David Baltimore wird achtzig

Mit gebremstem Schaum

Von Joachim Müller-Jung
 - 07:00

Mit der Entwicklung eines Aids-Impfstoffes ist er gescheitert. Und wenn schon? Das ist die Art von Fragen, die David Baltimore stellt, wenn er auf die Schwierigkeiten, Verzögerungen und Fehlschläge reagieren soll, für die sich seine Disziplin, – die Genforschung – immer wieder rechtfertigen muss. Baltimore spricht nie für sich allein. Gescheitert womit? – würde er weiter fragen. Und auch das: Ist man gescheitert, wenn man für die Aids-Impfstoffforschung dem Staat in nur drei Jahren mehr als eine Milliarde Dollar aus den Rippen leiert?

Ohne Wissenschaftler vom Schlage eines David Baltimore wäre nicht nur die Aidsforschung der neunziger Jahre, es wären auch die Humangenomforschung und die Krebsforschung nie so radikal hochgefahren worden, wie es seit zwei Generationen zu beobachten ist. Natürlich hat ihn die politische Arbeit in Washington frustriert. Er wollte aber und er musste als einer der großen Gallionsfiguren der Genetik politische Verantwortung in Gremien übernehmen. Das war und ist Teil seines Geschäftes. Und sein Geschäft, das ist die energische, wenn auch vorsichtige Beschleunigung unserer humanbiologischen und medizinischen Zukunft.

Kein Menschendesign mit unreifen Technik

Spätestens als er nach einem Biologie- und Chemiestudium in New York an das berühmte, damals jedoch in der Biotechnik verwaiste Massachusetts Institute of Technology (MIT) kam, hatte ihn die unglaubliche Dynamik der DNA-Techniken gepackt. An der Rockefeller University in New York promovierte er, beide Weltklasse-Universitäten leitete er später für viele Jahre. Am MIT legte er auch den Grundstein für jene Entdeckung, die ihm 1975, mit nur 37 Jahren, den Medizin-Nobelpreis einbrachte: Er entdeckte das Enzym „reverse Transkriptase“, mit dem Viren wie der Aidserreger ihr RNA-Genom in DNA umzuwandeln und in die Blutzellen des Menschen einzubauen vermögen.

Seine fast beispiellose biopolitische Weitsicht und seine Zukunft als Leitwolf der Gentechnik wurde noch im gleichen Jahr sichtbar. Weil die evolutionäre Macht der Eingriffe ins menschliche Genom greifbar wurden, arbeiteten er und andere Genforscher auf der Konferenz von Asilomar ein Forschungsmoratorium aus. Vierzig Jahre später, Baltimore wechselte inzwischen als Präsident ans Caltech in Pasadena, wiederholte sich auf dem Washingtoner Weltgentechnik-Gipfel unter seiner Ägide und unter Beteiligung der chinesischen Wissenschaftsakademie dieser Moment des Innehaltens. Weiterexperimentieren, aber mit gebremsten Schaum, war seine Ansage. Und vor allem: keine Eingriffe in die Keimbahn, kein Menschendesign mit einer unreifen Technik. Ein Gen-Moratorium, das wie jenes von Asilomar, wenigstens formal für eine Bremswirkung sorgte. Die Dynamik des Genfortschritts, das weiß auch Baltimore, der heute seinen achtzigsten Geburtstag feiert, ist so nicht zu stoppen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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