Glosse

Glücksfolter

Von Manfred Lindinger
 - 14:00

Mit Musik geht alles besser, mit Musik wird vieles leicht“ - ältere Zeitgenossen werden sich gewiss noch an diesen Evergreen von Werner Bachmann erinnern und an dessen swingende Melodie, bei der man sogleich einen flotten Foxtrott aufs Parkett legen möchte. Wie recht der Komponist mit seinem Stück hatte, wird jeder sofort bestätigen können. Ob man die Betten macht, bügelt, den Boden wischt, Fenster putzt oder Geschirr spült - tatsächlich gehen mit der richtigen Musik alltägliche und langweilige Tätigkeiten plötzlich viel leichter von der Hand. Freilich darf auch beim Sport ein flotter Beat nicht fehlen.

Offenkundig werden auch bei noch so öden oder anstrengenden Tätigkeiten entsprechende Areale im Gehirn angeregt und jede Menge Glückshormone ausgeschüttet. So wird für die meisten auch das mühsame Hantelstemmen und das schmerzhafte Bauchmuskeltraining zum Vergnügen, und die sonst so öden Jogging-runden im Wald oder auf dem Sportplatz scheinen wie im Flug zu vergehen. Aber offenkundig wird der Kraftakt noch weitaus angenehmer und noch effizienter, wenn man mit seinem Trainingsgerät die Musik selbst erzeugen kann. Das scheint zumindest eine Studie von Neurowissenschaftlern aus Leipzig zu belegen.

Trotz weniger Sauerstoff mehr Leistung

Thomas Hans Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und seine Mitarbeiter haben verschiedene Sportgeräte so umgebaut, dass die Trainierenden ihnen harmonische Töne oder vorantreibende Rhythmen entlocken können - je nach Körpereinsatz, versteht sich. Die rund sechzig Teilnehmer der Studie im Alter von zwanzig bis fünfzig hätten das Training durchweg als weniger anstrengend empfunden. Untersuchungen während der Kraftübungen zeigten zudem, dass die Muskeln viel effizienter arbeiteten. Trotz weniger Sauerstoffzufuhr hätten sie mehr geleistet. Schon nach wenigen Minuten seien deutlich mehr Glückshormone geflossen, als wenn sich die Probanden an das starre Trainingsprogramm hielten.

Berauschende Ergebnisse, die auch erklären, warum bei der anstrengenden Arbeit auf Plantagen und Feldern häufig rituelle Gesänge angestimmt werden. Fritz hofft, die Erkenntnissen vor allem für die Musiktherapie verwenden zu können. Mancher Besitzer eines Fitnessclubs dürfte schon eine neue Marketingstrategie wittern, sollten sich die Resultate herumsprechen. Rauschende Töne am Rudergerät, heiße Rockbeats auf dem Laufband, Sambarhythmen auf der Hantelbank, Marschmusik beim Bizepstraining, Mozart auf der Gymnastikmatte? Der wirklich Glückliche hat dann Ohrenstöpsel gegen diese Folter.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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