Amseln im Gesundheits-Check

Der gebeutelte Stadtvogel

Von Joachim Müller-Jung
 - 21:55

Die Amsel ist der Klassiker eines Kulturfolgers. Wo immer die sangesfreudigen Drosseln dem Menschen in die Städte folgten, ging es für die Vögel bergauf. Längst nicht jeder Vogel, dem der Wald als Heimat in die Wiege gelegt war, ist mit der Verstädterung so gut klar gekommen. Die Amsel wurde vom Wald- zum ganzjährigen Gartenvogel mit beachtlichen Populationen. Sie blieb allerdings nicht die einzige Kulturfolgerin. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich klar gezeigt, dass einige Vogelarten vom Land, zumal auch einige von einer monokulturbetonten Agrarlandschaft gebeutelte Arten, gerne ihre angestammten Territorien verließen und Zuflucht in den Städten suchten. Abwechslungsreichere Lebensräume gibt es für die Tiere kaum. Die Stadt als Mosaik an Biotopen. Dabei gilt, grob zumindest: Je größer die Stadt, desto größer der Artenreichtum. Ein paar Wermutstropfen gibt es trotzdem: Katzen und sterile Bauten.

Alles in allem aber schien insbesondere die Amsel unter Lärm, Dichte und dem Jagdtrieb der Katzen nicht existentiell bedroht. Die Populationsdichten sind mit einigen Schwankungen gewöhnlich höher als im Wald, wo die Amsel als Buschbrüter auch immer noch vorkommt. Aufhorchen ließen einige Ornithologen freilich die Forschungen über Kohlmeisen, die vor einiger Zeit bei diesem ebenfalls sehr erfolgreichen Kulturfolger ein seltsames Phänomen beobachteten. Die Vögel zieht es zwar in die Stadt, aber gesundheitlich bekommt sie ihnen offenbar schlecht. Die Forscher hatten von Tieren, die man mit Netzen gefangen hatte, Blutproben genommen und sich die Blutzellen genauer angesehen.

Ihr Augenmerk galt den sogenannten Telomeren. Das sind ganz bestimmte Abschnitte auf dem Erbgut, und zwar jeweils ein paar zehntausend Basenpaare am Ende jenes DNA-Fadens. Diese Chromosomen-Enden spiegeln nach überwiegender Auffassung der Biologen den Gesundheitszustand eines Individuums besser als etwa der stark schwankende Stresshormon-Level oder andere Blutwerte, weil die Länge der Telomeren quasi mit jeder Zellteilung zuverlässig kürzer wird. Telomeren gelten deshalb auch als die bislang beste Grundlage für die Bestimmung des Alters. Je älter ein Tier, desto kürzer die Telomere. Gleichaltrige Tiere mit kürzeren Telomeren altern also quasi schneller.

Der Verschleiß der Telomeren, das weiß man aus zahlreichen Laborexperimenten, kann insbesondere durch oxidative Prozesse in den Zellen beschleunigt werden – biochemische Reaktionen, die besonders bei angeschlagener Gesundheit gehäuft auftreten. Obwohl der genaue quantitative Zusammenhang zwischen Gesundheit und Telomerenlänge bei vielen Tierarten noch gar nicht bekannt ist, gelten die Telomere deshalb bei vielen Biologen als der bestmögliche Indikator für den Gesundheitszustand eines Individuums.

Das gilt auch für den an der niederländischen Universität von Groningen tätigen Evolutionsbiologen Juan Diego Ibanez-Alamo, der sich Amseln in seinem Heimatland Spanien vorgenommen hat. In fünf geographisch verschiedenen Regionen der iberischen Halbinsel haben er und seine Kollegen zwischen März und Juli junge und ausgewachsene Amseln mit Netzen gefangen und Blutproben genommen. Dabei wurden die in Vorgärten von Madrid, Sevilla, Granada, Dijon und Turku untersuchten Tiere jeweils mit Waldbewohnern verglichen. Die Ergebnisse der Publikation in der Zeitschrift „Biology Letters“ waren eindeutig: Sowohl bei den jungen Amseln, die das Nest erst im Frühjahr verlassen hatten, als auch bei den älteren Stadtvögeln waren die Telomere deutlich kürzer – bei älteren war dieser Effekt freilich besonders ausgeprägt. Die Waldbewohner waren offenbar in einem besseren Gesundheitszustand, sie altern langsamer, so die Interpretation der Forscher. Gleichzeitig aber haben die Biologen in der Stadt mehr ältere als jüngere Amseln gefangen als im Wald. Wie kann das sein? Die Forscher können da nur spekulieren. Möglich wäre, dass die Amseln im Wald einem höheren Räuberdruck ausgesetzt sind, etwa durch Beutegreifer wie Habichte und Marder. Oder es handelt sich um ein Paradoxon des Stadtlebens: In der Stadt zehren Stress, Lärm, schlechte Luft und Konkurrenzdruck an der Gesundheit, doch zugleich finden die Vögel in der Stadt mehr Futter als im Wald, sie müssen also weniger hungern – speziell im Winter – und erreichen deshalb ein höheres Lebensalter, zumindest im statistischen Mittel. Für diese Interpretation spricht auch ein Befund, den vor wenigen Jahren Biologen des Helmholtz-Umweltforschungszentrums in Leipzig präsentierten. Sie haben gezeigt, dass die Amseln das künstliche Licht in den Städten produktiv nutzen: Sie verlängern ihren Tag und fangen auch im Lichtschein vermehrt Regenwürmer auf dem Rasen. Der Preis: Weniger Ruhe, kürzerer Schlaf.

Das Stadtleben hat zwei Seiten

Die zwei Seiten des Großstadtlebens – viele Menschen werden die Analogie an sich selbst erkennen. Am Ende aber wird es darauf ankommen, die Daten in größeren Studien und in anderen Stadt-Land-Konstellationen zu wiederholen. Denn insgesamt sind bisher nur die Daten von jeweils ein paar Dutzend Stadt- und Waldamseln in die Gesundheitsdatenbank eingeflossen.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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