Artenschutz

Wann ist ein Wolf ein Wolf?

Von Georg Rüschemeyer
 - 10:41
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Die ersten Anzeichen, dass sich im Revier etwas tat, waren tote Schafe. 65 zählte das Thüringer Umweltministerium bis Anfang Oktober in der Umgebung des Truppenübungsplatzes Gotha-Ohrdruf. Dass sich eine einsame Wölfin in der Gegend herumtrieb, war seit drei Jahren bekannt. GW267f lautete ihre offizielle Registriernummer, sie war wie etliche andere Wölfe zuvor aus Polen eingewandert. Anfangs hatte sie sich wohl ausschließlich von Wildtieren wie Rehen oder Kaninchen ernährt. Doch als man von Juli dieses Jahres an in ihrem Streifgebiet immer mehr gerissene Schafe fand, kam schnell ein Verdacht auf, der sich auf den Bildern einer Wildkamera bestätigte: GW267f ist nicht mehr allein. Die Wölfin führt zurzeit sechs vermutlich im Mai geborene Welpen. Und um die zu ernähren, kapriziert sich die alleinerziehende Mutter nun auf die leichter zu reißende Beute auf den Schafsweiden.

Die Fotos bestätigten aber noch einen weiteren Verdacht: Das dunkle Fell der Welpen verrät, dass ihr Vater nicht etwa ein weiterer einsamer Wolf ist, sondern sehr wahrscheinlich ein schwarzer Labrador, der immer wieder beim Streunen beobachtet worden war. Anfang des Jahres hat er sich zur Ranzzeit der Wölfin offenbar auf eine nicht ganz ungefährliche Liaison eingelassen.

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© AFP, afp

Artenschützer sehen das gar nicht gerne

Artenschützer sehen solche Mesalliancen zwischen Haustieren und ihren wilden Verwandten gar nicht gern. Denn obwohl die Domestizierung des Wolfes schon mehrere zehntausend Jahre zurückliegt und zu so gar nicht wölfischen Zuchtformen wie Spitz oder Chihuahua geführt hat, ist der Haushund doch nur eine Unterart des Wolfes geblieben und kann mit diesem relativ problemlos fruchtbare Nachkommen zeugen. Einmal eingekreuztes Hundeerbgut kann sich deshalb in der Wolfspopulation ausbreiten und den Genpool verwässern. Unter deutschen Wölfen könnte diese „Introgression von typischen Hundeallelen“, wie Genetiker das nennen, besonders schnell verlaufen. Denn die Population ist hierzulande noch klein. Umso stärker kann sich der Einfluss einiger weniger Hybridtiere auswirken. Es kommt dabei leicht zum sogenannten Gründereffekt.

Was also tun mit den Halbwölfen von Ohrdruf? Die Empfehlung der Experten ist eindeutig. „Aus Artenschutzgründen müssen die Jungtiere aus der Natur entnommen werden“, heißt es in einer Mitteilung des verantwortlichen Umweltministeriums in Erfurt. Die einfachste Lösung des Problems bestände darin, die Tiere abzuschießen. Das bringt nun wiederum Tierschützer auf die Palme; ortsansässige Jäger erhielten im Vorfeld bereits Drohbriefe. Ein Kompromiss könnte es sein, die Tiere einzufangen, zu sterilisieren und entweder in ein Gehege oder zurück zur Mutter zu bringen. Ob das realistisch ist, bleibt fraglich. Im bisher einzigen ähnlich gelagerten Fall 2004 in Sachsen wurden zwei Hybridwölfe in der Gefangenschaft derart gestresst, dass sie innerhalb eines knappen Jahres starben. Würde man die Wolfshunde andererseits nach der Sterilisation wieder freilassen, könnten sie weiterhin Schafe reißen, was die Akzeptanz des Wolfs an sich unter den ohnehin aufgebrachten Viehwirten nicht gerade fördern würde. Hinzu kommt die Sorge, die Mischlinge könnten weniger Scheu vor Menschen zeigen und dadurch zum Risiko werden.

