26 neue Zwergfrosch-Arten

Ein gigantischer Clan

Von Joachim Müller-Jung
 - 12:36
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Es kommt selten genug vor, dass bei Biologen, die in den kläglichen, von der menschlichen Zivilisation übrig gelassenen Resten an Wildnis arbeiten, so etwas wie Goldgräberstimmung aufkommt. Zu niederschmetternd sind meist ihre Erfahrungen, zu radikal sind die Einschnitte in die Natur. Fast überall schrumpfen die Bestände, schwindet die biologische Vielfalt.

In einem fast schon skurrilen Gegensatz zur ökologisch desaströsen Entwicklung stehen da seit einigen Jahren die Entdeckungsberichte von Herpetologen – Amphibien- und Reptilienspezialisten –, die beispielsweise auf Madagaskar vor der ostafrikanischen Küste nach neuen Arten suchen. In den achtziger Jahren waren gerade einmal drei neue Froscharten entdeckt worden, im Jahr 1991 summierte sich ihre Gesamtzahl auf immerhin 133 Arten – allesamt Spezies, die sich ausschließlich auf der seit Jahrmillionen isolierten Insel gebildet hatten. Das war seinerzeit schon zehnmal so viel wie der mitteleuropäische Amphibienreichtum. Dann allerdings explodierte die wissenschaftlich katalogisierte Vielfalt auf der Insel, Jahr für Jahr wurden neue Spezies beschrieben. Um die dreihundert sind es bis heute. Und das ist noch längst nicht das Ende.

Der jüngste Coup: Sagenhafte 26 neu beschriebene Arten von Zwergfröschen aus der Gattung Stumpffia. Deren (vorläufiges) Arteninventar ist damit von vier im Jahr 1991 auf nunmehr 41 gewachsen. Stumpffias gehören zu den kleinsten Fröschen der Welt. Einige sind weniger als zehn Millimeter lang, die größten messen kaum mehr als zwei Zentimeter. Aus den in winzigen Schaumnestern im Bodenlaub der Tropenwälder abgelegten Eiern, in denen sich die Kaulquappen entwickeln, schlüpfen atemberaubend kleine Miniaturfrösche, die leicht auf eine Streichholzspitze passen würden. Über die Biologie der meisten dieser mit Gen-, Laut- und Körperbauanalysen identifizierten Arten weiß man allerdings noch herzlich wenig. Die Sammel-Neubeschreibung wurde nun von einer internationalen Gruppe in „Vertebrate Zoology“ publiziert, an der Spitze wie so oft deutsche Forscher aus Darmstadt, Braunschweig, München, Hamburg und Berlin.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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