Flugdrachen

Meister des Gleitflugs

Von Diemut Klärner
 - 18:07
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Flugdrachen machen ihrem Namen alle Ehre. Um von einem Baum zum anderen zu gelangen, benötigen diese Echsen aus der Gruppe der Agamen keine Brücke aus Ästen und Zweigen. Statt zu Fuß zu gehen, spreizen sie fünf bis sechs Paar Rippen ab, die stark verlängert sind. Mit den dazwischen ausgespannten Flughäuten können sie dann im Gleitflug Dutzende von Metern zurücklegen. Meist werden diese fliegenden Reptilien mit frei nach vorne gestreckten Armen dargestellt. Vermutlich aus folgendem Grund: Um sicher zu landen, müssen sich Flugdrachen schließlich flugs an einem Ast oder Baumstamm festkrallen können. Damit sie ihren Landeplatz zielsicher ansteuern können, sollten Flugdrachen nach gängiger Ansicht die Muskeln an ihren verlängerten Rippen zu Hilfe nehmen. Das scheint aber wenig plausibel: Diese Rippen können sich zwar dank eigener Muskulatur fächerförmig spreizen und wie ein Regenschirm auch wieder zusammenklappen. Da die fraglichen Muskeln ursprünglich – wie in unserem Brustkorb – zum Ein- und Ausatmen dienten, arbeiten sie aber rechts und links synchron. Deshalb ist es schwer vorstellbar, dass sich die aufgespannten Flughäute als tauglich erweisen, wenn es im Luftraum herumzukurven gilt.

Dass Flugdrachen ihre Manövrierfähigkeit auf ganz andere Weise steigern, hat Maximilian Dehling von der Universität Koblenz-Landau bei einem Forschungsaufenthalt im Südwesten von Indien beobachtet. Demnach nutzen die fliegenden Echsen ihre Arme zum Steuern und zum Lenken. Denn gleich zu Beginn des Gleitflugs koppeln sie diese Gliedmaßen an den vorderen Rand der Tragflächen an. Als Forschungsobjekt diente Dehling der Flugdrache Draco dussumieri. Diese zierliche Echsen mit gut fingerlangem Körper und etwas längerem Schwanz, tummeln sich an Plantagen mit Kokos- und Betelnusspalmen. Von ähnlicher Statur sind auch die anderen mehr als drei Dutzend Vertreter der Gattung Draco, die vor allem in Südostasien heimisch ist.

Steuern mit den Vorderbeinen

Mit einer Kamera dokumentierte Dehling, wie die Flugdrachen munter von einem Palmenstamm zum anderen durch die Luft segeln. Was der Forscher bei der anschließenden detaillierten Analyse der Bildsequenzen herausgefunden hat, berichtet er jetzt in der Online-Zeitschrift „Plos One. Da Flugdrachen ihren Rücken nach dem Absprung stets deutlich krümmen, wölben sich die entfalteten Flughäute ähnlich wie der Gleitschirm eines Paragilders. Gleichzeitig strecken sich die Arme und bewegen sich nach hinten und oben. Binnen Bruchteilen einer Sekunde erreichen sie den vorderen Rand der Tragflächen, wo die Hände sofort zugreifen und sich an der Oberseite festklammern. Derart handgreiflich verankert, ziehen die ausgestreckten Arme die Flughäute noch etwas mehr in die Breite. Als neue, massive Vorderkante verändern die Arme zudem das Profil der Tragflächen und verbessern damit wohl auch die aerodynamischen Eigenschaften.

