Multiresistenzen

Kann Politik etwas gegen das Antibiotika-Versagen tun?

 - 14:20

Um überleben zu können, entwickeln sich auch Bakterien - wie jeder Organismus - fortwährend weiter. Durch die Mutation ihres Erbguts oder die Aufnahme anderer resistenter Gene aus ihrer Umgebung entwickeln die Keime nach und nach Widerstände auch gegen Wirkstoffe, die sie eigentlich töten sollen. Im schlimmsten Fall entstehen multiresistente Bakterien, die einer Vielzahl Antibiotika widerstehen. Die Folge: Irgendwann gibt es kein Antibiotikum mehr, das wirkt.

„Die Entstehung und Ausbreitung von Resistenzen gegen Antibiotika hat sich weltweit zu einem gravierenden Problem der öffentlichen Gesundheit entwickelt“, so das Robert-Koch-Institut (RKI). Dadurch werde die Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten erschwert, insbesondere auch viele lebensgefährliche Infekte wie Tuberkulose. Werden Antibiotika zu oft, über einen zu langen Zeitraum oder unsachgemäß angewendet, begünstigt das die Bildung multiresistenter Erreger.

Bei immungeschwächten und älteren Menschen kann eine einfache Entzündung schon zur lebensbedrohlichen Infektion werden, sofern sich in ihrem Körper resistente Erreger angesiedelt haben.

Resistente Keime treten häufig in Krankenhäusern auf. Bei der Infektion spielen oft Hygienemängel eine Rolle. Laut Robert-Koch-Institut kommt es jährlich zu 30 000 bis 35 000 Infektionen mit multiresistenten Keimen in deutschen Krankenhäusern. Davon gehen rund 1500 Fälle (0,3 Prozent) auf Erreger zurück, die gegen fast alle Antibiotika resistent sind.

Nach einer Erhebung des europäischen Zentrums für Infektionskrankheiten ECDC werden jährlich bis zu 25.000 Todesfälle in Europa mit Resistenzen in Verbindung gebracht. Nach derzeitigen Schätzungen sterben in deutschen Krankenhäusern 1000 bis 4000 Menschen pro Jahr an den resistenten Keimen. Andere Schätzungen gehen von bis zu 15.000 Toten aus. Weltweit sollen es gar 700.000 Todesfälle pro Jahr sein.

Selbst in wohlhabenden Ländern ist die Versorgung mit wirksamen Antibiotika nicht gesichert. Hin und wieder kommt es zu Lieferengpässen, in den Entwicklungsländern haben viele Menschen keinen Zugang zu Antibiotika. Da sich die Herstellung hierzulande kaum mehr lohnt, werden viele Wirkstoffe im Ausland produziert. Ende vergangenen Jahres hatte es einen Lieferengpass beim Antibiotikum Piperacillin/Tazobactam (Pip/Taz) gegeben, weil Produktionsstätten von einem der beiden chinesischen Herstellers explodierten. „Pip/Taz“ ist ein Breitband-Antibiotikum, das vor allem in Krankenhäusern bei schweren Infektionen wie Blutvergiftung verabreicht wird.

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Initiativen und Konsortien gegen die Verbreitung multiresistenter Keime. Die Bundesregierung hat im Jahr 2008 die Deutsche Antibiotikaresistenzstrategie (DART) entwickelt, vor zwei Jahren wurde mit DART 2020 nachgelegt. Dabei stehen die Beobachtung der Resistenzen sowie des Antibiotikum-Verbrauchs im Mittelpunkt. Beides wird in einer Datenbank erfasst. Unter anderem soll aber auch das Bewusstsein bei Ärzten und Patienten für den richtigen Umgang mit Antibiotikum gefördert werden. Darüber hinaus gibt es etwa die „Aktion saubere Hände“, die seit dem Jahr 2008 für die Verbesserung der Handhygiene in Krankenhäusern und in Arztpraxen kämpft. Es besteht dringender Handlungsbedarf und einer internationalen Zusammenarbeit, um der Gesundheitsgefahr zu begegnen, die von den resistenten Bakterien ausgeht. Deshalb war das Thema nicht nur beim Treffen der G20-Gesundheitsminister vor wenigen Wochen, sondern nun auch beim G20-Gipfel in Hamburg auf der Agenda.

Die „BEAM Alliance“, ein Zusammenschluss aus kleinen und mittleren biopharmazeutischen Unternehmen, welche auf die
Erforschung und Entwicklung neuer antibakterieller Produkte
spezialisiert sind, machte noch kurz vor Beginn der entscheidenden Gipfel-Gespräche darauf aufmerksam, wie wichtig der Kampf gegen resistente Bakterien ist. Die Krise sei als globale Gesundheitsbedrohung zu sehen. „Wenn nichts gegen die zunehmende Bedrohung der Antibiotikaresistenzen unternommen wird, kann das die Weltwirtschaft mit 100 Billionen US-Dollar bis zum Jahr 2050 belasten", so Florence Séjourné, die Präsidentin der BEAM Alliance, die sich auf Schätzungen des O'Neill-Berichts aus dem vergangenen Jahr beruft. Beam appelliert an die politischen Entscheidungsträger, jetzt eng zusammen zu arbeiten um wegweisende Lösungen für die tödliche Gefahr zu finden. Etwa hundert Mittel seien in der Pipeline. Was nach Ansicht der Unternehmen fehlt, sind Anreize, diese bis zur Marktreife zu entwickeln.

Eine kurzfristige Maßnahme sollte nach den Vorstellungen der Pharmafirmen ein weltweit gültiges „Bonussystem für den Markteintritt“ neuer Antibiotika sein, also etwa Steuernachlässe, verlängerte Marktexklusivität oder höhere Preise für neue Mittel. Entsprechende Medikamente sollten auch gekennzeichnet werden. Zudem fordern die Unternehmen politische Unterstützung beispielsweise bei der beschleunigten und „vereinfachten“ und wenn möglichst auch weltweit harmonisierten Zulassung der neuen Antibiotika. Dief finanzielle Förderung durch die Länder sei bisher auch zu stark an den Interessen von Big Pharma, den großen Konzernen, ausgerichtet.

Quelle: F.A.Z.net, dpa-afx mli
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