Hybride zwischen Wolf und Hund gelten nach dem Gesetz bis in die vierte Generation als Wölfe. Damit sind sie einerseits streng geschützt. Anderseits stellt sich die Frage, ob sie wirklich noch echte Wölfe sind. An und für sich ist eine Hybridisierung unter verwandten Arten nichts Unnatürliches. Selbst Pferd und Esel, die genetisch bereits weit voneinander entfernt sind, können gemeinsame Nachkommen zeugen. Die Maultiere, die aus einer solchen Paarung hervorgehen, können sich allerdings nicht mehr fortpflanzen. Anders ist das bei den Vertretern der Gattung Canis. Wolf, Schakal, Kojote und Haushund können jederzeit fruchtbare Nachkommen hervorbringen. Diese Arten der Hybridbildung gilt inzwischen sogar als wichtiger Motor der Evolution neuer Formen und Spezies; so erklärt sich zum Beispiel auch die extreme Artenvielfalt unter den Buntbarschen der ostafrikanischen Seen.

Naturschützer bringt das naturgemäß in Verlegenheit, wenn sie entscheiden müssen, wie eine schützenswerte Art genetisch definiert ist. Eine Zeitlang hat man beispielsweise versucht, die Bestände der letzten Sumpfschildkröten Deutschlands durch den Import von Tieren aus Ost- und Westeuropa aufzufrischen. Inzwischen hat sich die Sichtweise durchgesetzt, dass diese Art aus bis zu zwanzig verschiedenen Linien oder Unterarten besteht, die man nicht miteinander vermischen sollte. Zumindest dann nicht, wenn man Artenschutz als strengen Schutz des vorindustriellen Ist-Zustandes versteht.

Noch komplexer wird es im Falle von Wolf und Hund, deren Entwicklung seit vielen tausend Jahren parallel läuft. In dieser Zeit kam es immer wieder zu Vermischungen. „Genetische Analysen zeigen zum Beispiel, dass die in manchen nordamerikanischen Wolfpopulationen vorkommende dunkle Fellfarbe aus einer lange zurückliegenden Hybridisierung mit Hunden stammt“, sagt die polnische Biologin Malgorzata Pilot, die an der englischen Universität Lincoln forscht. Offenbar habe sich das dafür verantwortliche Gen, das gleichzeitig eine Funktion im Immunsystem besitzt, aufgrund eines wie auch immer gearteten evolutionären Vorteils durchgesetzt. Andere typische Hundegene sind in diesen Tieren nicht zu finden, offenbar sortiert die Evolution solche neutralen oder gar nachteiligen Erbeigenschaften im Laufe der Zeit wieder aus.

Weniger eine wissenschaftliche als eine politische Frage

Ein kleines bisschen Hybridisierung mit Hunden scheint dem Wolf als Art also nicht geschadet zu haben. „Auch wir Europäer sind ja nach neuen Erkenntnissen das Ergebnis einer solchen Rückkreuzung des aus Afrika kommenden Homo sapiens mit den hier bis vor 30.000 Jahren lebenden Neandertaler“, sagt der italienische Wolfsexperte Luigi Boitani. Wie weit man das auch dem Wolf zugestehen wolle, sei weniger eine wissenschaftliche als eine politische Frage. „Wenn eine Wolfpopulation wie jene in der Umgebung von Grosseto bereits zu vierzig Prozent aus Hybriden unterschiedlicher Generationen besteht, braucht man sich um weitere Einkreuzungen durch streunende Hunde keine großen Sorgen zu machen. Im Falle von weitgehend reinerbigen Wölfen wie in den italienischen Alpen oder in Deutschland lohnt sich dagegen der Aufwand, Hybridisierungen zu vermeiden.“

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Ähnlich argumentiert Carsten Nowak, Leiter des Fachgebiets Naturschutzgenetik am Frankfurter Senckenberg-Institut. Letztlich sei der Streit um den Wolf ein Konflikt zwischen konservativ eingestellten Naturnutzern wie Bauern oder Jägern und einem eher links orientierten Natur- und Umweltschutz. „Unter Experten herrscht jedenfalls die nahezu einhellige Meinung, dass Hybridisierung eine der größten Bedrohungen für den langfristigen Erhalt des Wolfs in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft darstellt.“

Völlig unbeirrt von solchen Argumenten zeigt sich eine wachsende Schar von Hundezüchtern, die dem vermeintlich degenerierten Haushund wieder mehr Wolf verleihen wollen. Entsprechende Kreuzungen entwickeln häufig ein unberechenbares Verhalten, wie das Beispiel des Tschechoslowakischen Wolfhundes zeigt, der in den sechziger Jahren zur Bewachung des Eisernen Vorhangs aus Karpatenwölfen und Deutschen Schäferhunden gezüchtet wurde. Die Armee gab das Vorhaben bald wieder auf, weil die Mischlinge kaum zu trainieren waren. Manche Hundehalter glauben nach wie vor, dass sie das besser hinbekommen.

Quelle: F.A.S.
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