Im Vergleich mit anderen asiatischen Agamen, die ebenfalls auf Bäumen leben, haben die Flugdrachen ein besonderes Händchen für das Ankoppeln der Flughäute entwickelt: Wie unsere Hände können sich auch die ihrigen zur Seite drehen, und zwar in Richtung der Ellenbogen. Wenn ein Arm dicht an die Tragfläche herangerückt ist, können die Hände deshalb mühelos auf deren Oberseite zugreifen. Die Handgelenke nahe verwandter Echsen, die nur zu Fuß unterwegs sind, haben dagegen seitlich kaum Bewegungsfreiheit. Außerdem sind bei den Flugdrachen der zweite und fünfte Finger gerade so lang, dass beide eine schwielig verdickte Stelle zwischen der ersten und zweiten Rippe erreichen. An den vergrößerten Schuppen hinter der zweiten Rippe können sich die beiden mittleren, deutlich längeren Finger festkrallen. Mitunter reißen sie dabei ein kleines Loch in die Flughaut neben den Schuppen, was die Funktionstüchtigkeit der Tragflächen jedoch nicht zu mindern scheint.

Dracos Flugtechnik ist einzigartig

Hat ein Flugdrache seine Flughäute vollständig ausgebreitet, so gleitet er annähernd horizontal dahin und erreicht Geschwindigkeiten von mehr als zwanzig Kilometern pro Stunde. Mitunter ist die Flugbahn jedoch alles andere als geradlinig: Eines der von Maximilian Dehling beobachteten Tiere flog in einer Spirale um einen Palmenstamm herum. Ein anderes Exemplar demonstrierte seine Wendigkeit, indem es mitten in der Luft umkehrte und an den Stamm zurückflog, von dem es ursprünglich gestartet war. Doch wie auch immer der Ausflug verläuft, kurz vor dem Ziel hebt der Flugdrache seine Hände, um die Landung einzuleiten. Da er die Flughäute weiterhin fest im Griff hält, biegt sich die Vorderkante der Tragflächen am Rand nach oben. So wird der Mini-Drache abgebremst, und sein Körper dreht sich in eine senkrechte Position.

Die Finger lösen sich erst unmittelbar vor der Landung von den Flughäuten. Die Arme strecken sich ebenso wie die Beine, dem Landeplatz entgegen. Während der Flugdrache mit seinen Krallen Halt findet, faltet er seine Flughäute bereits wieder platzsparend zusammen und verstaut sie seitlich am Körper. Anders als bei Fledermäusen und Flughörnchen werden die Arme nur während des Gleitflugs zu einem Teil der Tragflächen. Wenn die Mini-Drachen zu Fuß unterwegs sind, können sie alle Viere ebenso ungehindert für die Fortbewegung verwenden wie Echsen ohne Flughäute.

In der heutigen Fauna haben ausschließlich Vertreter der Gattung Draco die Fähigkeit, ihre Vorderbeine beim Fliegen an die Tragflächen anzukoppeln und danach wieder abzukoppeln. Nach Einschätzung von Dehling dürfte die Evolution aber schon mehrmals ganz ähnliche Konstruktionen hervorgebracht haben: Von der Trias bis zur Kreidezeit finden sich fossile Reptilien wie Icarosaurus, die einige auffällig verlängerte Rippen besitzen, so wie heutzutage die Flugdrachen. Coelurosauravus aus dem Perm hatte dagegen stabförmige Hautknochen entwickelt, zwischen denen er einst wohl ebenfalls Flughäute ausspannen konnte. In bildlichen Rekonstruktionen gleiten diese Tiere mit frei vorgestreckten Vorderbeinen durch die Luft. Eine Darstellung, die bei den fossilen Gleitfliegern womöglich ebenso falsch ist wie bei der Gattung Draco.

Wo keine lebenden Vorbilder existierten, war zweifellos viel künstlerische Phantasie nötig, um Flugdrachen fliegend zu zeichnen. Warum bestimmte Bilder bis heute immer wieder kopiert werden, bleibt jedoch ein Rätsel. Als vor gut dreihundert Jahren erstmals Präparate dieser exotischen Reptilien nach Europa kamen, gab es nämlich auch schon realistischere Darstellungen: Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts malte Maria Sibylla Merian ein präpariertes Exemplar der Gattung Draco, dessen Arme sich am Rand der ausgebreiteten Flughäute ausstrecken.

Quelle: F.A.Z.
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