Alles im grünen Bereich

Freiheit für den Igel

Von Jörg Albrecht
 - 12:35

Vor Jahren habe ich mal gehört, wie Igel Liebe machen. „Gaanz vorsichtig“, lautet die Antwort im Witz, aber das stimmt nicht. Es war mitten in der Nacht, und hinter dem Haus war ein derartiges Schnaufen und Fauchen zu hören, dass meine Frau erwachte und „Einbrecher!“ rief. Es war aber nur ein Igelpärchen, dass ungeniert zugange war. Bei anderer Gelegenheit konnte ich beobachten, wie Igelin und Igel sich vor der eigentlichen Paarung ausdauernd im Kreis umeinander drehten, als wollten sie Karussell fahren. Es kann jedenfalls keine Rede davon sein, dass der Braunbrustigel (Erinaceus europaeus) beim Sex besondere Vorsicht walten lässt.

Unter Gartenfreunden genießt der Igel höchstes Ansehen, weil er angeblich Nacktschnecken frisst. Vielleicht tut er das, aber wenn, dann nur, wenn er nichts anderes findet. Ansonsten zieht er Würmer, Käfer und andere Insekten vor. Wenn er ein Vogelei erwischen kann, sagt er keinesfalls nein, auch ein Küken lässt er sich schmecken. Fallobst lässt er durchaus liegen, und wenn ihm ein Apfel zwischen den Stacheln stecken sollte, hat er ihn ganz bestimmt nicht absichtlich aufgespießt.

Im Herbst, so heißt es, soll man das Laub zu großen Haufen zusammenkehren, damit der Igel was zum Überwintern hat. Bis dahin muss er sich ausreichend Fett angefressen haben, doch das schaffen nicht alle. Bei vielen Menschen ist das Mitleid mit dem armen Kerl so groß, dass sie ihn ins Haus holen, um ihn aufzupäppeln. Damit tun sie ihm jedoch keinen Gefallen, denn dann findet er garantiert nicht in den Winterschlaf. Die Fütterung ist auch nicht unproblematisch; zum Beispiel haben Igel, im Gegensatz zu manchen Nahrungshypochondern, tatsächlich eine echte Laktoseintoleranz, mit Milch kann man sie umbringen. Katzenfutter ist eher eine Notlösung.

Drohnenbrei soll die ideale Nahrung sein

Zum Haustier wird der Igel sowieso nicht. Bei einer Frau, die sich jedes Jahr im Spätherbst in eine Igelmutter verwandelte, sah ich aufgekratzte Igel die Wände entlangrasen, wobei sie es erstaunlicherweise schafften, ihren Kot bis in Kniehöhe zu verschmieren. Im Igel-Bulletin, das zweimal im Jahr vom Verein Pro-Igel herausgegeben wird, lese ich nun, dass Drohnenbrut für geschwächte Igel die ideale Nahrung sein soll. Normalerweise kommt er kaum an Bienenstöcke heran. Doch seit die Imker dazu übergegangen sind, die Waben mit dem männlichen Nachwuchs gezielt aus ihren Stöcken herauszuschneiden, um den Befall mit der gefürchteten Varroa-Milbe zu reduzieren, kann man dieses Zeug offenbar bekommen. Die Maden soll man tieffrieren, bei Bedarf wieder auftauen und entweder durch ein Sieb pressen oder kurz aufkochen; der Brei soll insbesondere für Jungigel ein Leckerbissen sein.

In derselben Ausgabe des Igel-Bulletins findet sich ein Nachruf auf Major Adrian Coles, den wohl berühmtesten Igelschützer Europas, der vor einiger Zeit im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Er war Gründer der British Hedgehog Preservation Society, die unter seiner Führung mehr als elftausend Mitglieder gewinnen konnte. Auf seine Initiative hin wurden überall in England kleine Rampen mit zwanzig Prozent Steigung errichtet, die es Igeln möglich machen, sich aus Weiderosten zu befreien, welche ihnen sonst zur tödlichen Falle werden können. Höchste Zeit, dass darüber auch mal in Deutschland nachgedacht wird.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Albrecht Jörg (echt)
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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