nachweisen.

Aber das ist doch ein Versäumnis.
Ein Versäumnis der Ökologie. Wir haben bislang einfach keine Lobbyarbeit betrieben. Umweltanalysen lassen sich nicht so spannend erzählen, große Journals drucken die Ergebnisse in der Regel nicht. Und die Umweltverbände, die sich dafür einsetzen, werden von den Wissenschaftlern nicht ernst genommen. Außerdem gibt es keinen Forschungsauftrag von Seiten der Bundesregierung.

Sie hätten ja selbst einen Vorschlag machen können.
Das haben wir letztes Jahr getan. Wir wollen ein Stationsnetz aufbauen, das mit Kameras und Sensoren ausgestattet wäre. Damit ließe sich die Entwicklung Tag und Nacht verfolgen.
Quelle: F.A.Z.