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Demokratie im Tierreich

Wer dafür ist, niest

Von Georg Rüschemeyer
 - 19:29
Auch wenn sie nicht danach aussehen: Harmonie wird unter Wildhunden großgeschrieben. Bild: ddp Images, F.A.S.

Am 24. September ist es wieder so weit: Deutsche Wähler machen ihr Häkchen bei jenen Parteien und Kandidaten, denen sie am ehesten zutrauen, in den nächsten vier Jahren die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gut 61 Millionen Deutsche dürfen an der Bundestagswahl teilnehmen, deren Durchführung etwa 92 Millionen Euro kosten wird – ein Riesenaufwand.

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Leichter hat es da der afrikanische Wildhund. Lycaon pictus lebt in kleinen Rudeln mit rund einem Dutzend Mitgliedern in der afrikanischen Savanne. Man kennt sich, und sind die unvermeidlichen Rangordnungskämpfe erst einmal ausgefochten, ist solch ein Wildhundrudel eine erstaunlich harmonische Gruppe. „Im Vergleich zu den eher despotisch geführten Rudeln von Löwen oder Wölfen, in denen es beim Teilen der Beute meist heftiges Geknurre gibt, geht es unter Wildhunden beim Fressen sehr freundlich zu“, sagt der australische Zoologe Neil Jordan vom Botswana Predator Conservation Trust. Zwar hätten Alphaweibchen und -männchen, denen auch die Erzeugung von Nachwuchs vorbehalten ist, Vorrang, wenn es um die Verteilung der Beute gehe, die meist aus kleinen Gazellen besteht. „Danach geht es aber nicht mehr nach Rangordnung, sondern nach Alter: Die jüngsten Tiere fressen zuerst“, sagt Jordan. Dieses Verhalten könnte seinen Grund in der Eile haben, mit der Wildhunde ihre Beute herunterschlingen müssen. Denn oft machen Hyänen oder Löwen den nicht besonders kräftig gebauten Hunden ihre frisch erlegte Beute streitig. Da bleibt schlicht keine Zeit, sich untereinander zu streiten.

Das Leben, von dem Haushunde träumen

Die Hilfsbereitschaft unter Wildhunden beschränkt sich nicht aufs Fressen. So beteiligen sich alle Mitglieder des Rudels an der Aufzucht der Welpen des Alphapaares und versorgen verletzte oder altersschwache Tiere, die nicht mehr mit auf die Jagd gehen können, mit Fleisch, das sie wieder hervorwürgen. Und zwischen den fast immer erfolgreichen Hetzjagden bleibt auch noch viel Zeit zum Sozialisieren und Spielen. „Sie leben das Leben, von dem Haushunde träumen“, sagte die britische Zoologin Rosie Woodroffe einmal der „New York Times“.

Doch selbst in einer solchen konfliktarmen Hundekommune bleibt es eine Herausforderung, gemeinschaftliche Entscheidungen zu treffen, die dann auch von allen mitgetragen werden. Dazu gehört die zweimal täglich akut werdende Frage, wann es nach einer längeren Verdauungs- und Ruhepause wieder an der Zeit ist, sich zu erheben und erneut auf die Jagd zu gehen.

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Das Problem, die Trägheit einer einmal ruhenden Gruppe zu überwinden, haben viele sozial lebende Tiere, auch uns Menschen ist es nicht unbekannt. Südafrikanische Erdmännchen besitzen dafür spezielle „Auf geht’s!“-Rufe, wie Forscher um die Zoologin Marta Manser von der Universität Zürich 2011 in den „Proceedings of the Royal Society B“ beschrieben haben. Dabei geht es offenbar recht basisdemokratisch zu: Blasen nur ein oder zwei Tiere zum Aufbruch, ändert sich am Verhalten der Gruppe wenig. Erst wenn mindestens drei Tiere ihren Willen zum Weiterziehen bekunden, überträgt sich die Aufbruchsstimmung mit großer Wahrscheinlichkeit auf die übrigen Artgenossen, und die Gruppe zieht geschlossen zu einer neuen Futterstelle. Ähnlich wie in manchen demokratischen Abstimmungen muss also ein Minimum der Wahlberechtigten, ein sogenanntes Quorum, seine Meinung äußern, damit die Wahl gültig wird. Alter, Geschlecht oder Stellung des Rufers in der Rangordnung der Erdmännchentruppe spielen dabei keine Rolle, hat Manser beobachtet.

Das rätselhafte Niesen vor der Jagd

Vergangene Woche berichtete nun das Team um Neil Jordan von einem ähnlichen Mechanismus zur Entscheidungsfindung unter Wildhunden, ebenfalls in den „Proceedings of the Royal Society B“. Kurioserweise verfügen die Hunde über kein spezielles Kläffen, um sich über einen Aufbruch zu verständigen. Sie geben stattdessen herzhafte Niesgeräusche von sich.

Jordan war aufgefallen, dass es Wildhunde vor dem Aufbruch zur Jagd besonders oft in der Nase zu kitzeln schien. Sein Verdacht, dass das explosionsartige Ausstoßen von Luft in diesem Zusammenhang nicht so sehr der Reinigung der Nasenschleimhaut, sondern als Wortmeldung zur Frage „Bleiben wir nun, oder gehn wir?“ dient, erhärtete sich in einer Studie an fünf Hunderudeln mit insgesamt 49 Tieren, die Jordans Team über ein Jahr hinweg im Okavango-Delta Botswanas beobachtete. Am Anfang eines jeden Aufbruchversuchs steht demnach eine sogenannte Rally (englisch für „Kundgebung“ oder „Kampagne“), eine lebhafte Begrüßungszeremonie, während deren eifrig geschnüffelt und geknufft wird. Sie wird von einem der Tiere angestoßen, das umherläuft, seine trägen Rudelgenossen grüßt und zum Mitmachen animiert. Sind diese noch zu vollgefressen und müde, geschieht häufig nichts. Trifft das Animationsprogramm jedoch auf Zustimmung, kommen die deutlich vernehmbaren Nieser ins Spiel. Sie bedeuten offenbar so viel wie „Ich bin dabei!“. Je mehr Hatschis als Reaktion auf eine Rally zu hören waren, desto größer war jedenfalls die Wahrscheinlichkeit eines unmittelbar folgenden Aufbruchs zur Jagd. Erfolgreichen Rallys gingen sechs bis neun Nieser voraus. Verlief eine Rally dagegen im Sand der Savanne, waren zuvor nur ein oder zwei Nieser ertönt.

Das notwendige Quorum erwies sich im Vergleich zu den Erdmännchen als weniger festgelegt und hing vom Rang des Tieres ab, welches die Rally initiiert hatte. Handelte es sich dabei um eines der Alphatiere, reichten schon drei Zustimmungsnieser aus der Gruppe. Mehr als dreimal so viel waren nötig, um der Rally eines rangniederen Tiers zum Erfolg zu verhelfen. Anders als bei Erdmännchen hat der Wille der Führer eines Wildhundrudels offenbar mehr Gewicht. Allerdings sind es auch die Alphatiere, die bei der Jagd die Führungsrolle übernehmen und damit das größte Risiko tragen, vom Beutetier einen Hufschlag auf die Nase zu bekommen.

Der letzte Beweis steht noch aus

Ob darunter noch eine weitere Rangordnung existiert, konnten Jordan und seine Kollegen nicht beurteilen. „Wegen des dichten Buschwerks, in dem die Tiere sich ausruhen, war es oft nicht auszumachen, von welchem Individuum ein Nieser kam“, erklärt Jordan. Dass das Niesen vielleicht nur ein indirekter Gradmesser für den Hunger des betreffenden Tiers ist, glaubt er nicht. „Dann müsste man während der Ruhephase kontinuierlich mehr davon hören. Wir fanden jedoch, dass sich die Nieser nur in den letzten Minuten vor dem Aufbruch stark häuften.“

Einen definitiven Beweis für die Rolle des Niesens als akustische Abstimmungskarte könnten Experimente erbringen, in denen man die Entscheidungsfindung der Hunde durch die Wiedergabe von aufgenommenen Niesern manipulieren würde. Vor solchen Wahlmanipulationen schreckt Jordan jedoch zurück. „Das wäre ein ziemlicher Eingriff in das Leben dieser vom Aussterben bedrohten Tiere, den wir mit rein akademischem Interesse kaum rechtfertigen können.“

Dabei haben die Zoologen des Botswana Predator Conservation Trust ansonsten wenig Hemmungen, die Kommunikation ihrer Schützlinge zu unterwandern. Um den Konflikt zwischen Mensch und Raubtier zu entschärfen, versuchen sie beispielsweise, Wildhunde durch das Ausbringen von Duftmarken an strategischen Stellen davon abzuhalten, auf Farmland des Menschen vorzudringen. Fallen den Räubern dort nämlich Hausrinder oder Ziegen zum Opfer, verfliegt die Sympathie des Menschen für die knuffig aussehenden Hunde mit den runden Ohren ganz schnell, und es hagelt trotz aller Schutzbemühungen Kugeln aus Blei. Dann hilft den Hunden auch ihre Basisdemokratie nicht mehr weiter.

Quelle: F.A.S.
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