Urvogel Archaeopteryx

Der tollkühne Dinoflieger

Von Joachim Müller-Jung
 - 17:00
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Die größten Zweifel dürften endlich ausgeräumt sein: Der berühmte Urvogel Archaeopteryx, dessen Skelettüberreste seit dem Jahr 1860 mehrfach im bayerischen Solnhofen gefunden wurden, konnte sehr wahrscheinlich aktiv fliegen. Damit trägt er zu Recht den Titel, eine der ältesten Linien der flugfähigen Dinosaurier zu repräsentieren.

Der Archaeopteryx trug in seinem Schnabel Zähne und hatte einen langen Schwanz wie die Urechsen, doch er hatte auch Flügel und Federn. Weil aber wichtige Skelettmerkmale zum Ansatz einer kräftigen Flugmuskulatur fehlten, wie man sie bei heutigen Vögeln findet, wurde immer wieder gezweifelt, ob der Urvogel wirklich fliegen konnte. Hüpfend oder allenfalls vom Baum gleitend soll er nach Auffassung der Kritiker seine Flügel eingesetzt haben. Eine eher wenig ansehnliche Flugkunst.

Eine neue, von Forschern der European Synchrontron Radiation Facility (ESRF) in Grenoble in „Nature Communications“ veröffentlichte Studie zeigt nun: Die zum Fliegen gebrauchten mittleren Handknochen des Archaeopteryx waren viel dünner, leichter und zugleich viel dichter mit Blutgefäßen versorgt als die typischen Saurierknochen. Martin Röper vom Bürgermeister-Müller-Museum in Solnhofen ist sich jetzt sicher: Der elstergroße Urvogel flatterte vor 150 Millionen Jahren mindestens schon wie ein Fasan über den Boden – vielleicht um Hindernissen und Feinden auszuweichen, aber mutmaßlich auch schon, um in der tropischen Archipel-Landschaft seinerzeit von Insel zu Insel zu fliegen. „Damals war die Region ein subtropisches, flaches Randmeer“, so Röper, das heutige Europa sei abgesehen von einigen Inselkernen von lagunenartigen Becken und Korallenriffen bedeckt gewesen.“

In dem Steinbruch bei Solnhofen, in dem die ersten Archaeopteryx-Funde im Jahr 1860 gemacht wurden – damals nur eine Feder – ist bisher die einzige Stelle, an der man Überreste des Urvogels entdeckt hat. Mittlerweile sind fast ein Dutzend Fossilplatten mit den Knochenresten im Solnhofer Museum untergebracht. Weil diese Urvogel-Versteinerungen zu den weltweit wertvollsten Tierfossilien zählen, hat man bisher noch jeden Versuch strikt abgelehnt, die Knochen für Detailuntersuchungen heraus zu präparieren und mit scharfen Instrumenten zu untersuchen.

Die französischen Forscher um Dennis Voeten und Sophie Sanchez haben deshalb eine innovative bildgebende Scantechnik verwendet, um einen mikroskopischen Blick ins Innere der Urvogelknochen zu werfen. Mit dem Phasen--Kontrast-Synchrotron-Mikrotomographen, der am ESRF betrieben wird, lassen sich von dem im energiereichen Strahlungsfeld rotierenden Knochen an vielen Stellen Querschnittaufnahmen bis in die tiefsten Schichten erzeugen – Bilder, die anschließend im Rechner zu dreidimensionalen Aufnahmen zusammen gesetzt werden. Auf die Weise haben die Forscher die Knochen und damit die geometrischen Eigenschaften des Flugapparates von 69 unterschiedlich flugbegabten Echsen- und Vogelarten miteinander verglichen.

Anders gebaut als moderne Vögel

Das Resultat des Vergleichs war eindeutig: Archaeopteryx war zwar anders gebaut wie moderne Vögel, sein Flugstil unterschied sich ganz sicher von den Vögeln, die sich heute Hunderte Kilometer weit in der Luft halten und gleiten können.

Er kann auch nicht zwangsläufig als direkter Vorläufer der heutigen Vögel gesehen werden. Wahrscheinlich war er einer von mehreren flugfähigen Dinosaurierabkömmlingen im Jura, die neben den später sehr viel mächtigeren Pterosauriern die Lüfte eroberten. Doch der Solnhofer Urvogel war auch ganz sicher kein absolut unbegabter oder anatomisch rückgebauter Flügelträger, wie die Kiwis in Neuseeland oder die Pinguine in der Antarktis. Die Durchleuchtung des Archaeopteryx zeigt deshalb vor allem eins: Die Dinosaurier haben offenbar viel früher als bisher gedacht das aktive Fliegen gelernt.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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