Ausgestorbene Tierart

Warum starb der Tasmanische Tiger aus?

Von Hildegard Kaulen
 - 16:47

Er ist seit Jahrzehnten ausgestorben. Dennoch wurde vor kurzem das komplettes Genom des australischen Beutelwolfs veröffentlicht. Das Erbmaterial stammt von einem vor 108 Jahren in Alkohol konservierten Jungtier und war derart gut erhalten, dass es von Forschern aus Australien und Deutschland entschlüsselt werden konnte.

Die Wissenschaftler um Andrew Pask von der University Melbourne und um Jürgen Schmitz von der Universität Münster haben aus dem Genom wichtige Informationen über das Schicksal, die Abstammung und die Ähnlichkeit des Beutelwolfs mit den Wölfen und den anderen Hundeartigen herausgelesen. Dieser Ähnlichkeit verdankt der Beutelwolf auch seinen Namen. Abgesehen von dem Beutel für die Jungtiere und den dunklen Streifen auf dem Rücken, war der Beutelwolf phänotypisch kaum von einem Wolf zu unterschieden. Wegen seiner markanten Streifen wurde er auch als Tasmanischer Tiger bezeichnet.

Fatale Isolation auf Tasmanien

Ursprünglich in Australien heimisch, gelangte der Beutelwolf erst später nach Tasmanien. In Australien starb er vor dreitausend Jahren aus, in Tasmanien 1936 mit dem Tod des letzten Exemplars in einem kleinen Zoo in Hobart. 1982 wurde der Beutelwolf offiziell auf die Liste der ausgestorbenen Tiere gesetzt. Pask und seine Kollegen zeigen nun anhand des Genoms, dass die Population bereits lange vor dem ersten Kontakt mit den australischen Ureinwohnern gefährdet war. Offensichtlich mangelte es ihr bereits vor 70.000 bis 120.000 Jahren an genetischer Vielfalt. Vermutlich weil die Zahl der Tiere durch klimatische Veränderungen dezimiert worden war, schreiben die Forscher in der Zeitschrift „Nature Ecology and Evolution“.

Video starten

Australischer BeutelwolfDas Ende eines besonderen Tigers

Mit der Besiedlung Australiens durch die Aborigines und der Konkurrenz durch den australischen Dingo schrumpfte die Population weiter, bis sie in Australien schließlich ausstarb. In der Isolation Tasmaniens hielt sich der Beutelwolf länger, allerdings schrumpfte die genetische Vielfalt dort durch Inzucht weiter. Wäre der Beutelwolf nicht ausgestorben, so stünde er heute, genetisch gesehen, vermutlich ähnlich schlecht da wie der Tasmanische Teufel, der ebenfalls zu den Raubbeutlerartigen gehört. Der Tasmanische Teufel besitzt durch die Isolation auf Tasmanien auch nur noch eine geringe genetische Vielfalt.

Genom klärt Verwandtschaftsverhältnisse

Anhand des Genoms haben die Forscher die Stammesgeschichte des Beutelwolfs nachvollziehen können. Die Spezies gehört in die erste Familie, die sich innerhalb der Raubbeutlerartigen abgespalten hat. Bisher dachte man, dass dies der Ameisenbeutler gewesen war. Die Entwicklungslinie der Raubtiere, zu der unter anderem der Wolf gehört, und die Linie der Raubbeutlerartigen haben sich vor rund 160 Millionen Jahren getrennt. Die Forscher haben im Genom des Beutelwolfs nach Erklärungen dafür gesucht, woher die große Ähnlichkeit mit dem Wolf und den anderen Hundeartigen rührt.

Diese Ähnlichkeit gilt als einzigartiges Beispiel für eine konvergente Entwicklung. Dabei beruhen Ähnlichkeiten nicht auf Abstammung, sondern darauf, dass Lebewesen unter den gleichen Lebensbedingungen zu ähnlichen Anpassungen kommen – beim Beutelwolf und Wolf zu einer raubtierartigen Lebensweise mit entsprechenden Merkmalen. Sie wollten wissen, ob der Beutelwolf und der Wolf unter den gleichen Selektionsbedingungen unabhängig voneinander zu ähnlichen Gensequenzen gekommen sind. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Pask schließt daraus, dass die Ähnlichkeiten über die Steuerung der Merkmalsausprägung zustande gekommen sein muss.

Der Mensch war letztlich Schuld

Mit der Entschlüsselung des Beutelwolf-Genoms werden jetzt auch wieder Stimmen laut, die eine Wiederauferstehung dieser Art fordern. Gentechnisch ist das derzeit nicht möglich. Man müsste zuerst das Genom des Beutelwolfs synthetisieren, es in die entkernte Eizelle eines Raubbeutlers implantieren und dann hoffen, dass das Tier einen lebensfähigen Beutelwolf zur Welt bringt. Jürgen Schmitz ist skeptisch. Selbst wenn es gelänge, einen Beutelwolf zur Welt zu bringen, so hätte man doch nur ein einziges lebendes Tier. Schmitz sieht nicht, wie man zu einer genetisch divergenten Population gelangen könnte, die in der freien Wildbahn bestehen würde.

Ausgestorben ist der Beutelwolf in Tasmanien nicht wegen seiner geringen genetischen Vielfalt, sondern durch die Hand des Menschen. Weil die dortigen Farmer in den Beutelwölfen eine Bedrohung für ihre Schafherden sahen, setze die Regierung 1830 ein Kopfgeld von einem australischen Pfund auf jedes erlegte Tier aus. Als die Verantwortlichen erkannten, was das für das Überleben der Art bedeutete, war es bereits zu spät.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAustralienTiger