Alles so schön rot hier

Von SONJA KASTILAN
Foto: Getty

05.06.2018 · Der Granatapfel stammt nicht von hier. Seine Spur lässt sich trotzdem in Potsdam und Berlin verfolgen: von der Orangerie zum Pergamonmuseum und weiter.

S echs Zacken in der Krone, sein Thron ein Obstkorb. Zu Hause darf der Granatapfel eine Weile neben Orangen, Zitronen, Avocados und Bananen ruhen, bis er irgendwann im Joghurt oder Salat landet. Dann verstärken seine Samen die selbstgemachte Vitaminbombe und bringen mit saftigem Rot kräftig Farbe auf den Tisch. Vielleicht auch aufs Tuch. Von unliebsamen Flecken abgesehen, scheint es ohne Granatäpfel gar nicht mehr zu gehen. Sie sind überall. Sogar für Spülmittel, Handseife und Wischtücher scheint ihr Zusatz ein Gewinn zu sein, von Cremes, Cocktails und orientalischen Speisen ganz zu schweigen.

Weil vor jeder Frucht zunächst eine Pflanze gedeihen muss, bietet sich für den wahren Genuss von Punica granatum eine Exkursion zur Botanik und Kulturgeschichte an. Seit Jahrtausenden wissen Menschen dieses Gewächs zu schätzen, neben Dattel, Feige, Olive und Traube sind es die ältesten kultivierten Früchte überhaupt. So kann die Spurensuche vom Wochenmarkt ins Museum führen und später an einem Berliner Bartresen enden, nachdem sie ihren Anfang im Schlosspark von Sanssouci nahm. Dort verbreitet die Große Orangerie italienisches Flair, was an einem sonnigen Tag im Mai zum Müßiggang verführt. Wo aber eine gewaltige Speerlilie ihre Blüte reckt und rosa Vergissmeinnicht nebst weißen Gänseblümchen sowie Buchsbaum malerisch den Rasen säumen, gibt es statt dolce far niente reichlich zu tun.

Für ein Glas Saft sind bis zu fünf Granatäpfel nötig. Die Mühe lohnt sich. Foto: plainpicture/Westend61/Sandra Ro

Tilo Seeger fährt im gelben Radlader vor. Er lässt den Säulenhof samt der Statue Friedrich Wilhelms IV. von Preußen zügig hinter sich und biegt nach rechts in den Westflügel ein. Seit zwölf Jahren arbeitet Seeger im Schlosspark von Sanssouci, inzwischen ist der 33-Jährige als Gartenmeister für die Orangerie verantwortlich und lässt diese gerade aus ihrer Winterruhe erwachen. Kübel um Kübel werden alle Pflanzen ins Freie gekarrt, trotz Gabelstapler, Kran und Traktor keine leichte Angelegenheit: Mehr als 900 Gewächse in den verschiedensten Formschnitten und Maßen müssen aus dem Gebäude gewuchtet werden. Als Erste nehmen Lorbeerbäumchen ihren Platz auf der Terrasse ein, weil ihnen ein paar Minusgrade nachts nichts anhaben; Zitruspflanzen sind da empfindlicher, und pralle Sonne vertragen selbst sie nicht auf Anhieb. „Es herrschen ja keine idealen Bedingungen“, gibt Seeger zu bedenken. Die Pflanzen stehen rund sechs Monate drinnen, draußen erwarten sie dann Wind und Wetter. So etwas wie Sonnenbrand gilt es natürlich zu vermeiden. Es würde den Pflanzen schaden, somit Preußens Pracht und dem Unesco-Weltkulturerbe.

In der eisengefassten Glasfront stehen die Kippfenster offen, doch zwischen den Pflanzen liegt ein bittersüßes Bouquet schwer in der Luft. Etliche Palmen und blühende Zitrusgewächse warten in langen Reihen auf ihre Ausfuhr, und während wir zu den hintersten Kübelpflanzen vordringen, erklärt Seeger, dass die größeren Zitrusbäume 1936 anlässlich der Olympischen Spiele nach Berlin gekommen seien. Angeblich. Später gelangten sie nach Potsdam, wo sie den Zweiten Weltkrieg überstanden. Damals wohl von eher schmächtiger Gestalt, denn alles, was schön und kräftig aussah, wurde als Reparationsleistung mitgenommen.

Der Granatapfel lässt sich botanisch als Panzer- oder Trockenbeere beschreiben. Die Zahl der Zacken seiner Krone sowie die seiner Kerne variiert. Letztere kann durchaus 1300 übertreffen. Symbolisch sind es 613 – so viele Mitzwot (Vorschriften) hält die Thora bereit, die die fünf Bücher Mose des Alten Testaments umfasst. Meist leuchten die Blüten in Rotorange, manche Sorten erblühen allerdings in Weiß. Foto: Harms, D./wildlife

Zurück blieben auch die vier Granatapfelbäume, bei denen Seeger schließlich anhält. Ihr Alter wird auf etwa achtzig Jahre geschätzt; stark zurückgeschnitten, lassen junge Triebe das hübsche Laubdach nur erahnen. „Man glaubt gar nicht, wie schön die gleiche Pflanze im Herbst sein wird“, sagt Seeger. Draußen werden sie sich entfalten; Ende Juli, Anfang August leuchten orangerote Blüten.

„Wenn wir sie Ende September wieder reinräumen, haben sich kleine Früchte gebildet“, verspricht Seeger. Ganz im Gegensatz zu den zwanzig kleineren Punica-Gewächsen, die näher zur südlichen Fensterfront stehen und bereits lange Triebe gebildet haben, bisher aber noch niemals Blüten. Dem Gartenmeister missfällt zudem ihr Wuchs, und dass sich bald jemand um sie kümmern muss, erkennt er an auffälligen weißen Flecken: „Schmierläuse. Sie sind unser größtes Problem, hier wurde noch nicht gespritzt, deshalb sieht man viele Nester. Das ist richtig ekelhaft.“ Um den Parasitenbefall einzuschränken, setzen die Gärtner nach einem starken Wasserstrahl die Drahtbürste ein, um bröckelige Rinde abzulösen, als letztes Mittel kommen Pestizide zum Einsatz. Geschieht das draußen, muss man den betroffenen Bereich entsprechend absperren – in einem öffentlichen Park ist die Giftspritze nur unter bestimmten Auflagen gestattet. Im Feld haben Granatapfel-Bauern noch mit ganz anderen Schädlingen zu kämpfen, sie müssen Bakterien, Pilze und Insekten wie den Fruchtbohrer fürchten. Deshalb sind neben Größe, Farbe, Blüte, Saft, weichen Kernen und Süße auch Resistenzen ein wichtiges Kriterium für die Zucht.

Dass für Sanssouci besondere Regeln gelten, wird spätestens deutlich, wenn Tilo Seeger erklärt, warum er Lehm und Hornspäne unter die Kübelerde mischt oder welche Vorzüge teure Bottiche aus Eichenholz gegenüber Plaste-Töpfen haben; Holz atmet und reguliert die Wärme besser, ist außerdem stabiler - und repräsentativer. Auch soll der Bestand an Zitruspflanzen erweitert werden, denn Palmen und Lorbeer mussten nach dem Krieg als Ersatz herhalten, nun sollen die Schlossterrassen wieder im ursprünglichen Glanz erstrahlen. In einem Grün, wie es schon der große Gartenfreund Friedrich II. schätzte. Für die Orangerie bedeutet das: mehr Bitterorangen, die robuster und einfacher zu überwintern sind, als viele andere ihrer Verwandten.

Das unter König Friedrich Wilhelm IV. von 1851 bis 1864 errichtete Orangerieschloss im Park Sanssouci Foto: dpa

Mit dem Alten Fritz im Garten

W enn imposante Phoenixpalmen, die man zu DDR-Zeiten innigst liebte, der Denkmalpflege im Weg stehen, haben dann Granatäpfel überhaupt eine Daseinsberechtigung im preußischen Park? Für solche Fragen ist Katrin Schröder zuständig, die Kustodin für Gartendenkmalpflege: „Wir arbeiten konzeptionell und reduzieren deshalb das Sortiment.“ Was nicht passt, wird eben nicht länger mitgeschleppt, deshalb flogen riesige Palmen aus dem sogenannten Sizilianischen Garten. Man habe nachgeforscht, und laut den Quellen stand dort so etwas nie, zudem wurden andere, fürs Konzept wichtige Pflanzen verdeckt. Die Granatapfelbäume dürfen jedoch bleiben: „Sie stehen immer an den Rampen“, sagt Schröder. In der Aufstellung wechseln sich im Sizilianischen Garten dann Hochstammrosen, Buchsbaum und Granatapfel ab. Hier gehört er tatsächlich hin, am liebsten blühend und mit Früchten. Mit den zwanzig Immer-nur-Grünen dürfte es also kein gutes Ende nehmen.


„Sie stehen immer an den Rampen“
KATRIN SCHRÖDER

Um welche der mehr als 500 existierenden Sorten es sich bei den Blütenverweigerern handelt, ist unklar. Die vier älteren Exemplare wiederum gehören vermutlich zu P. granatum var. nana: eine kleinwüchsige Zierform, die manchmal als eigene Art betrachtet wird oder eben als Sorte. Botaniker reihen Granatäpfel in die Ordnung Myrtales ein. Und ob sie als Punicaceae eine eigene Familie bilden oder nicht doch zu den Weiderichoder gar den Myrtengewächsen zählen, ist unter Fachleuten umstritten. Ansonsten umfasst die Gattung Punica lediglich zwei Spezies. Die in Pink blühende P. protopunica etwa wächst endemisch auf der zum Jemen gehörenden Insel Sokotra im Indischen Ozean. Sie wird gerne als Urform der Gattung interpretiert, von der die vielfach kultivierte Art P. granatum abstammen könnte. Deren Herkunftsgebiet liegt in Westasien, vermutlich in Iran und im Nordosten der Türkei, von dort hat sie sortenreich die Welt erobert und die unterschiedlichsten Kulturen geprägt. Ihr Einfluss findet sich nicht nur in traditionellen Gebräuchen, Mythen und Rezepten, auch das Kunsthandwerk, Religionen und Sprachen – Granate, Grenadier, Granada – ließen sich von dem kernigen, „phönizischen“ Apfel inspirieren. Im Mittelmeerraum war man vor allem auf Zypern früh von der gekrönten Frucht mit dem blutroten Saft begeistert, und mit den Phöniziern reiste sie dann westwärts; Händler brachten sie nach Asien, und mit den Spaniern erreichten die Granatäpfel Amerika. So wird das Obst heute in Tunesien, Indien, Japan, Spanien, Peru oder Kalifornien geerntet und natürlich in seinen angestammten Regionen. Insgesamt mehr als drei Millionen Tonnen weltweit.

Wandvertäfelung im Schloss Sanssouci von Johann Christian Hoppenhaupt 1752/53. Foto: Sonja Kastilan

Frost bekommt Punica nicht besonders gut, doch in Orangerien überstehen die licht- und wärmeliebenden Gewächse selbst einen harten deutschen Winter. Im Inventar von Schloss Rheinsberg findet die Pflanze 1802 immerhin Erwähnung. Und auf Schloss Sanssouci, das Friedrich II. sich Mitte des 18. Jahrhunderts als Wohnsitz im Rokokostil gestalten ließ, gehörte der Granatapfel gleich von Anfang an dazu. Neben allerlei Obstbäumen, Weinreben, Blumenzwiebeln, 36 Orangenbäumen sowie Mirthus, „Pumpelmuß“ und Bergamotte entdeckte Katrin Schröder in einer Inventarliste aus dem Jahr 1746 tatsächlich „2 Stück gefüllte Grenadbäume“, gut 1,40 Meter hoch. Bunt wie eine Gartenausstellung wurde nach und nach eine größere Sammlung über Ankäufe aufgebaut, an die vierhundert Orangenbäume soll sie einmal umfasst haben. Hölzerne Interimsbauten dienten beinahe hundert Jahre als Orangerie, bis sie baufällig waren und abgerissen wurden. Ihre Aufgabe erfüllt jetzt ein Gebäude im Stil der italienischen Renaissance, das Friedrich Wilhelm IV. Mitte des 19. Jahrhunderts errichten ließ. Es sei keine Nutzgärtnerei, sondern ein Schloss, das die Gewächshauskultur feiert, stellt Schröder fest und gerät ins Schwärmen. Auf dem Weg von der Orangerie zur eigentlichen Sommerresidenz Sanssouci erzählt die Kustodin die Entstehungsgeschichte – stolz, dass nicht längst ein Café eingezogen ist, sondern nach wie vor Pflanzen von dem ausgeklügelten Belüftungssystem in den mehr als hundert Meter langen und sechzehn Meter breiten Hallen profitieren. Diese Orangerie dient traditionell als Kalthaus, das vor Frost schützt, aber keine tropische Wärme bietet. Im Winter herrschen darin Temperaturen um die fünf Grad Celsius.

In Blau, Türkis und Olivgrün strahlt das Punica-Muster dieser osmanischen Keramik aus Iznik. Der Teller hat einen Durchmesser von 37,5 Zentimetern und ist etwa zwischen 1530 und 1540 entstanden. Foto: Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz/Christian Krug, Petra Stüning

Im „Voltairezimmer“ von Sanssouci angekommen, drängt sich sofort die 1782 dokumentierte Bezeichnung auf: Blumenkammer. Weiße Porzellanblüten und Blattwerk formen die Leuchter, und die vanillefarbene Wandtäfelung ist über und über mit Blütenranken, Sträuchern sowie Früchten verziert. Dazwischen turnen Affe, Storch, Papagei und eine bunte Vogelschar recht lebensnah. Unter diesen plastischen Holzschnitzereien aus den Jahren 1752/53 findet sich tatsächlich auch der Granatapfel en détail wieder. Die zahlreichen Kerne lassen keinen Zweifel zu, aber auch die roten Knospen sind charakteristisch. Es wird Zeit, die Frucht selbst zu kosten und in der S-Bahn nach Berlin im schmucken „Granatapfelbuch“ von Bernd Brunner zu blättern.

Dass am Potsdamer Bahnhof ausgerechnet Joghurteis mit Granatapfelsoße angeboten wurde – ein Zufall. Weitaus süßer schmeckt jedoch Khoreshte Fesenjan, ein persisches Schmorgericht, das mit Huhn „in einer Sauce aus gehackten Walnüssen, Granatapfelmark und Safran“ zu genießen ist. So steht es auf der Karte des Restaurants „Shayan“ beschrieben. Oder doch lieber die vegetarische Variante mit Auberginen oder den Salat mit Granatapfelessig? Verlockend klingt auch die Granatapfel-Dattelhonig-Soße, die das Lokal „Kanaan“ mit seiner israelisch-palästinensischen Küche zu Salaten reicht. In Berlin trifft Europa kulinarisch auf den Nahen Osten, auftischen könnte man dazu Geschirr mit kobaltblauem Zwiebelmuster. Es ist aus der Mode gekommen, doch das berühmte, um 1739 nach chinesischem Vorbild entstandene Meißner Dekor zeigt keineswegs Zwiebeln, sondern außer Blüten und Bambus ein paar Früchte. Darunter Granatapfel, den die sächsischen Maler auf ihre Weise gestalteten. Erfolgreiche Phantasiegebilde, wohingegen sich Muster auf osmanischen Keramiken aus dem 16. Jahrhundert viel eher als Granatäpfel und ihre Blüten identifizieren lassen, obwohl sie in Blau- und Grüntönen gehalten sind und das Innere nach außen gekehrt erscheint.

Orientalische Lebensfreude

I m Orient taucht der Granatapfel schon im 3. Jahrtausend vor Christus in Abbildungen auf. Er ist Symbol für Fruchtbarkeit und das Leben schlechthin, gerne kombiniert mit einem Stier oder Lebenswasser spendenden Gottheiten. Iranische und assyrische Motive stellen die Pflanze mitunter als Lebensbaum dar, andere zeigen die Frucht als gekröntes oder geflügeltes Rund, naturgetreu oder halbiert. So ist er im Relief, auf Kacheln, Salbgefäßen und an Amphoren zu finden oder sogar als Schelle; Goldschmiede formten Ohrringe, Anhänger und Nadeln entsprechend. Letztere haben die Minoer schon vor mehr als 3000 Jahren genutzt, und Phönizier trugen Granatäpfelchen gerne im Halsschmuck, wie ein Fund aus Spanien belegt. Die Früchte sind oft Attribute weiblicher Gottheiten, in der griechischen Klassik wurde der Granatapfel zum Symbol der Aphrodite und auch der Artemis. Im Koran, in der Bibel und natürlich in den Geschichten aus „1001 Nacht“ spielen diese ungewöhnlichen Früchte eine Rolle. Sie erfüllen beispielsweise eines Königs Kinderwunsch. Fünfzig Kerne wurden verzehrt, fünfzig Prinzen gezeugt – welch magische Wirkung.

Der reine Genuss wäre auf dem Markt am Maybach-Ufer in Berlin-Kreuzberg immerhin günstig zu haben, das Kilo für 1,99 Euro. Dass es sich bei den ledrig umhüllten Kugeln um Panzer- oder Trockenbeeren handelt, ist hier nicht wichtig. Es ist schlicht Obst. Als französische „Grenade“, was zugleich Granate bedeutet, findet es sich am unteren Ende des Marktes auf einem Poster mit „Fruits“ wieder – an einem Stand werden alte Schaubilder in Neuauflage verkauft. Ein Nachbar bietet granatroten türkischen Honig mit Pistazien an, und eine „Vitaminquelle“ lockt mit frisch gepressten Säften. Sechs Euro für einen halben Liter sind wohl nicht zu viel verlangt, wenn das Getränk so gesund ist, wie manche behaupten (siehe „Von bunten Stoffen...“). Reich an Gerb- und Farbstoffen sollte nur nichts aufs T-Shirt kleckern, wobei Delphinidin oder Cyanidin viel schöner klingt als: roter Fleck.

Das Stuckfragment gehörte zum Raumschmuck eines Palastes in Ar-Raqqa, Syrien. Um das Jahr 800 formte man aus Gips dieses Weinblatt und eine Frucht, die als Granatapfel interpretiert wird. Foto: Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz/Christian Krug, Petra Stüning
Mehr als ein Kilo schwer und 24 Zentimeter hoch: Die Metallkanne aus dem 12. Jahrhundert ist mit Segenswünschen verziert (Iran). Auf dem Bandhenkel bildet ein stilisierter Granatapfel die Daumenstütze. Foto: Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz/Christian Krug, Petra Stüning

Alte Mauern, kühle Getränke

E in Besuch im Pergamonmuseum steht nun an, wo das Vorderasiatische Museum und das für Islamische Kunst mit einem Teil der Antikensammlung vereint sind. Wenn in Berlin Spuren aus frühester Zeit zu finden sind, dann dort. Eine Reise ins südliche Zweistromland würde außerdem länger dauern als die Fahrt mit Bus und U-Bahn zur Museumsinsel. Touristen drängt es hier zum berühmten Pergamonaltar, wir folgen – mit anderem Ziel. Auch für das babylonische Ischtar-Tor muss ein Seitenblick genügen. Vor rund 4800 Jahren legte man in Susa, einst Hauptstadt des Reiches Elam, heute Iran, den Toten durchaus Tonfrüchte ins Grab. Wohl in der Hoffnung auf eine Wiedergeburt, und auch in Babylon fand man Granatapfel-Anhänger sowie eine gläserne Frucht, doch die sind nicht hier. Also die Treppe hoch und Martina Müller-Wiener folgen, die Kuratorin für Islamische Kunst kennt sich aus. Bevor sie aber Ausstellungsstücke erklärt, die eindeutig mit dem Granatapfel in Verbindung stehen, wie etwa die Daumenstütze auf einer Kanne aus dem 12. Jahrhundert oder der farbenfrohe osmanische Teller, steuert Müller-Wiener den Mschatta-Palast an.


„Die ganze Fassade ist mit Blüten, Weinranken und Früchten dekoriert, mittendrin finden sich Tiere“
MARTINA MÜLLER-WIENER

Ein Prachtstück des Museums, obwohl es sich nur um einen Teil der Fassade handelt, nicht um das Wüstenschloss selbst. Dessen Bau wurde im 8. Jahrhundert im heutigen Jordanien angefangen, in einer der ersten islamischen Dynastien, und später bei einem Erdbeben zerstört. „Die ganze Fassade ist mit Blüten, Weinranken und Früchten dekoriert, mittendrin finden sich Tiere“, erläutert Müller-Wiener, die hier Granatäpfel vermutet. Wir suchen so lange, bis wir glauben, im Relief ein paar Früchte entdeckt zu haben. Erst dann verfolgen wir die Geschichte weiter.

Wie die Ägypter goldene Granatäpfelchen zu Ketten reihten, ist sicher ebenfalls hübsch anzusehen. Doch der nächste Museumbesuch wird verschoben, Regen droht, und es ist spät. Irgendwann am Abend führt der Weg nach Schöneberg ins Stagger Lee. In dieser Bar empfiehlt sich so einiges, die Entscheidung fällt auf „Tabula Rasa“, eine Frühlingskreation. Darin trifft Gin unter anderem auf den hausgemachten Granatapfel-Kardamom-Grüntee-Sirup, und auch wenn die Seele dadurch nicht in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden kann: Das Leben lässt sich feiern.

VON BUNTEN STOFFEN UND GESUNDER FARBE

Die Kerne werden von einem saftigen Samenmantel (Arillus) umhüllt, der mal süß mal eher herbsauer schmeckt. Getty Images/Dorling Kindersley
Er ist eine echte Granate, wenn es um das Potential seiner Inhaltsstoffe geht, und zwar sowohl von Fruchtfleisch, Schale, Kernen als auch Blättern, Rinde und Wurzeln. Natürlich ist Vitamin C wichtig, ebenso Kalium, Calcium, Kupfer, Niacin und Magnesium; auch Zucker und Proteine sind vorhanden. Die mehr als 150 phytochemischen Substanzen sind es jedoch, die Punica granatum als Pflanze hochinteressant machen. Darunter sind Phenole, Flavonoide, Tannine (Gerbstoffe), Saponine, Triterpene, aromatische Verbindungen, Glycoside, Steroide, Carotinoide, Alkaloide und Fettsäuren.

Aus den Blättern wurde einst Tinte gewonnen; die Rinde und Schalen dienten zur Ledergerbung. Und dass sich Teppiche und Baumwollstoffe mit Granatäpfeln schön färben lassen, kann vermutlich jeder leicht nachvollziehen, der schon einmal selbst damit hantierte; dafür eignen sich die Früchte, aber auch die Blüten. Die Kosmetikindustrie hat vor allem das Öl der Kerne für sich entdeckt, das die Hautregeneration unterstützen und Schäden nach UV-Bestrahlung mindern soll. Kurzum eine Verjüngungskur, da es neben Linolsäure offenbar Vitamin E, Steroide und weitere Fettsäuren wie Palmitin-, Stearin- und die mehrfach ungesättigte Punicinsäure enthält. Auch die Blätter sollen Wirkung zeigen, aber es sind vor allem die Früchte – Schale, Samen oder eben Saft –, von denen man sich außer Genuss und Nährstoffen noch einen medizinischen Nutzen in vielerlei Hinsicht erhofft, und das seit altersher. Die ayurvedische Lehre setzt Granatäpfel traditionell gegen Parasiten und Geschwüre oder bei Durchfall ein, und die in Indien praktizierte arabische Lehre Unani nutzt sie etwa zur Diabetesbehandlung.

Durchstöbert man die Literatur, scheint der Granatapfel ein Wundermittel zu sein, mit dem sich auch Unfruchtbarkeit, Aids oder Alzheimer behandeln lässt: Bei solchen Versprechungen ist Vorsicht geboten. Da biologisch aktive Substanzen aber reichlich vorkommen, Alkaloide, Tannine und Anthocyane etwa – Letztere sind Farbstoffe und starke Antioxidantien – versucht man heute herauszufinden, wie die Frucht der Medizin helfen könnte, zum Beispiel um Chemotherapien zu unterstützen; klinische Studien dazu stehen noch aus. Sie zu essen oder den Saft zu trinken gilt jedenfalls als gesund.

Literatur:
Bernd Brunner, „Das Granatapfelbuch“, 101 Seiten, gebunden, 14 Euro, Insel Verlag 2018.

Quelle: F.A.S.