Facetten der Evolution

Der Fressfeind als biologisches Taxi

Von Lea-Melissa Vehling
 - 15:49

Wenn man ein besonders unmobiles Tier benennen müsste, dann wäre es wohl die Stabheuschrecke. Zwar ist das Insekt Meister der Tarnung. Doch mit seinem langen, unbiegsamen Körper ist es leichte Beute für Vögel, die auf der Suche nach Nahrung im Lebensraum der Heuschrecke herumpicken.

Wenn die Heuschreckendame einmal begattet wurde, kann sie – selbst ist die Frau – immer wieder Eier legen. Vögel und andere Fressfeinde galten daher bislang als Existenzgefährdung für Heuschreckenpopulationen. Denn: Ist das Muttertier verschlungen, so dachte man, ist es auch mit den Eiern vorbei.

Eine in „Ecology“ erschienenen Studie zeigt jetzt: Vögel sind nicht nur Fressfeind, sondern auch Verbreitungshelfer für die Stabheuschrecken.

Unversehrt durch den Darm

Als Beute eines Vogels stirbt zwar die Mutterschrecke, doch die in ihr liegenden Eier schaffen es oftmals unversehrt durch den Magen-Darm-Trakt des Feindes. Stabheuschreckeneier sind für ihre besondere Härte bekannt. Die Forschungsgruppe rund um Kenji Suetsugu von der Kobe University in Japan geht davon aus, dass dahinter ein ähnlicher Trick der Evolution steckt, wie man ihn auch von Pflanzensamen kennt.

Weil Pflanzen ortsfest sind, vermehren sie sich oft dadurch, dass Tiere ihre Früchte fressen und die Samen an anderer Stelle wieder ausscheiden. Laut der neuen Studie verwenden Stabheuschrecken eine ähnliche Strategie. Die Forscher verfütterten Eier von vier verschiedenen Stabheuschrecken-Arten an Vögel. Ergebnis: Fünf bis zwanzig Prozent der Eier aller untersuchter Arten werden unbeschädigt ausgeschieden.

Ausbreitung auf fliegendem Weg

Während Pflanzen zur Sicherung ihrer Art darauf angewiesen sind, von Tieren gefressen zu werden, dient die Strategie der Stabheuschrecken offenbar vor allem der Ausbreitung. Durch ihre eingeschränkte Mobilität ist der Lebensraum der langen Insekten begrenzt. Mit den Wanderwegen von Vögeln könnten sich die Schrecken eine Art „biologisches Taxi“ zur Ausdehnung ihrer Art sichern.

Um diese These zu überprüfen will Suetsugu in einer vertiefenden Studie die Flugrouten von Zugvögeln mit dem Vorkommen genetisch ähnlicher, also miteinander verwandter, Stabheuschrecken vergleichen. „Außerdem wollen wir überprüfen, ob es Ähnlichkeiten in der genetischen Struktur von Stabheuschrecken und Pflanzenarten gibt, die zur Ausbreitung auf Vögel angewiesen sind“, so Suetsugu.

Quelle: FAZ.NET
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