F.A.Z.-Serie: Gehirntraining

Verändert Schönheit unser Gehirn?

Von Semir Zeki
© Bildvorlage: Bundesverband Gedächtnistraining e.V., F.A.Z.
In Schönheit untergegangen: eine kleine Suchübung

Es gehört zu den erklärten Zielen der Neuroästhetik, durch die Erforschung der typisch menschlichen Eigenschaften zu einem besseren Verständnis der menschlichen Natur zu gelangen. Über Sprache verfügt nur der Mensch, andere Eigenschaften wie die Fähigkeit, Wissen zu erzeugen, zu erwerben und weiterzugeben, erreichen beim Menschen ihre höchste Entwicklung. Wer allerdings heute etwas über die überwältigenden Leidenschaften in Erfahrung bringen möchte, die Menschen zu heroischen, aber auch schändlichen Taten treiben, zum Beispiel die Suche nach Schönheit, die Sehnsucht nach Liebe oder den Drang, zu lernen und sich in konstruktiver wie auch destruktiver Weise schöpferisch zu betätigen, der fände dazu in der neurobiologischen Literatur bisher nur wenig Substantielles.

Er griffe zu diesem Zweck eher auf die großen Klassiker der Literatur und die philosophischen Debatten der letzten zweitausend Jahre zurück oder auch, neben anderen Dingen, auf große Kunstwerke der Malerei, Bildhauerei und Musik. Deshalb habe ich vor mehr als einem Jahrzehnt die Neuroästhetik ins Leben gerufen, die das Ziel verfolgt, Erkenntnisse der Geisteswissenschaften für die Erforschung des menschlichen Gehirns zu nutzen.

Lust auf Neurobiologie

Es gibt gute Gründe, weshalb die Naturwissenschaften im Allgemeinen und die Neurobiologie im Besonderen die Geisteswissenschaften bei der Erforschung des Gehirns bisher kaum genutzt oder sich nicht experimentell mit den dort aufgeworfenen Fragen befasst haben. Dieselben Gründe vermögen auch zu erklären, warum die Geisteswissenschaften sich mit Fragen auseinandersetzen können, die für die Neurobiologie von fundamentaler Bedeutung sind oder sein sollten. Sie liegen in der Tatsache, dass die Naturwissenschaften objektive, quantifizierbare Daten verlangen. Während sich die Konzentration eines Neurohormons in einem bestimmten Hirnbereich objektiv nachweisen und quantifizieren lässt, gibt es – oder gab es zumindest bis vor kurzem – keine Möglichkeit, Aussagen wie „Ich habe große Lust auf X“ oder „Ich finde dieses Gemälde sehr schön“ zu verifizieren. Die Geisteswissenschaften haben sich keine Beschränkungen durch solche anspruchsvollen Kriterien auferlegt. Sie halten es nicht für notwendig, objektive, quantifizierbare Daten zur Stützung ihrer Annahmen und Hypothesen beizubringen.

Ohne Beschränkungen dieser Art erörtern sie zahlreiche Fragen, die für die Neurobiologie von großer Bedeutung sind: das Wesen der Schönheit oder der Liebe, die Bestimmungsgründe der Erkenntnis und deren Beschränkungen, die Merkmale des Sinns für Ästhetik und vieles andere. Auch bildende Künstler experimentieren in ihrer Arbeit mit Themen von großem neurobiologischen Interesse. So befassten sich Picasso und Braque in der frühen analytischen Phase des Kubismus intensiv mit der Frage, wie man Formen so darstellen kann, dass Entfernung, Blickwinkel und Lichtverhältnisse keine Rolle mehr spielen. Das ist nichts anderes als das neurobiologische Problem der Formenkonstanz, also die Frage, wie wir eine Form erkennen, wenn wir sie unter ganz verschiedenen Bedingungen betrachten. Mondrian beschäftigte sich intensiv mit den universellen Bestandteilen oder Bausteinen aller Formen. Neurobiologen befassten sich später mit demselben Problem und gelangten zu ganz ähnlichen (in meinen Augen wahrscheinlich ebenso falschen) Schlussfolgerungen, wonach die Gerade das Grundelement jeglicher Form bildet.

Kunstübungen des Gehirns

Für Cézanne war dagegen die entscheidende Frage die Modulation der Form durch Farbe, gleichfalls ein Problem, das für Neurobiologen äußerst interessant ist, wenn sie zu verstehen versuchen, auf welche Weise getrennte Form- und Farbsysteme im Gehirn zusammenwirken, so dass beide sich in unserer Wahrnehmung miteinander verbinden. Man könnte leicht weitere Beispiele finden. Wenn Künstler und Geisteswissenschaftler sich auf nichtobjektive und nicht quantifizierende Weise mit Themen auseinandersetzen, die auch Naturwissenschaftler interessieren, verliert ihre Arbeit dadurch nichts von ihrer Bedeutung für die Neurobiologie. Diese Arbeiten, ob aus der Literatur oder der bildenden Kunst, sind Hervorbringungen und Übungen des Gehirns, und durch ihre ernsthafte Erforschung lassen sich wichtige Erkenntnisse zur Organisationsweise des Gehirns gewinnen.

In der Entwicklung der kinetischen Kunst von Marcel Duchamp bis hin zu Jean Tinguely und Alexander Calder können wir feststellen, dass diese Künstler schrittweise reale Bewegung in das Kunstwerk selbst einbrachten und versuchten, Form wie auch Farbe gegenüber der Bewegung in den Hintergrund treten zu lassen. Hätte man die Arbeiten und Experimente kinetischer Künstler aufmerksam studiert, wäre man wahrscheinlich zu der Erkenntnis gelangt, dass die Bewegung ein gesondertes Merkmal der visuellen Wahrnehmung bildet und über ein eigenes Areal in der Großhirnrinde verfügt, dessen Zellen vor allem durch Bewegungsreize aktiviert werden, nicht aber durch Farbe und Form.

Lernen aus der Liebesliteratur

Solche Voraussagen (die man hätte machen können, aber nicht machte) werden heute durch physiologische Experimente bestätigt, die zeigen, dass es im visuellen Gehirn tatsächlich Areale gibt, die auf die visuelle Wahrnehmung von Bewegungen spezialisiert sind und auf Form oder Farbe nicht reagieren. Das heißt nicht, dass die Wissenschaft es sich erlauben sollte, ohne Experimente zu spekulieren, sondern lediglich, dass sie in den Künsten wichtige Anregungen finden kann. Diese künstlerischen Beschäftigungen, allesamt Hervorbringungen des Gehirns, bieten fundamentale Einsichten wie auch Anregungen für Untersuchungen, die den strengen Anforderungen der Naturwissenschaften eher entsprechen.

Ein weiteres Beispiel stammt aus der Erforschung einer äußerst überwältigenden Triebkraft – der romantischen Liebe. Über sie lassen sich zahlreiche Erkenntnisse gewinnen, wenn wir die Weltliteratur betrachten, die sich in allen Kulturen seit Platons Zeiten mit diesem Thema beschäftigt hat. Solch eine Studie lohnt sich für Neurobiologen, weil sie auf ein übergreifendes Verständnis von Liebe in allen Gesellschaften und Zeiten verweist. Das allein wäre für die Neurobiologie jedoch noch kein zureichender Grund für eine Erforschung der Liebesliteratur. Der Hauptgrund liegt in der Tatsache, dass solch eine Studie zu Konzepten führen könnte, die sich experimentell überprüfen lassen.

Schönheit im Neuronenfeuer

Die Neuroästhetik ist eine relativ junge Disziplin, die sich das Ziel setzt, Erkenntnisse aus der Erforschung der Künste und der Geisteswissenschaften für die Erforschung der Organisation des Gehirns nutzbar zu machen. Es handelt sich um eine experimentelle Disziplin. Sie ist keine Fortsetzung der Kunstgeschichte oder Kunstphilosophie, sie plant keine Übergriffe in diese Fachgebiete und ist auch nicht so arrogant zu glauben, sie könne die in den Geisteswissenschaften geleistete Arbeit anleiten oder beeinflussen. Ganz im Gegenteil. Für die Neuroästhetik lautet die entscheidende Frage im Augenblick eher, ob sie ihre erklärten Ziele überhaupt erreichen könnte, ohne sich auf die Geisteswissenschaften und die Künstler einzulassen, die sich schon sehr viel länger mit den von ihr behandelten Problemen befassen. Das zu tun hätte ebensowenig Sinn wie der Versuch, das musikalische oder sprachliche Gehirn zu verstehen, ohne die Musiktheorie oder die Sprachwissenschaft zu berücksichtigen, die beide tief in den Geisteswissenschaften verankert sind.

Frühere Generationen von Neurobiologen haben sich gescheut, Fragen folgender Art zu stellen: „Wie stellt sich ideale Schönheit in den Hirnaktivitäten dar?“, „Welche Beziehung besteht zwischen Schönheit und Belohnung oder Lust?“, „In welchem Verhältnis steht sie zum Schmerz?“, „Wie ist das Verhältnis zwischen Hirnaktivität und Kreativität?“. Moderne Neurobiologen begrüßen die Möglichkeit, solche Fragen in einem streng wissenschaftlichen Rahmen zu untersuchen, vor allem da wir in den letzten zwei Jahrzehnten so viel über das Gehirn einschließlich des emotionalen Gehirns gelernt haben.

Der Orbitallappen kann nicht trügen

Für sie ist Farbe, wie alle übrigen Wahrnehmungen, eine subjektive Empfindung, und Philosophen haben den Zusammenhang zwischen ihr und anderen Arten subjektiver Erkenntnis einschließlich der aus der Kunst abgeleiteten schon früher hergestellt. In der Vorrede zur zweiten Auflage seiner Abhandlung „Über das Sehen und die Farben“ schrieb Arthur Schopenhauer 1854, dass „eine genauere Kenntnis und festere Überzeugung von der ganzen subjektiven Wesenheit der Farbe beiträgt zum gründlicheren Verständnis der Kantischen Lehre von den ebenfalls subjektiven intellektuellen Formen aller unserer Erkenntnisse und daher eine sehr passende philosophische Vorschule abgibt“.

Viele Arbeiten aus jüngerer Zeit zeigen, dass wir heute die Fähigkeit besitzen, subjektive Empfindungen objektiv und quantifizierbar darzustellen. Wir wissen, dass die Stärke der Aktivität in zumindest einigen Hirnarealen in quantifizierbarer Weise mit der vom Probanden angegebenen Stärke der Empfindung korreliert. Das Erleben von Schönheit, das mit der Aktivität in einer gut abgegrenzten Hirnregion, dem Orbitallappen, zusammenfällt, ist ein gutes Beispiel. Wenn Probanden erklären, sie fänden ein Gemälde schön, ist die Aktivität dort stärker als in Fällen, in denen sie es als neutral oder hässlich empfinden.

Viele Dinge auf einmal

Es handelt sich hier um sehr radikale Entwicklungen in der Neurobiologie. Sie erlaubt es zum ersten Mal, der naturwissenschaftlichen Forderung zu genügen, wonach wir in der Lage sein sollten, Phänomene nicht nur zu beobachten, sondern auch zu quantifizieren und aus solchen Studien Voraussagen abzuleiten. In einem gewissen Sinne ist die Hirnforschung eine philosophische Forschung, die allerdings experimentell verfährt. Ich war schon immer der Auffassung, dass eine der ältesten Funktionen der Kunst tatsächlich die Erweiterung einer der Hauptfunktionen des Gehirns darstellt, nämlich des Wissenserwerbs. Platon, Kant und Schopenhauer – viele haben so gedacht und sich in ihren Schriften ausgiebig dazu geäußert.

In der Naturwissenschaft geht es um viele Dinge gleichzeitig: um definierbare Probleme, um Messung, um Genauigkeit, um die unvoreingenommene Prüfung empirischer Daten, um die Fähigkeit zur Voraussage. Aber vielleicht geht es vor allem um Neugier. Bei dem Versuch, unsere Neugier zu stillen, den Intellekt zu beschäftigen und Schönheit zu suchen und dabei auch die neurobiologischen Grundlagen unseres Menschseins zu ergründen, wird die Neuroästhetik neben vielen anderen Quellen auch die Erkenntnisse nutzen, die Künstler und Geisteswissenschaftler über die Jahrtausende gewonnen haben.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Semir Zeki ist Inhaber des ersten Lehrstuhls für Neuroästhetik, der in diesem Jahr am University College London eingerichtet wurde. Sein neuestes Buch, „Splendours and Miseries of the Brain“, erscheint im November diesen Jahres. Die bereits erschienenen Folgen sowie weitere Informationen zum Thema finden Sie im Internet auf unseren Seiten www.faz.net/hirntraining.

Quelle: F.A.Z.
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