Evolution

Kleine oder große Happen?

Von Diemut Klärner
 - 15:00

Der Europäische Aal (Anguilla anguilla) kommt in zwei Varianten daher: zum einen als Spitzkopfaal mit schmaler Schnauze und schwach ausgeprägter Kiefermuskulatur, zum anderen als Breitkopfaal, der mit seiner breiteren Schnauze kräftig zubeißen kann. Dass sich diese Spezialisierung schon viel früher herausbildet als bisher angenommen, haben kürzlich Zoologen von der Universität Gent entdeckt. Die Forscher um Jens De Meyer fingen an der Mündung des Leopold-Kanals durchsichtige Glasaale, die nach ihrer langen Wanderung quer durch den Atlantik gerade erst den Weg ins Süßwasser gefunden hatten.

Im Dienst der Wissenschaft wurden diese Jungaale in zwei Gruppen aufgeteilt und jeweils unterschiedlich ernährt: Die eine erhielt winzige Würmer und andere Häppchen, die sich einfach in die Mundhöhle saugen und schlucken ließen. Die Fische der anderen Gruppe mussten sich an größeren Happen festbeißen und mit vollem Körpereinsatz einzelne Bissen herausreißen. Nach fünf Monaten hatten sich die Jungaale der ersten Gruppe zu typischen Spitzkopfaalen entwickelt, die der zweiten Gruppe zu typischen Breitkopfaalen, wie De Meyer und seine Kollegen im „Journal of Experimental Biology“ berichten.

Wasserkraftwerke und Parasiten

Ähnliche Unterschiede, wenngleich nicht ganz so ausgeprägte, fanden sich auch in einer dritten Gruppe, in der den Jungaalen sowohl mundgerechte Häppchen als auch größere Brocken zum Fressen angeboten wurden. Trotz freier Auswahl wurden die jugendlichen Aale zu Spezialisten für ein ganz bestimmtes Nahrungsangebot. Vermutlich vermindert sich in freier Natur auf diese Weise die Konkurrenz zwischen den Artgenossen.

Mittlerweile sind Aale in ganz Europa rar geworden. Von der IUCN („International Union for Conservation of Nature“) listet sie als eine vom Aussterben bedrohte Art ein. Kein Wunder, denn in fast jedem Fluss wurde den wanderlustigen Fischen mit Wasserkraftwerken der Weg verbaut. Wenn erwachsene Aale wieder zurück ins Meer streben, geraten sie allzu leicht in eine Turbine und werden dort zerstückelt.

Zudem machen ihnen auch Parasiten zu schaffen sowie diverse Giftstoffe, die sie mit fetter Beute aufnehmen und dann im eigenen Fettgewebe ablagern. Womöglich, so die belgischen Forscher, ist die Version mit dem breiten Kopf und dem kräftigen Biss dabei besonders gefährdet. Denn solche Aale stehen recht weit oben in der Nahrungskette, in der sich Giftstoffe wie zum Beispiel Polychlorierte Biphenyle nach und nach anreichern.

Die digitale F.A.Z. PLUS
Die digitale F.A.Z. PLUS

Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

Mehr erfahren
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite