Evolution im Stausee

Großmäuler im Vorteil

Von Diemut Klärner
 - 22:57

Evolution gilt gewöhnlich als ein so langsamer Prozess, dass ein Forscherleben nicht ausreicht, um Messbares zu beobachten. Doch wenn sich die Lebensumstände einer Tierart plötzlich drastisch verändern, entwickeln sich entsprechende Anpassungen mitunter erstaunlich flott. Auf so einen Fall stießen Wissenschaftler um Mariana Eloy de Amorim von der Universidade de Brasília mitten in Brasilien: Wo dort kleine Geckos auf winzigen Inseln in einem Stausee leben, schnappen sie sich größere Beute und sind auch merklich großmäuliger geworden.

Entstanden sind die fraglichen Inseln durch eine rigorose Umgestaltung der Landschaft. Und das ausgerechnet in der Cerrado-Region, die als ein Hotspot der Biodiversität gilt: Für das Wasserkraftwerk „Serra da Mesa“ wurden Ende der 1990er Jahre rund 1700 Quadratkilometer geflutet und die ortstypische Savannenlandschaft samt ihrer Tier- und Pflanzenwelt dem Untergang geweiht. Verschont blieben nur die kleinen Hügelkuppen, die nun als Inseln aus dem Stausee herausragen. Viele Tierarten sind dort mittlerweile ausgestorben. Die neu entstandenen Inseln erwiesen sich als zu klein, boten zu wenig Nahrung, um eine Population am Leben zu erhalten.

Erfolgreich behaupten konnte sich dagegen oft ein Gecko namens Gymnodactylus amarali, der mitsamt Schwanz kaum mehr als fingerlang wird. Diese auch rings um den Stausee häufige Echse ernährt sich mit Vorliebe von Termiten. Wo die Mini-Geckos ihr Biotop mit größeren Konkurrenten teilen, müssen sie sich meist mit den kleinen Happen begnügen, die von den anderen verschmäht werden – auf den neuen Inseln nicht. Wie die Forscher in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, verspeisen die Inselbewohner deshalb viel häufiger als ihre Artgenossen auf dem Festland stattliche Termiten.

Größere Köpfe

Das Fassungsvermögen eines Geckomauls setzt dem Appetit auf fette Beute zwar Grenzen. Die Geckos auf den Inseln im Stausee haben im Verhältnis zu ihrer Körpergröße allerdings größere Köpfe und breitere Mäuler. Mit durchschnittlich vier Prozent ist der Unterschied zwischen Inselbewohnern und Festlandbewohnern gering. Doch die Wissenschaftler kamen bei allen fünf Inseln, die in die Studie einbezogen wurden, zu demselben Ergebnis: Im Vergleich mit jeder der fünf benachbarten Festlandspopulationen sind die Geckos der Inselpopulationen jeweils kopflastiger. Offenbar sind in so isolierter Lage großmäulig veranlagte Tiere im Vorteil. Die Annahme, dass die kleine, aber signifikante Veränderung des Körperbaus genetische Ursachen hat, scheint plausibel, wenngleich der Beweis dafür noch aussteht.

Nicht nur Brasilien plant weitere große Wasserkraftwerke mit riesigen Stauseen. Den Biologen geben solche Projekte die Chance, quasi in gigantischen Freilandexperimenten die Mechanismen der Evolution zu studieren. Für die biologische Vielfalt der betroffenen Regionen ist die Flutung großer Flächen freilich ein Desaster. Nicht nur in tropischen Regenwäldern, auch in der Cerrado-Region, deren einzigartige Flora und Fauna ohnehin durch eine rapide Ausweitung der Landwirtschaft bedroht ist.

Quelle: F.A.Z.
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